Martin Lehwald: ‚Krimis sind zur scheinbar einzigen verlässlichen Größe in der Unterhaltung geworden‘

Produzent Martin Lehwald spricht über zehn Jahre «Ostfriesenkrimis», den Erfolg im ZDF-Streaming, steigende Produktionskosten und die wirtschaftlichen Herausforderungen unabhängiger Filmfirmen.

Herr Lehwald, Sie haben sich vor fast zehn Jahren die Filmrechte an den Ostfriesenkrimis von Klaus-Peter Wolf gesichert. Was hat Sie damals überzeugt, dass sich diese Romane für eine langfristige ZDF-Krimireihe eignen?
Das erste Zusammentreffen mit ihm liegt sogar schon über zehn Jahre zurück. Damals suchten wir einen Drehbuchautor für einen Thriller und sind bei Klaus Peter Wolf gelandet. Zum Abschied drückte er uns seine ersten beiden ‚Ostfriesenkrimi‘-Romane in die Hand. Ehrlich gesagt habe ich sie – im Gegensatz zu unserem Producer – erst einmal auf später verschoben. Als ich sie auf Simon Grohes Anraten hin dann doch las, fiel mir gleich die ungewöhnliche Dichte, die Authentizität der Story und Klaus-Peters sehr filmische Erzählweise auf. Inhaltlich geht es in «Ostfriesenkiller» um den Missbrauch an Menschen mit Behinderung – ein echt schwerer Stoff, der aber durch die bestechende Normalität der Hauptfigur, Kommissarin Ann Kathrin Klaasen, perfekt geerdet wird. Das machte mir Mut, für diese Verfilmung auch einen passen Partner zu finden. Ein Selbstläufer war das dann allerdings nicht. Denn die Bücher waren damals ja noch nicht diese Megabestseller, wie heute.

2027 feiert die Filmreihe ihr zehnjähriges Jubiläum. Was hat sich in dieser Zeit hinter den Kulissen am stärksten verändert und wäre es heute überhaupt noch möglich, eine solche Krimimarke neu aufzubauen?
Auch vor zehn Jahren gab es nicht gleich von Anfang an einen Freifahrtschein für die Reihe. Wir mussten uns mit dem ersten Ostfriesenkrimi-Film erst einmal bewähren. Das Ganze war sozusagen ein Testballon für ein ernsteres, dunkleres und härteres Pendant zu den bereits existierenden Nord-Krimis. Gott sei Dank wurde «Ostfriesenkiller» vom Publikum dann auch großartig aufgenommen. So ein Start ist heute sicherlich auch noch möglich, aber die Bedingungen haben sich massiv verschärft. Durch die zunehmende Differenzierung der Zielgruppen und das veränderte Medienkonsumverhalten haben sich auch die Bewertungskriterien grundlegend verschoben. Dadurch ist es für neue Produktionen deutlich schwieriger geworden, sich langfristig zu behaupten.

In «Ostfriesentodesspiel» steht ein Serienmörder im Mittelpunkt, der wegen seiner Gewalttaten gegen gewalttätige Männer eine weibliche Anhängerschaft hat. Wie weit darf ein Fernsehkrimi bei der Faszination für einen Täter gehen, ohne dessen Verbrechen zu romantisieren?
Es stimmt, mit dem vermeintlichen Arzt Dr. Sommerfeldt hat Klaus-Peter Wolf in seinen Büchern eine Figur geschaffen, die bei den Fans bestens ankommt – Sommerfeldt hat mittlerweile ja sogar seine dritte eigene Spin-off-Trilogie. Dieser selbst ernannte Robin Hood, der sich vermeintlich für Frauen einsetzt, ist in den Romanen ein Grenzgänger und moderner Antiheld. Für die Verfilmung war uns aber von Anfang an klar: Gerade in Zeiten wie diesen darf eine solche Figur niemals als Vorbild für Selbstjustiz dienen oder falsch verstanden werden. Das war für uns das Wichtigste. Deshalb wollten wir seinen in einer tiefen psychischen Störung wurzelnden Wahn ungeschönt zeigen und deutlich machen, was dahintersteckt. Gerade in «Ostfriesentodesspiel» war es uns wichtig, klar zu zeigen, dass sein Verhalten moralisch nicht zu rechtfertigen ist. Vor allem aber haben wir unser Ermittler-Team als klares Gegengewicht auf der Seite des Rechts positioniert. Es sorgt dafür, dass die Kriminellen am Ende zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Dreharbeiten finden weiterhin in Ostfriesland statt. Wie wichtig ist die regionale Authentizität für den Erfolg der Filme, und wie viel teurer ist es, konsequent an Originalschauplätzen zu drehen?
Klaus-Peter Wolf hat rund 15 Millionen Bücher verkauft. Ein Teil seines anhaltenden Erfolgs liegt in der engen Verflechtung realer Menschen und realer Urlaubsorte, die Millionen Leser und Zuschauer aus eigenem Erleben kennen und lieben. Wir haben uns von Anfang an bemüht, diese Treue zum Ostfriesland-Original auf die Verfilmung zu übertragen – und das behalten wir bis heute bei. Möglich ist das nur, weil wir auch nach zehn Jahren noch auf die große Unterstützung und das Wohlwollen der vielen Fans vor Ort zählen können. Diese Unterstützung ist auch nötig, denn gerade seit der Corona-Zeit sind die Preise in der Tourismusregion massiv gestiegen. Wir sind daher auf Drehs außerhalb der Saison angewiesen. Und weil wir alles echt vor Ort drehen, sind wir gezwungen, mit viel Geschick, Kreativität und dem Goodwill einer begeisterten Region zu operieren – was aber auch wahnsinnig toll ist. Im Gegensatz zu anderen Produktionen haben wir bei den Ostfriesenkrimis tatsächlich auch keinerlei Regionalförderung, die es uns erlauben, oder uns dazu verpflichten würde, die Innenmotive über Fördermittel subventioniert in Studios nach Köln, Hamburg oder nach Prag zu verlegen ...

