Filme des Grauens: «United Passions»

Mit Stars wie Tim Roth, Gérard Depardieu und Sam Neill wollte die FIFA ihre eigene Geschichte glorifizieren, heraus kam einer der größten Flops und wohl unfreiwillig komischsten Filme des 21. Jahrhunderts.

Es gibt schlechte Filme, die zumindest ehrgeizig sind. Es gibt langweilige Filme, die man nach wenigen Tagen wieder vergessen hat. Und es gibt jene seltenen Produktionen, die so grandios an ihrer eigenen Selbstüberschätzung scheitern, dass sie zu einer Legende werden. «United Passions» gehört zweifellos in diese Kategorie. Der 2014 produzierte Film erzählt die Geschichte der FIFA – und zwar ausgerechnet aus der Perspektive der Männer, die den Weltfußballverband aufgebaut haben. Während andere Sportfilme von großen Spielern, dramatischen Turnieren oder menschlichen Schicksalen handeln, widmet sich «United Passions» den Präsidenten und Funktionären hinter den Kulissen. Bereits diese Grundidee wirkt wie eine Wette gegen das Publikum.

Im Mittelpunkt stehen die ersten drei großen FIFA-Präsidenten. Robert Guérin gründet den Verband, Jules Rimet entwickelt die Idee einer Weltmeisterschaft und João Havelange führt die FIFA schließlich in die Moderne. Später übernimmt Sepp Blatter die Führung. Was wie eine historische Aufarbeitung klingen könnte, entwickelt sich schnell zu einer Art Heldensaga über Männer in Anzügen. Konflikte werden vereinfacht, Kontroversen ausgeblendet und nahezu jede Figur erhält den Glanz eines visionären Staatsmannes. Besonders auffällig ist die Darstellung Blatters, der im Film als unbeugsamer Kämpfer gegen Korruption inszeniert wird. Wer die tatsächliche Geschichte der FIFA kennt, dürfte spätestens an diesem Punkt ungläubig den Kopf schütteln.

Dass der Film überhaupt entstand, grenzt an ein Wunder. Die FIFA finanzierte rund 90 Prozent der Produktionskosten selbst und investierte Berichten zufolge etwa 27 Millionen Dollar. Weitere Gelder kamen aus Aserbaidschan. Insgesamt verschlang das Projekt rund 32 Millionen Dollar. FIFA-Präsident Sepp Blatter hoffte offenbar auf einen prestigeträchtigen Kinofilm, der die Geschichte des Verbandes aufpoliert und neue Sympathien schafft. Tatsächlich entstand etwas, das eher wie ein zweistündiger Werbefilm wirkt. Schon die Arbeit am Drehbuch verlief ungewöhnlich schnell. Innerhalb weniger Monate wurde die Geschichte entwickelt, gedreht wurde in Frankreich, Brasilien, der Schweiz und Aserbaidschan.

Um dem Projekt Seriosität zu verleihen, verpflichtete man durchaus prominente Darsteller. Gérard Depardieu spielte Jules Rimet, den Vater der Fußball-Weltmeisterschaft. Der Franzose gehörte über Jahrzehnte zu den bekanntesten Schauspielern Europas und hatte mit Filmen wie «Cyrano de Bergerac», «1492 – Die Eroberung des Paradieses» oder zahlreichen Komödien internationale Erfolge gefeiert. Sam Neill übernahm die Rolle von João Havelange. Der Neuseeländer war spätestens seit «Jurassic Park» weltweit bekannt und hatte zuvor in Filmen wie «Das Piano» oder «Jagd auf Roter Oktober» überzeugt. Die größte Aufmerksamkeit erhielt allerdings Tim Roth als Sepp Blatter. Roth war durch «Reservoir Dogs», «Pulp Fiction», «Rob Roy» und später die Serie «Lie to Me» längst ein etablierter Charakterdarsteller.

Dass selbst Roth die Produktion offenbar mit gemischten Gefühlen betrachtete, wurde erst später deutlich. Nach Veröffentlichung des Films erklärte er mehrfach, er habe die Rolle hauptsächlich aus finanziellen Gründen angenommen. Seine Kinder studierten, er habe Geld benötigt. Rückblickend sprach er ungewöhnlich offen über die Entscheidung und räumte ein, dass die Beteiligung möglicherweise nicht seine beste Karriereentscheidung gewesen sei. Noch bemerkenswerter ist, dass Roth den fertigen Film angeblich nie gesehen hat. Vor allem störte ihn, dass die Korruptionsvorwürfe gegen die FIFA praktisch keine Rolle spielten. Er versuchte nach eigenen Aussagen zumindest in seiner Darstellung kleine Hinweise auf die dunkleren Seiten der Figur einzubauen.

