Die Kritiker: «Breitscheidplatz 19/12»

Politisch aufmerksam, hervorragend gespielt und ungewöhnlich konsequent in ihrer Erzählhaltung: Was «Breitscheidplatz 19/12» zu einem besonders gelungenen Fernsehstoff macht.

Ein Staat kann vieles wissen und trotzdem erstaunlich wenig begreifen. Er kann Menschen beobachten, Telefongespräche auswerten, Gefährderlisten führen und Informationen in eigens dafür eingerichteten Arbeitsgruppen austauschen. Und am Ende kann es dennoch geschehen, dass ein Mann einen Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt steuert. Der Terroranschlag vom 19. Dezember 2016 auf den Berliner Breitscheidplatz gehört zu jenen Ereignissen, bei denen sich die Frage nach dem Versagen staatlicher Institutionen nicht mehr von der Trauer um die Opfer trennen lässt.

David Nawraths sechsteilige ARD-Miniserie «Breitscheidplatz 19/12» macht daraus einen bemerkenswert konzentrierten Politthriller. Seine größte Stärke: Er versteht, dass die Wirklichkeit oft beunruhigender ist als jede noch so raffinierte Verschwörung.

Die Geschichte beginnt 2015, als der sogenannte Islamische Staat Kämpfer für den Krieg in Syrien rekrutiert und deutsche Sicherheitsbehörden versuchen, islamistische Netzwerke zu durchdringen. Der nordrhein-westfälische Staatsschützer Frank Laudin (Albrecht Schuch) setzt den ehemaligen Kriminellen Murat Cem (Tamer Tıraşoğlu) als Informanten ein. Die junge Polizistin Isra Al-Husseini (Bayan Layla) unterstützt die Ermittlungen mit ihren Sprachkenntnissen und ihrem Verständnis für ein Milieu, das ihren Kollegen häufig fremd bleibt. Als Anis Amri ins Blickfeld gerät, verdichten sich die Hinweise auf eine mögliche Gefahr. Doch zwischen behördlichen Zuständigkeiten, politischen Interessen und institutionellen Rivalitäten verliert sich ausgerechnet das, worauf es ankommt: die Fähigkeit, aus Informationen rechtzeitig Konsequenzen zu ziehen.

Das klingt zunächst nach einem jener Fernsehstoffe, bei denen Menschen mit ernsten Gesichtern in Besprechungsräumen sitzen und Abkürzungen austauschen. Tatsächlich entwickelt «Breitscheidplatz 19/12» gerade daraus eine erstaunliche Spannung. Nawrath und sein Co-Autor David Marian begreifen die Sicherheitsbürokratie nicht als langweiligen Hintergrund, sondern als eigentlichen Schauplatz des Dramas. Eine verweigerte Zuständigkeit, eine politische Rücksichtnahme oder eine falsche Einschätzung können hier folgenreicher sein als jede Schießerei. Die Serie macht sichtbar, dass staatliches Versagen nicht unbedingt einen einzelnen unfähigen Menschen voraussetzt. Manchmal genügt eine Organisation, in der jeder seine Aufgabe erledigt und trotzdem das Entscheidende liegen bleibt.

Albrecht Schuch spielt Frank Laudin mit jener angespannten Zurückhaltung, die ihm besonders gut liegt. Sein Ermittler ist kein strahlender Einzelkämpfer, der allen anderen überlegen wäre. Er irrt sich, wird ungeduldig und überschätzt bisweilen die Wirksamkeit seiner eigenen Arbeit. Doch gerade diese Unvollkommenheit macht ihn glaubwürdig. Schuch zeigt einen Mann, dessen professioneller Ehrgeiz allmählich in Verzweiflung umschlägt, weil die Warnungen, die er ausspricht, nicht jene Konsequenzen haben, die er für notwendig hält.

Mindestens genauso überzeugend ist Bayan Layla als Isra Al-Husseini. Ihre Figur bringt eine Perspektive ein, die über das übliche Ermittlerdrama hinausweist. Als Frau mit irakischer Fluchtgeschichte bewegt sie sich zwischen unterschiedlichen Erfahrungen von Zugehörigkeit, Misstrauen und staatlicher Autorität. Die Serie nutzt diese Biografie nicht bloß, um ihrer Hauptfigur eine interessante Hintergrundgeschichte zu geben, sondern zeigt vielmehr, wie persönliche Erfahrung zu einer professionellen Stärke werden kann, ohne deshalb jede Unsicherheit aufzuheben. Laylas zurückgenommenes Spiel verleiht Isra durchwegs eine besonders eindringliche Präsenz.

Besonders beklemmend geraten allerdings die Szenen um Murat Cem. Tamer Tıraşoğlu verkörpert den Informanten als widersprüchlichen Mann, der seine Dienste verkauft und zugleich zunehmend erkennt, wie gefährlich das Geschäft geworden ist. In seiner Figur wird die moralische Grauzone staatlicher Sicherheitsarbeit konkret: Vertrauen entsteht aus Täuschung, Loyalität lässt sich bezahlen, und wer Informationen beschafft, muss irgendwann feststellen, dass er selbst zur entbehrlichen Information werden könnte.

Dabei verzichtet Nawraths Serie weitgehend darauf, das reale Verbrechen als Spektakel auszubeuten. Stattdessen richtet sie ihren Blick auf seine Vorgeschichte, auf Entscheidungsprozesse und jene Momente, in denen unterschiedliche Entwicklungen noch denkbar gewesen wären. Dabei bleibt wichtig, dass «Breitscheidplatz 19/12» trotz seiner sorgfältigen Recherche auf fiktionale Figuren und Verdichtungen setzt. Die Serie ist somit keine abschließende historische Untersuchung, sondern eine dramatische Annäherung an weiterhin offene Fragen. Gerade als solche überzeugt sie: politisch aufmerksam, hervorragend gespielt und ungewöhnlich konsequent in ihrer Erzählhaltung.

Die Mini-Serie «Breitscheidplatz 19/12» wird am Sonntag, den 1. November, ab 21.45 Uhr sowie am Freitag, den 6. November, ab 23.55 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
01.11.2026 21:41 Uhr Kurz-URL: qmde.de/177120
Oliver Alexander

super
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• Breitscheidplatz 19/12

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