Klaus-Peter Wolf hat mit seinen Romanen eine große Fangemeinde aufgebaut. Wie eng ist er in die Verfilmungen eingebunden, und was passiert, wenn die Vorstellungen des Autors und die dramaturgischen Anforderungen des Fernsehens auseinandergehen?
Wir stimmen seit dem Film Eins die Drehbuchentwicklung eng mit Klaus-Peter ab. In all den Jahren hat sich da ein großes Vertrauensverhältnis aufgebaut, und wir wissen inzwischen sehr genau, was ihm wichtig ist und was nicht. Da er bereits schon selbst rund 30 Drehbücher geschrieben hat, ist er erfahren genug, zu wissen, dass die Transformationen eines bis zu 600 Seiten starken Romans in ein 90-minütiges Filmformat gewisse Kürzungen, Auslassungen und filmische Übersetzungen notwendig macht. Und gleichzeitig kann er sich sicher sein, dass wir die Figuren seines Kosmos dabei niemals beschädigen. Er schaut immer auch mal gerne am Set vorbei.

Der ZDF-Samstagskrimi erreicht regelmäßig ein Millionenpublikum, während jüngere Zuschauer zunehmend auf Streamingdienste ausweichen. Produzieren Sie die Ostfriesenkrimis heute noch primär für das lineare Fernsehen, oder verändert die Mediathek bereits Ihre Erzählweise?
Die linearen Einschaltquoten der «Ostfriesenkrimis» liegen einerseits nach wie vor auf einem hohen Niveau. Auf der anderen Seite beobachten wir aber auch, dass die Leserschaft von Klaus-Peter Wolfs Bestellern auch in großer Zahl ein wesentlich jüngeres Publikum anspricht. Auf Dauer werden auch wir uns daher den neuen Sehgewohnheiten nicht entziehen können. Und wer sich die Produktivität und den bis heute unverminderten Erfolg - auch aller dazugehörigen Spin-Off’s - von Klaus-Peter Wolf anschaut, weiß: Ostfriesland ist noch längst nicht auserzählt, es gibt derzeit noch Stoff für über 15 neue Filme.

«Ostfriesentodesspiel» war bereits seit Mai im ZDF-Streamingangebot verfügbar und wird erst im November linear ausgestrahlt. Was bedeutet ein solcher Abstand für die Wahrnehmung eines Films? Und woran messen Sie als Produzent inzwischen seinen tatsächlichen Erfolg?
Das ZDF hat mit seiner Audience Abteilung hier einen mutigen Schritt getan. Dabei ist es ist ja schon ein Statement, wenn das Haus eine Primetime-Produktion ein halbes Jahr vor seiner TV-Premiere zum streamen freigibt. Das passiert hier nicht zum ersten Mal. Tatsächlich aber hat sich das bei der Ausstrahlung von «Ostfriesensturm» im Mai hat keinesfalls negativ auf die Quote ausgewirkt: Der Marktanteil lag bei sehr starken 24,9 Prozent, bei gleichzeitig sehr hohen Abrufzahlen. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich der Markt weiterentwickelt. Für die Kommunikation hat die TV-Premiere aber nach wie vor einen hohen Stellenwert – wie ja auch dieses Interview zeigt.

