Thilo Mischke kritisiert Umgang mit «ttt»-Absage

Bei Deutschlandfunk Kultur sprach der Journalist ausführlich über die gescheiterte Moderation von «Titel, Thesen, Temperamente». Vor allem die Art der damaligen Debatte beschäftigt ihn bis heute.

Eigentlich sollte Thilo Mischke Anfang 2025 die Moderation des ARD-Kulturmagazins «Titel, Thesen, Temperamente» übernehmen. Kurz vor Weihnachten 2024 war die Personalie bekannt geworden, anschließend entwickelte sich jedoch eine heftige öffentliche Diskussion über frühere Veröffentlichungen des Journalisten. Im Mittelpunkt standen unter anderem sein Buch „In 80 Frauen um die Welt“ sowie ältere Podcast-Aussagen. Schließlich entschied die ARD, Mischke doch nicht als neuen «ttt»-Moderator einzusetzen. Am Montag war der Journalist nun bei Jana Münkel in «Studio 9 – Der Tag mit ...» bei Deutschlandfunk Kultur zu Gast und sprach ausführlich über die damaligen Ereignisse.

Mischke machte deutlich, dass er die inhaltliche Auseinandersetzung mit seinen früheren Arbeiten weiterhin für richtig hält. Seine Kritik richtet sich vielmehr gegen die Mechanismen, die nach Bekanntgabe seiner Verpflichtung einsetzten. Es hätte seiner Ansicht nach eine Diskussion darüber geben müssen, „über was wir verzeihen können“ und wie mit Fehlern beziehungsweise früheren Veröffentlichungen eines Menschen umgegangen werde. Zugleich stellte er die Frage, welche Verantwortung Journalistinnen und Journalisten im Umgang mit Shitstorms hätten. Betroffene müssten mit Vorwürfen konfrontiert und angehört werden. Genau das habe seiner Wahrnehmung nach damals nicht stattgefunden.

Dass Mischke zunächst nicht unmittelbar auf die Debatte reagierte, sieht er rückblickend nicht als ungewöhnlich an. Zwischen dem Shitstorm im Dezember und seinem ausführlichen Interview mit der „Zeit“ Anfang März hätten lediglich rund zwei Monate gelegen. Im Tempo sozialer Netzwerke erscheine das wie eine Ewigkeit, im wirklichen Leben sei dieser Zeitraum jedoch kurz. Auf den Einwand Münkels, dass heutzutage schon wenige Tage ohne Stellungnahme als lang wahrgenommen würden, erklärte Mischke, er sei in erster Linie Journalist und keine Social-Media-Persönlichkeit. Deshalb habe für ihn auch keine Verpflichtung bestanden, umgehend mit einem Statement in den sozialen Netzwerken zu reagieren.

Inhaltlich hätte Mischke die Kontroverse sogar für ein geeignetes Thema einer Kultursendung gehalten. Seine früheren Veröffentlichungen seien schließlich nicht verborgen gewesen. Über das Buch und dessen Titel habe er bereits seit dessen Erscheinen diskutiert. Gerade die Frage, wie sich gesellschaftliche Maßstäbe verändern, wäre seiner Ansicht nach diskussionswürdig gewesen: „Wie gehen wir damit um, dass Zeiten sich ändern, dass sich Arten der Veröffentlichung ändern, dass die Ansicht auf Sexismus, wie sie sich ändert.“ Auch er selbst habe sich weiterentwickelt, neue Erkenntnisse gewonnen und sein Verständnis verändert. Dass diese Entwicklung in der damaligen Diskussion kaum berücksichtigt worden sei, wertet Mischke als Zeichen mangelnder Debattenfähigkeit.

Auf Münkels Frage, ob er heute Dinge anders machen würde, verwies der 1981 geborene Journalist auf seinen beruflichen Werdegang. Mischke arbeitete früher unter anderem als Autor zu Sexualität und Liebe, habe diesen Schwerpunkt später aber bewusst aufgegeben, weil er sich journalistisch weiterentwickeln wollte. Für ihn müsse bei der Bewertung früherer Aussagen deshalb auch berücksichtigt werden, dass Menschen sich verändern können. „Ein Leben ist nie nur ein Moment, ein Leben ist immer eine Entwicklung“, sagte Mischke.

Besonders deutlich wurde der ProSieben-Reporter, als Münkel nach einem Beispiel fragte, bei dem die inhaltliche Kritik und die persönliche Ebene in einer vergleichbaren öffentlichen Kontroverse erfolgreich voneinander getrennt worden seien. Ein solches Beispiel fiel Mischke nicht ein. In einem „Sturm“ könne man nicht vernünftig diskutieren. Es hätte damals einen geschützten Raum gebraucht, in dem eine Auseinandersetzung möglich gewesen wäre. Stattdessen habe er erfahren, „wie tosend so ein Shitstorm sein kann“. Daraus müsse man lernen, wieder stärker aufeinander zuzugehen und einander zuzuhören. Gegenseitige Redeverbote seien für einen demokratischen Diskurs gefährlich.

Das Gespräch bei Deutschlandfunk Kultur zeigte damit auch mehr als eineinhalb Jahre nach der geplatzten «ttt»-Personalie, wie sehr Mischke weniger die Kritik an seinen früheren Arbeiten als vielmehr die Form der damaligen Auseinandersetzung beschäftigt. Er räumt problematische frühere Aussagen ein und distanziert sich davon, stellt aber zugleich die Frage, welchen Platz persönliche Entwicklung in öffentlichen Debatten noch hat.
25.08.2026 13:02 Uhr Kurz-URL: qmde.de/174864
Fabian Riedner

super
schade


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Titel Thesen Temperamente Studio 9 – Der Tag mit ... ttt

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