«Insekten»-Spielfilm-Regisseur ‚Wir wollen lieber faszinieren als alarmieren‘
Nepomuk Pfaff spricht über die fünfjährige Entstehung von «Insekten – Helden im Verborgenen», spektakuläre Makroaufnahmen, den bewussten Verzicht auf KI-Bilder und darüber, warum Insekten die eigentlichen Helden unseres Planeten sind.
Herr Pfaff, «Insekten – Helden im Verborgenen» erzählt die Geschichte der Erde aus der Perspektive der kleinsten Lebewesen. Wann entstand die Idee, einen Kinofilm genau über diesen Mikrokosmos zu machen?
Wir erleben unseren Alltag immer durch unsere eigenen Augen. In diesem Kinofilm haben wir die Chance, die Perspektive viel kleinerer, oft übersehenen Wesen einzunehmen, und ihre unglaubliche Bedeutung für unsere Welt kennenzulernen.
Die Reise unseres Teams in diesen Mikrokosmos begann bereits vor fünf Jahren mit der Vision eines Films, aber damals wussten wir noch gar nicht, was auf uns zukommt. Wir arbeiteten das Konzept sehr viel größer aus, als es das Budget eigentlich hergab, aber unser Kernteam aus drei Leuten war vom Thema und von der Idee so überzeugt, dass wir neben unseren beruflichen Tätigkeiten über diese fünf Jahre mit Herzblut und Leidenschaft an diesem Film arbeiteten.
Der Film beginnt vor 480 Millionen Jahren. Warum war es Ihnen wichtig, die Evolution der Insekten so groß und episch zu erzählen?
Insekten sind doppelt so alt wie die Dinosaurier, und sie haben sie überlebt! Insekten waren die ersten Lebewesen, die das Fliegen lernten. Insekten sind wahnsinnig faszinierend und irgendwie auch komisch und anders - sie sind einfach cool. Die Welt der Insekten ist so vielfältig und komplex, dass man sie ewig studieren kann. Sie haben es verdient eine große Bühne zu bekommen.
Ich bin ein großer Fan von Werner Herzogs Idee der ekstatischen Wahrheit, die die subjektive, empfindbare Wahrheit als Ziel hat, um tiefe Erkenntnisse zu erzeugen. Stilisierung und Manipulation sind erlaubt und notwendig, um dieser poetischen Wahrheit näher zu kommen. Die Ehrfurcht vor der Natur und ihren Schöpfungen kann nur so herüber kommen.
Der Film ist eine Reise in unsere eigene Vergangenheit, eine Reise durch die Zeit und eine Reise in eine Parallelwelt, die sich direkt unter unseren Füßen befindet, aber für alles um uns herum verantwortlich ist. Es ging uns darum diese große Geschichte erfahrbar und erlebbar zu machen. Und ich würde mir wünschen, wenn gerade auch jüngere Menschen Lust auf diese Art Film haben - ich hätte es - denn für uns habe ich den Film auch ein bisschen gemacht.
Viele Menschen nehmen Insekten eher als lästig wahr. Wie schwierig war es, daraus eine emotionale Kinogeschichte zu entwickeln?
Wir haben versucht die Menschlichkeit in den Insekten zu finden, und nahbare Geschichte und Probleme zu erzählen, die jeder Zuschauer kennt. Das läuft für gewöhnlich bei Naturfilmen so, aber in der Tat fällt es sehr viel leichter ein Löwenbaby süß zu finden als Insekten. Aber wenn dem Zuschauer klar wird, dass sie die selben Probleme im Alltag haben wie wir Menschen, kann man sie verstehen und mit ihnen mitfiebern, hoffen und fürchten.
Statt von oben auf die kleinen Tiere hinabzublicken, sind wir auf ihre Augenhöhe gekommen. Und ich glaube auch ein Gesicht zu erkennen macht die Wesen viel nahbarer- was wir teilweise mit dem speziellen Kameraequipment überhaupt erst ermöglichen. Wir können diese kleinen Gesichter ganz groß auf die Kinoleinwand projizieren, und ich glaube das macht auch etwas mit einem.