Die Realität holte das Projekt schließlich schneller ein, als es die Produzenten befürchten konnten. Als «United Passions» im Juni 2015 in den USA anlief, erschütterte die große FIFA-Korruptionsaffäre die Sportwelt. Zahlreiche Funktionäre wurden verhaftet, Ermittler durchsuchten Büros und Hotels, Sponsoren gerieten in Panik und die öffentliche Wahrnehmung der FIFA erreichte einen Tiefpunkt. Ausgerechnet in diesem Moment kam ein Film in die Kinos, der dieselbe Organisation als moralische Instanz und ihre Führung als nahezu makellose Helden präsentierte. Die Ironie war kaum zu überbieten.

Das Publikum reagierte entsprechend. Der Film startete in lediglich zehn Kinos in Nordamerika und spielte am ersten Wochenende sagenhafte 918 Dollar ein. Nicht 918.000 Dollar. Nicht 91.800 Dollar. Sondern exakt 918 Dollar. In einem Kino in Phoenix wurde berichtet, dass nur ein einziger Besucher eine Eintrittskarte gekauft hatte. Nach wenigen Tagen verschwand der Film praktisch wieder aus den Kinos. Am Ende standen weltweit lediglich rund 169.000 Dollar Einnahmen zu Buche. Bei Produktionskosten von 32 Millionen Dollar bedeutete das einen Verlust von fast 27 Millionen Dollar. Selbst für Hollywood-Verhältnisse sind solche Zahlen außergewöhnlich.

Auch die Kritiker hatten keine Gnade. Auf Rotten Tomatoes erreichte der Film die seltene Marke von null Prozent Zustimmung. Metacritic listet ihn mit einem Wert von gerade einmal einem Punkt von 100 möglichen Punkten. Die Kritiken fielen teilweise vernichtender aus als bei fast jedem anderen Film der vergangenen Jahrzehnte. Die „New York Times“ bezeichnete das Werk als nahezu unanschaubar. Der „Guardian“ sprach von „filmischem Exkrement“. Andere Kritiker sahen in dem Film weniger ein Drama als eine peinliche Imagekampagne. Besonders oft wurde die absurde Darstellung Blatters als Korruptionsbekämpfer hervorgehoben. Was ursprünglich wohl als inspirierende Geschichte gedacht war, entwickelte sich durch die Ereignisse der Realität zu einer unfreiwilligen Satire.

Regisseur Frédéric Auburtin litt besonders unter dem Debakel. Jahre später erklärte er, dass er ursprünglich versucht habe, dem Film mehr Ambivalenz und kritische Töne zu verleihen. Letztlich sei das Projekt jedoch immer stärker in Richtung einer positiven FIFA-Darstellung gedrängt worden. Nach dem Kinostart wurde Auburtin praktisch zum Gesicht des Scheiterns. Während die Schauspieler ihre Karrieren fortsetzen konnten, blieb sein Name dauerhaft mit diesem Fiasko verbunden.

Für Depardieu, Neill und Roth war «United Passions» dagegen nur eine Randnotiz in langen Filmografien. Gérard Depardieu blieb trotz zahlreicher Kontroversen einer der bekanntesten französischen Schauspieler. Sam Neill feierte mit den neuen «Jurassic World»-Filmen späte Blockbuster-Erfolge. Tim Roth etablierte sich weiterhin als gefragter Charakterdarsteller und war unter anderem im Marvel-Universum zu sehen. Kaum einer der Beteiligten spricht heute noch gerne über den Film.

Gerade deshalb bleibt «United Passions» ein faszinierender Kandidat für die Reihe „Filme des Grauens“. Nicht weil er technisch katastrophal wäre. Nicht weil die Schauspieler völlig versagen würden. Sondern weil hier ein Film an seiner eigenen Existenz scheitert. Die Vorstellung, Millionen Zuschauer würden begeistert eine Heroengeschichte über FIFA-Funktionäre verfolgen, wirkt schon auf dem Papier fragwürdig. Dass der Film dann ausgerechnet während des größten Korruptionsskandals der Verbandsgeschichte veröffentlicht wurde, machte aus einem gewöhnlichen Flop eine historische Kuriosität. Am Ende entstand vielleicht nicht der schlechteste Film aller Zeiten – aber mit Sicherheit eine der teuersten und erfolglosesten Imagekampagnen, die jemals auf Zelluloid gebannt wurden.
13.06.2026 12:23 Uhr Kurz-URL: qmde.de/172603
Sebastian Schmitt

super
schade


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United Passions Cyrano de Bergerac 1492 – Die Eroberung des Paradieses Jurassic Park Das Piano Jagd auf Roter Oktober Reservoir Dogs Pulp Fiction Rob Roy Lie to Me Jurassic World

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