Mit «Oh Boy», «Styx» und «Lara» hat Schiwago Film auch anspruchsvolle Kinoproduktionen realisiert. Wie schaffen Sie es als vergleichsweise kleine Produktionsfirma, zwischen kommerziellen Fernsehkrimis und künstlerisch eigenständigem Kino zu wechseln?
Mischkalkulationen, wie die, die wir im Moment praktizieren, begleiten uns schon von Anfang an, obwohl es ein harter Weg war, Schublade für Schublade zu verlassen, in die man so auf seinem beruflichen Weg hineingepfercht wurde. Ein kommerzielleres Gegengewicht gegenüber unseren Nachwuchs- und Arthouse – Kinofilmen ist definitiv nötig. Auch wenn die Auftraggeber sparen müssen, auch der Kinomarkt massiv schrumpft. Aber, es ist wie in allen Bereichen unseres Lebens im Moment. Es bringt nichts, anderen Umständen nachzutrauern, sich über faktisch existente Entwicklungen zu beschweren. Die Erkenntnis, dass „Not erfinderisch macht“, ist für eine kleine, unabhängige Filmproduktion, die es seit 26 Jahren gibt, nicht neu. Das, was für viele unserer kleineren Europäischen Nachbarn seit Jahrzehnten schon völlig selbstverständlich war, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten, wird für uns und unsere Art des Filmemachens existenzielle Normalität werden. Zunehmend wird dies aber auch für andere Bereiche jenseits des Kinos gelten: wir werden auch selbst wirtschaftlich machbare internationale Allianzen schmieden und Anreize schaffen müssen, für den Content des Fernsehens und der Streamer.

Deutsche Fernsehsender setzen stark auf etablierte Krimimarken, während originelle Stoffe oft schwerer einen Sendeplatz finden. Ist der Krimi für Produktionsfirmen inzwischen eine wirtschaftliche Notwendigkeit, um sich anspruchsvollere Projekte überhaupt leisten zu können?
Wir genießen Gott sei Dank das Privileg, nicht machen zu müssen, was wir nicht mögen. In Deutschland werden pro Jahr rund 3.500 deutsche Erstausgaben und Originalausgaben von Kriminalromanen veröffentlicht, über 50% des Gesamtangebots der deutschen Fernsehsender machen KRIMINALFILME aus. Die Frage, warum gerade bei uns der Krimi so erfolgreich ist, scheint viele zu beschäftigen. Krimis sind zur scheinbar einzigen verlässlichen Größe in der Unterhaltung geworden. Sie liefern in gefühlt immer unsichereren Zeiten eine symbolische Erzählung über den funktionierenden Rechtsstaat, geben Halt und trotz Düsternis Hoffnung. Sie sind eine moderne Form von Moralerzählung und ein Gegenmittel gegen die Angst vor Chaos und Kontrollverlust. Sie sind ein positives Narrativ für eine skeptische Gesellschaft, ein Spiegel gesellschaftlicher Ängste und Veränderungen. Abgesehen davon, schneidet „der deutsche Krimi“ im Kontext des europäischen Auslands deutlich besser ab, als man es hierzulande wahrhaben will. Sie können, dürfen und müssen sogar sowohl originell, als auch anspruchsvoll sein, denn sie erreichen mit schöner Regelmäßigkeit bis zu 1/8 der Bevölkerung. Davon konnten wir leider bei anderen, „anspruchsvollen“ Fernsehfilmen, die wir gemacht haben, nur träumen können. Kurz und gut. Es wird bei uns zwar immer weiter „beides“ geben, aber – wir machen beides gleich gern, mit ganzem Herzen und mit gleichem Anspruch.

Die Produktionskosten steigen, gleichzeitig stehen die öffentlich-rechtlichen Sender unter erheblichem Spardruck. Wo spüren Sie diesen Konflikt bei Schiwago Film am deutlichsten? Und was müsste sich an der deutschen Filmförderung und Auftragsproduktion ändern, damit kleinere unabhängige Produktionsfirmen langfristig bestehen können?
Die Kunst ist, mit immer weniger Spielraum immer mehr möglich zu machen – ohne dass die Filme kleiner werden, an Value einbüßen. Unsere große Stärke als unabhängige Produzenten ist es, Risiken einzugehen und ständig Neues zu wagen, in jeder Hinsicht. Das ist es, was es gerade unserer Meinung nach immer mehr braucht: produzentische Kreativität, Offenheit, Kooperationsbereitschaft, uneitles Dazulernen und um die Ecke denken. Und damit das zumindest so bleiben kann und nicht immer schlechter wird, müssen die Rahmenbedingungen mehr ermöglichen als bloßes Durchhalten. Fairness und Gleichbehandlung müssen dabei garantiert bleiben.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Das ZDF zeigt «Ostfriesentodesspiel» am Samstag, 7. November, um 20.15 Uhr. Seit 2. Mai kann der Film online abgerufen werden.
06.11.2026 11:53 Uhr Kurz-URL: qmde.de/177003
Fabian Riedner

super
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