Ihre Bilder arbeiten stark mit Makroaufnahmen und beinahe surrealen Perspektiven. Wie aufwendig war es technisch, diese verborgene Welt sichtbar zu machen?
Während des Projekts kamen gerade KI-generierte Videos auf, und für unser kleines Budget wäre das sicherlich eine gute, einfache Lösung gewesen, um Aufnahmen zu erstellen. Für uns war jedoch sofort klar, dass in unserem Film KI generierten Aufnahmen keinen Platz finden werden. Auch wenn die Bilder in Unserem Film teils unglaublich abstrakt wirken, haben wir eine Mischung aus diversen Techniken angewandt, um den Zuschauer im Kinosessel versinken zu lassen.
Wir wollen nicht alles verraten, was ich aber sagen kann: Je näher man heran geht, desto abstraktere Bilder entstehen. Wir haben uns mehrere Tage ins Studio eingeschlossen, um die abstrakten Aufnahmen im inneren der Puppe während des Prozesses der Metamorphose, zu erzeugen. Paul Pack, unser Kameramann, ist ein Tüftler und wahnsinnig kreativ. Manchmal mag man gar nicht glauben mit welch einfachen Mitteln man ein vollkommen surreales, immersives Bild erzeugen kann.
Wir hatten zudem großartige Partner, wie Chris Parks, der unter anderem auch die Universumssequenz in «The Tree of Life» erstellte, der analoge Flüssigkeitsphotographie anwendet, um das Innere der Puppe abstrakt zu verbildlichen. Aus China haben wir durch chemische Photographie erzeugte Bilder von auflösenden Blüten erhalten, aus Amerika die besten Slow Motion Aufnahmen von fliegenden Insekten und - auf der anderen Seite der Zeitmanipulation - Zeitrafferaufnahmen einer Komposition von aufgehenden Blüten. Dieser Film ist auch ein bisschen ein Sammelsurium aus den besten Insekten- und Naturaufnahmen, die existieren, und wir sind wahnsinnig dankbar für alle Experten, die uns dabei unterstützt haben!
Der Film verbindet Naturdokumentation mit philosophischen Fragen über das Verhältnis von Mensch und Natur. Wann wurde Ihnen klar, dass es um mehr gehen muss als nur um Artenkunde?
Der erste Funke des Projekts startete beim Verbundprojekt Brommi für den Insektenschutz mit dem WWF als Projektleitung. Es war von Anfang an klar, dass das Thema Insektenschutz und die Maßnahmen, die innerhalb des Projekts Brommi umgesetzt werden, eine wichtige Rolle im Film spielen werden. Zusammen mit Adrian Lorberth vom WWF arbeiteten Jim Lerch und ich ein Konzept aus, das über eine reine Projektdokumentation hinaus ging. Wir wollten einen coolen Film über Insekten machen! Adrian Lorberth und der Rest des Teams waren von der Idee angetan und so wuchs der Film zu etwas mehr heran.
Im Thema Natur- und Insektenschutz wollten wir dem Zuschauer keine Meinung aufdrücken, sondern möglichst offenhalten ein eigenes Bild zu schaffen. Wir behandeln den ewigen und grundsätzlichen Konflikt zwischen Mensch und Natur, in dem es keine perfekte, einfache Lösung gibt. Wir wollen das Tor in diese Welt öffnen und ein paar Infos liefern, und jeder für sich selbst muss wissen wie man damit umgeht.
Erzählt wird die Dokumentation von Katharina Thalbach. Warum war sie die richtige Stimme für diese Reise durch die Erdgeschichte?
Katharina Thalbach ist die perfekteste Geschichtenerzählerin Deutschlands. Sie gibt dem Film Farbe mit ihrem starken Charakter und schafft es eine Ebene im Film aufzubauen, der Orientierung gibt. Immer, wenn man sie wieder hört weiß man wieder wo man ist und wird durch ihre unglaubliche Stimme aufgefangen. Wir sind sehr dankbar, dass sie mitgemacht hat, und dem Film die Farbe gegeben hat, die wir uns gewünscht haben.
