Mit «Love is Stronger. Von Loveparade zu Rave The Planet» erzählt Regisseurin Britta Mischer die Geschichte einer Bewegung zwischen Euphorie, Tragödie und Neuanfang. Im Quotenmeter-Interview spricht sie über unveröffentlichtes Archivmaterial, die Rückkehr des Loveparade-Geistes und die Frage, warum Techno bis heute Menschen verbindet.
Frau Mischer, «Love is Stronger» erzählt nicht nur die Geschichte von Rave The Planet, sondern blickt auch auf die bewegte Vergangenheit der Loveparade zurück. Was war Ihr Ausgangspunkt für diesen Film?
Ja, es sind zwei Erzählstränge und aus diesen Grund gibt es nicht nur einen Ausgangspunkt, sondern zwei. Zum einem gab es eine Kiste mit alten DV-Kassetten meiner leider verstorbenen früheren Geschäftspartnerin Nana Yuriko, die zur Jahrtausendwende Heike Mühlhaus und Dr. Motte auf ihren Reisen und während der Loveparade begleitet hatte - emotionale und authentische Aufnahmen, die bis «Love is Stronger» nie ausgewertet wurden und zum anderen gab es 2019 ein Radio Interview, wo Dr. Motte sagte, er wolle den Spirit der Loveparade wieder nach Berlin holen. Das hörte wiederum mein anderer Geschäftspartner Alexander Schmalz und meinte zu mir: „Britta, da müssen wir eine Doku drüber machen.“ Und dann nahm alles seinen Lauf.
Die Loveparade ist bis heute mit vielen positiven Erinnerungen, aber auch mit der Tragödie von Duisburg verbunden. Wie schwierig war es, beiden Seiten der Geschichte gerecht zu werden?
Die Tragödie von Duisburg hat mich damals persönlich sehr bewegt. Ich war mehrere Wochen in einer Art Schockstarre und deshalb habe ich mich dem Thema behutsam über meine Protagonisten genähert und mit Ihnen den Austausch gesucht. Wie haben sie das Unglück wahrgenommen und verarbeitet? Dadurch bin ich dann selbst mit den Betroffenen, Traumatisierten und Hinterbliebenen in Kontakt gekommen, um das Unfassbare würdevoll in «Love is Stronger» einzubetten.
Sie begleiten Dr. Motte und Ellen Dosch-Roeingh über mehrere Jahre hinweg. Wie hat sich Ihr Blick auf die beiden Protagonisten während dieser langen Entstehungszeit verändert?
Ellen Dosch-Reoingh ist an dem Projekt Rave The Planet gewachsen. Sie ist eine unglaublich starke Frau, die alles für Rave The Planet tut. Da habe ich sehr großen Respekt vor, wie sie sich für ihr Baby und die Technobewegung stark macht und manchmal bis zum Umfallen rackert. Dr. Motte ist milder und ein bisschen demütiger geworden, trotzdem hopst er auf der Bühne oder dem Dancefloor noch rum wie ein junger Dachs. Das finde ich super mit 66. Ein echter "Silver Raver".
Für den Film konnten Sie auf bislang unveröffentlichtes Material und private Archivaufnahmen zurückgreifen. Gab es dabei einen Moment, der Sie besonders überrascht oder berührt hat?
Mich berühren Bilder von der Loveparade in Tel Aviv oder anderen Städten rund um den Globus, wo Menschen friedlich zusammen feiern. Selbst in Moskau sollte damals eine stattfinden.
Neben bekannten Gesichtern kommen bewusst auch Frauen zu Wort, die die Geschichte der Loveparade maßgeblich mitgeprägt haben. Warum war Ihnen dieser Perspektivwechsel besonders wichtig?
Da möchte ich meine Protagonistin und Künstlerin Danielle de Picciotto zitieren. „Frauen werden in der Geschichte leider zu oft vergessen.“ Damit meint sie nicht nur in der Technobewegung und ich gebe ihr recht. Frauen sind es, die oft im Hintergrund unermüdlich ackern, vermitteln, Dingen Liebe einhauchen. Das sollte erzählt werden.
Der Film stellt die Frage, ob die ursprünglichen Werte der Technobewegung heute noch Bestand haben. Welche Antwort haben Sie nach den Dreharbeiten für sich selbst gefunden?
Ja! Love Is Stronger. Rave on
(lacht)
„Rave The Planet“ versteht sich wieder als Kulturdemonstration und nicht nur als Musikveranstaltung. Hat Sie überrascht, wie viel organisatorischer und politischer Aufwand hinter diesem Neustart steckt?
Oh, ja. Die Organisation einer Demonstration ist sehr viel Arbeit, gerade in der heutigen Zeit, wo die Sicherheitsvorkehrungen und Auflagen viel höher sind als in den 90er Jahren. Gerade am Anfang musste das kleine Team von Rave The Planet sehr viele Klinken putzen gehen und es gab immer wieder Rückschläge. Da habe ich einen großen Respekt vor. Ich glaube das Team ist sehr dankbar über neue Freiwillige, die mithelfen, die Demo umzusetzen, oder den Großen Tiergarten Park danach aufzuräumen.
Ihre Dokumentation richtet sich auch an Menschen, die die Loveparade nie selbst erlebt haben. Wie wollten Sie gerade die jüngere Generation für dieses Kapitel deutscher Kulturgeschichte begeistern?
Es gibt einige Raver in der GenZ. Festivals wie das Hive oder Stilrichtungen wie Hardstyle begeistern vor allem ein jüngeres Publikum. Auf der Parade ist es auch sehr gemischt. Manche Wägen und Line-Ups sprechen eher jüngere Leute an, manche eher ältere. Das Besondere an der Kultur ist das Inklusive. Alle sind willkommen und die Stimmung ist mehrheitlich liebevoll und friedlich. Und das hat sich seit bald 40 Jahren nicht verändert. Techno ist ein Safe-Space, hat aber auch eine Strahlkraft nach außen für mehr Liebe und Frieden in der Welt. Es ist also nicht nur oldschool, sondern sehr aktuell.
Musik spielt im Film natürlich eine zentrale Rolle. Wie wichtig war Ihnen, die emotionale Kraft von Techno nicht nur zu beschreiben, sondern auch filmisch erlebbar zu machen?
Die sogenannten Hymnen, die jedes Jahr zur Loveparade veröffentlicht wurden und die es jetzt zur Rave The Planet Parade auch wieder erscheinen spielen eine zentrale Rolle im Film. Die Musik spielt also auch eine emotionale inhaltliche Rolle. Darüber hinaus, habe ich versucht, Inseln zu schaffen, um eben diesen Heartbeat von Techno auch zu spüren.
Was wünschen Sie sich, sollen die Zuschauer bei dieser Dokumentation vor allem mitnehmen – die Geschichte einer legendären Veranstaltung oder die Erkenntnis, dass Kultur und Gemeinschaft Menschen auch heute noch verbinden können?
Natürlich Letzteres. Love Is Stronger eben ♥
Danke für Ihre Zeit!
«Love is Stronger» wird am Mittwoch, 12. August, um 22.15 Uhr im rbb Fernsehen ausgestrahlt. Seit 31. Juli ist die Dokumentation in der ARD Mediathek abrufbar.
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