‚Die AfD gibt bestimmten Menschen ein Gefühl des Stolzes zurück‘

Dabei analysiert Schroeder die Rolle der Medien, den gesellschaftlichen Umgang mit Scham und erklärt, weshalb aus seiner Sicht genau diese Mechanismen den Erfolg der AfD begünstigen.

Als Bettina Böttinger Florian Schroeder begrüßt, steht zunächst dessen neues Buch „Happy End“ im Mittelpunkt. Schnell wird jedoch deutlich, dass sich das fast einstündige Gespräch längst nicht auf Literatur beschränkt. Vielmehr entwickelt sich eine intensive Diskussion über Journalismus, gesellschaftliche Polarisierung und die Frage, weshalb autoritäre Parteien derzeit so erfolgreich sind.

Böttinger lässt ihrem Gast viel Raum, hakt aber immer wieder nach und bringt eigene Erfahrungen aus ihrer jahrzehntelangen journalistischen Arbeit ein. Dadurch entsteht weniger ein klassisches Interview als vielmehr ein Gedankenaustausch, der regelmäßig von persönlichen Erlebnissen zu grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen wechselt.

Schroeder beschreibt zunächst, wie sich seine eigene Arbeitsweise verändert habe. Zwar verstehe er sich weiterhin als Satiriker, inzwischen recherchiere er jedoch deutlich journalistischer als früher. Ihm gehe es heute darum, Themen möglichst umfassend zu durchdenken, bevor sie auf der Bühne oder in Büchern landen. Unterhaltung bleibe wichtig, gleichzeitig wolle er gesellschaftliche Entwicklungen besser verstehen. Von dort schlägt Böttinger den Bogen zu einem Gespräch, das Schroeder kürzlich gemeinsam mit dem Journalisten Paul Ronzheimer geführt hat. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur internationale Krisen wie der Krieg in der Ukraine oder der Nahost-Konflikt, sondern vor allem die Rolle der Medien selbst. Wie vermitteln Journalistinnen und Journalisten Wirklichkeit? Warum wächst bei vielen Menschen das Misstrauen gegenüber klassischen Medien? Und wie verändert Social Media den öffentlichen Diskurs?

Gerade diese Fragen beschäftigen Schroeder zunehmend. Er beobachte eine wachsende Entfremdung zwischen Medien und Publikum. Plattformen wie Instagram oder YouTube seien längst nicht mehr nur Orte für Diskussionen, sondern würden immer häufiger zur Bühne öffentlicher Beschämung. Kommentare dienten oftmals nicht mehr dem Austausch von Argumenten, sondern der persönlichen Herabsetzung des Gegenübers. Als Beispiel nennt Schroeder den Satz „Ich schäme mich für Sie“, der ihm im Internet immer häufiger begegne. Dahinter stecke weit mehr als bloße Kritik. Wer einen anderen Menschen öffentlich beschäme, signalisiere zugleich, dass dieser gar nicht erkenne, wie falsch sein Verhalten sei. Die Diskussion werde dadurch nicht geöffnet, sondern beendet.

Besonders spannend wird das Gespräch, als Böttinger nachfragt, ob genau diese Mechanismen inzwischen auch den politischen Diskurs prägen. Schroeder bejaht dies ausdrücklich. Während moralische Überlegenheit früher häufig progressiven Milieus zugeschrieben worden sei, würden rechte Gruppen diese Strategien inzwischen ebenfalls übernehmen. Wer sich gegen Rechtsextremismus äußere, werde häufig nicht sachlich kritisiert, sondern persönlich lächerlich gemacht oder als unfähig dargestellt.

Von dort führt Schroeder seine wohl weitreichendste These aus. Die Versprechen vieler Glückscoaches, Selbstoptimierungsprogramme oder Motivationstrainer funktionierten nach demselben Prinzip wie autoritäre Politik. Zunächst werde Menschen vermittelt, sie genügten nicht. Anschließend werde ihnen ein einfacher Weg gezeigt, wie sie endlich erfolgreich, glücklich oder anerkannt werden könnten. Genau dieses Muster erkenne er auch bei der Alternative für Deutschland (AfD). Dort gehe es weniger um konkrete politische Lösungen als vielmehr um das Gefühl persönlicher Selbstermächtigung. Menschen werde vermittelt, dass sie ihre Stärke und ihren Stolz zurückgewinnen könnten, wenn sie lediglich bestimmten politischen Versprechen folgten.

Besonders ausführlich beschäftigt sich Schroeder mit dem Demokratieverständnis vieler AfD-Anhänger. Seiner Beobachtung nach werde Demokratie dort häufig nicht mehr als Ausgleich unterschiedlicher Interessen verstanden. Stattdessen gelte als demokratisch, wenn ausschließlich die eigene Meinung umgesetzt werde. Wer den eigenen Willen verwirkliche, werde automatisch als demokratisch angesehen – unabhängig davon, ob andere Positionen berücksichtigt würden.

Böttinger greift diesen Gedanken mehrfach auf und lenkt das Gespräch auf die emotionale Dimension politischer Entscheidungen. Schroeder verweist dabei auf seine Recherchen, wonach Scham und Stolz heute eine immer größere Rolle spielten. Menschen, die sich über Jahre gesellschaftlich herabgesetzt fühlten, entwickelten häufig als Gegenreaktion ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung. Genau dieses Bedürfnis werde von autoritären Parteien gezielt angesprochen. Dabei gehe es zunächst gar nicht darum, ob politische Versprechen tatsächlich eingelöst würden. Entscheidend sei vielmehr das Gefühl, endlich wieder ernst genommen zu werden. Gerade darin sieht Schroeder einen wesentlichen Grund für den Erfolg der AfD.

Interessant ist dabei auch seine Kritik an der allgemeinen Debattenkultur. Dauerhafte moralische Verurteilungen könnten den gegenteiligen Effekt haben und Menschen weiter in autoritäre Milieus treiben. Wer ständig signalisiert bekomme, falsch zu sein, suche irgendwann nach einer politischen Bewegung, die stattdessen Anerkennung verspreche. So entwickelt sich das Gespräch mit Bettina Böttinger letztlich zu einer Analyse des gesellschaftlichen Klimas. Zwar liefert Schroeder immer wieder persönliche Einblicke und berichtet von seinen Recherchen, doch im Mittelpunkt stehen die Veränderungen der öffentlichen Kommunikation. Seine Diagnose fällt deutlich aus: Medien, soziale Netzwerke und Politik verstärken sich inzwischen gegenseitig und genau deshalb seien Vertrauen, Streitkultur und demokratische Debatten wichtiger denn je.
13.07.2026 12:55 Uhr Kurz-URL: qmde.de/173456
Fabian Riedner

super
schade


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