Besonders spannend ist, dass der Film nicht nur Probleme beschreibt, sondern auch Landwirte zeigt, die neue Wege gehen. Warum war Ihnen dieser hoffnungsvolle Ansatz wichtig?
Ich finde es wichtig die Hoffnung nicht zu verlieren und mit leuchtenden Augen in die Zukunft zu schauen. Wir wollen lieber faszinieren als alarmieren; Hoffnungsvolle Visionen und Lösungsansätze zeigen, statt mit dem Zeigefinger auf jemanden zeigen. Es ist sehr wichtig morgens aufzustehen, sich auf den Tag und die Zukunft freuen zu können. Ich habe das Gefühl, das haben wir manchmal etwas verloren.
In den vergangenen Jahren wurde viel über das Insektensterben gesprochen. Hatten Sie das Gefühl, dass viele Menschen die tatsächliche Bedeutung von Insekten trotzdem noch unterschätzen?
Insekten werden of übersehen und viele wissen gar nicht wie wichtig sie für alles um uns herum sind. Das Bewusstsein steigt aber und auch in Gesprächen über den Film herrscht bereits ein großes Interesse am Thema. Viele wissen schon irgendwie, dass sie wichtig sind und auch dass sie weniger werden. Es gibt also Anknüpfungspunkte, aber hoffentlich kann der Film da trotzdem noch ein Türöffner für viele sein und Erleuchtung bringen.
Der Film zeigt, wie eng Pflanzen, Tiere und Menschen miteinander verbunden sind. Hat sich Ihr eigener Blick auf unseren Alltag durch die Arbeit an diesem Projekt verändert?
Die ganze Welt ist ein Kreislauf. Wir sind ein Zahnrad, ein Baustein im Gesamten - genau wie die Insekten. Und im Spiel aller Akteuere - miteinander und gegeneinander - ergibt sich im Gesamten die Welt, wie sie ist. Ich finde das wahnsinnig spannend! Mein Bewusstsein dafür wurde auf jeden Fall geschärft. Man kann die Natur ewig beobachten, da die Komplexität endlos ist. Vielleicht kann man im Kleinen sogar länger forschen als in der Weite.
Der Dokumentarfilm stellt die Frage, ob es wirklich ein „Mensch oder Natur“ geben muss. Glauben Sie, dass sich diese Denkweise aktuell langsam verändert?
Die Idee sich da zu ergänzen wo es sinnvoll ist, finde ich toll. Und in der Landwirtschaft wird ja schon immer mit der Natur gearbeitet. In unseren Gesprächen mit Landwirten hat sich für mich gezeigt wie groß das Bewusstsein dafür ist, denn Landwirte arbeiten jeden Tag mit und in der Natur. Das Wissen, was diese Menschen mit sich rumtragen, ist bemerkenswert und ich schaue sehr dazu auf. Denen, die ich kennenlernen durfte, liegt die Natur sehr am Herzen und es ist immer ein abwägen, wie nötig ein Eingriff ist. Sie haben immer auch die anderen Lebewesen und Natur im Kopf. Inwieweit ich ein breites Bild abgeben kann oder wie es vor 20 Jahren war, kann ich nicht sagen. Mein Blick ist da ziemlich eingeschränkt. Ich denke Pestizide bspw. wurden früher schon weniger selektiv eingesetzt, aber aktuell sehe ich schon ein breiteres Bewusstsein für Natur und das Gesamte.
Bei der Komplexität dieser Welt und den vielen einzelnen Bausteinen passiert es auch schnell, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht und nur an seinen Teilbereich denkt, aber man muss schon alles im Gesamtkontext sehen. Und auch den Menschen darf man in der Gleichung nicht vergessen, teils gibt es eine sehr negative Einstellung gegen uns selbst, was ich auch nicht richtig finde. Die Wenigsten würden ihr eigenes Haus für ein Krabbeltier aufgeben, und das kann ich auch verstehen. Aber überhaupt erstmal ein Bewusstsein zu haben für alles, was um einen herum ist, kann schon sehr viel bewegen. Und dann geht es darum Kompromisse für diesen ewigen, unlösbaren Konflikt zwischen Mensch und Natur zu finden und eher ein Mensch und Natur daraus zu machen. Ich denke wir sind auf einem guten Weg.
Naturdokumentationen werden oft mit großen internationalen Produktionen verbunden. War es für Sie auch ein Ziel zu zeigen, dass solche bildgewaltigen Filme aus Deutschland kommen können?
Unser Film fing sehr klein an. Und es gab die Idee eines Kinofilms, aber die Chancen darauf waren gering. Dass wir es bis hierin geschafft haben, ist toll. Für mich haben wir schon gewonnen, und alles was noch kommt, ist das Sahnehäubchen auf der Torte. Ich bin super glücklich, dass sich Leute für das Thema und den Film interessieren, den wir vielen Tränen aus Freude und Kummer gemacht haben. Und ich würde mir wünschen, dass viele die Chance bekommen den Film im Kino auf der großen Leinwand zu sehen, denn das ist wirklich ein einzigartiges Erlebnis, diese kleinen Tiere so groß zu sehen.
Der Film spricht vom Menschen als „Pollenkorn im Sand der Zeit“. Wie wichtig war Ihnen dieser Perspektivwechsel weg vom Menschen als Mittelpunkt der Welt?
Wir spielen mit Demut. Demut vor der Natur und der Geschichte, denn in dieser großen Geschichte existieren wir nur für einen kurzen Augenblick. Die Zivilisation, wie wir sie kennen, gibt es seit einem Flügelschlag. Insekten haben sich vor 480 Millionen entwickelt, würde man diesen gesamten Zeitraum auf eine 24h Uhr projizieren, wäre die Geschichte der Menschheit nicht einmal eine Minute lang. Man lebt im Hier und Jetzt und damit wird die Lebensrealität gefüllt, aber wenn man sich einen anderen Kontext anschaut, kann das ganz anders aussehen. Sich dessen bewusst zu werden, löst für mich auch Druck im Alltag - vielleicht ist manches irrelevanter als man denkt.
Während der Arbeit am Film: Gab es ein bestimmtes Tier oder einen Moment, der Sie persönlich besonders fasziniert oder überrascht hat?
So viele! Von den vielen Mücken, die uns in der Dämmerung bei den Glühwürmchendrehs stachen, die mich sehr viel gelassener mit Mücken und einem einzelnen Stich umgehen lassen haben. Über die Glühwürmchen, die die Dämmerung mit einem Zauber erfüllen - Ich habe in dieser Zeit so viele Glühwürmchen gesehen, wie in meinem ganzen Leben nicht, und jeden Abend erwachte das Kind in mir erneut!
Aber die verrückteste Geschichte war wohl die des Falters, der auf meiner Waschmaschine geschlüpft ist. Wir haben von tollen Experten wie Toni Kasiske Tipps für Drehorte, sowie auch Schmetterlingspuppen für einen Dreh erhalten. Die Puppen kamen bei mir an, und zwei Tage später sollte der Dreh mit den Jungs stattfinden. Die Puppe war allerdings ziemlich dunkel und so kontaktierte ich Toni, der meinte, dass das kein gutes Zeichen sei und die Puppe womöglich tot ist - oder sie schlüpfe gleich.
Ich schickte ihm also ein Foto, worauf er erwiderte, dass die Puppe definitiv nicht tot sei, sondern in den nächsten Stunden schlüpfen werde! Ich kramte also meine eigene kleine Digitalkamera und Restequipment, das ich bei mir hatte aus - das überhaupt nicht für solch komplexe Aufnahmen gedacht war - und baute ganz schnell ein Zeitraffersetup auf meiner Waschmaschine auf mit der Puppe in einem kleinen Zweig aus dem Innenhof.
Und tatsächlich dauerte es nur bis zum nächsten Morgen, bis der Falter schlüpfte und seine Flügel aufpustete. Ich konnte die Wiedergeburt des Wesens als wunderschöner Falter mitansehen, und ich war aufgeregt, wie ein Kind. Das werde ich nie vergessen!
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Insekten – Helden im Verborgenen» startet am 16. Juli in den deutschen Kinos.
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