Im Interview zu «Doitscha – Alles geht vorüber» sprechen Carolin Engstfeld, Wiebke Mercier und Ester Amrami über jüdisches Leben nach dem 7. Oktober, die Grenzen deutscher Erinnerungskultur und die Verantwortung des Fernsehens im Kampf gegen Antisemitismus.
Frau Engstfeld, Frau Mercier, «Doitscha – Alles geht vorüber» erzählt vom jüdischen Leben in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023. Wie sehr hat sich während der Entwicklung des Films Ihr Blick darauf verändert, was es heute bedeutet, als jüdische Familie in Deutschland zu leben?
Carolin Engstfeld, Wiebke Mercier: Bei der Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde (wir hatten Drehs auf dem Friedhof und in der Synagoge) sind uns viele Ängste begegnet, die uns erschrocken haben. Auch beim Team haben wir sie teils erlebt, manche sprechen an ausgewählten Orten bewusst kein hebräisch mit ihren Kindern - das hat uns nochmal vor Augen geführt, wie wichtig es ist diese Geschichte zu erzählen.
Adriana Altaras veröffentlichte ihren Roman „Doitscha“ bereits 2015. Inzwischen ist die gesellschaftliche Situation eine andere. Welche Veränderungen haben Sie bei der Adaption vorgenommen, um auch die zunehmende Verunsicherung und die Bedrohung jüdischer Menschen in Deutschland zu erzählen?
Carolin Engstfeld, Wiebke Mercier: Wir haben die Geschichte ins hier und jetzt gesetzt und damit den Schockzustand und die stark veränderte Lebenssituation von jüdischen Menschen (in Deutschland) nach dem 7. Oktober 2023 mit reingenommen. Das war die größte Veränderung, die wir vorgenommen haben, weil sich dadurch eine Themenverschiebung ergeben hat. Im Roman geht es vornehmlich um das Trauma der 2. Generation, bei uns darum, dass sich das Selbstverständnis des Zusammenlebens stark verändert hat und neue Wege der Kommunikation gefunden werden müssen.
Antisemitismus wird in Deutschland häufig mit Rechtsextremismus verbunden. Seit dem 7. Oktober 2023 stehen aber auch antisemitische Einstellungen und Übergriffe aus linksradikalen und islamistischen Milieus verstärkt in der öffentlichen Debatte. War es Ihnen wichtig, diese unterschiedlichen Erscheinungsformen sichtbar zu machen, statt Antisemitismus nur einem politischen Lager zuzuordnen?
Carolin Engstfeld, Wiebke Mercier: Definitiv. spätestens seit dem 7. Oktober ist es offensichtlich, dass es in Deutschland und auf der ganzen Welt auch in anderen politischen Gruppierungen, nicht nur bei den Rechten, Antisemitismus gibt. Uns war es aber besonders wichtig, in «Doitscha» nicht die verschiedenen Gruppierungen abzubilden. Es geht in unserem Film an keiner Stelle darum, aus welcher politischen Ecke Anfeindungen oder Unterstützung kommt. Es geht viel mehr darum, zu zeigen, wie schwer es in diesen Zeiten ist, sich zu positionieren, ohne sich automatisch gegen die andere Seite zu stellen und wir schwierig es teils ist in den Dialog zu gehen.
Gerade im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg verschwimmen in öffentlichen Auseinandersetzungen mitunter die Grenzen zwischen legitimer Kritik an der israelischen Regierung und antisemitischen Ressentiments. Wie schwierig ist es,
diese Konflikte in einem Fernsehfilm aufzugreifen, ohne die Lebenswirklichkeit der jüdischen Figuren auf den Nahostkonflikt zu reduzieren?
Ester Amrami: Unsere Figuren waren unser Anker und Kompass während der Entwicklung der Geschichte. Wir haben sie nicht instrumentalisiert, um ein Thema zu schildern, sondern sie haben uns in ihrem Leben und Konflikte, die privat und die politisch sind, geführt. So konnten wir den Figuren treu bleiben und die Geschichte authentisch bauen.
Der jüngere Sohn Sammy erlebt antisemitische Anfeindungen in der Schule und verschweigt sie zunächst seiner Familie. Ist das vielleicht einer der erschütterndsten Aspekte Ihrer Geschichte: dass ein jüdisches Kind im heutigen Deutschland Angst haben muss, offen mit seiner Identität umzugehen?
Ester Amrami: Ja, natürlich ist das erschütternd!
Der Film erzählt eine jüdisch-nichtjüdische Familienkonstellation, in der die Konflikte nicht ausschließlich von außen kommen. Wie wichtig war Ihnen diese Perspektive, damit jüdische Figuren nicht nur als Opfer gesellschaftlicher Anfeindungen erscheinen, sondern als Menschen mit ganz gewöhnlichen familiären Widersprüchen?
Ester Amrami: Das war unsere Prämisse des Films, dass das "normale" Familienleben im Vordergrund steht, und dass die Konflikte privater Natur sind. Nur so konnten wir die Figuren und die Geschichte authentisch darstellen.
Adriana soll eine Rede zum Holocaust-Gedenktag halten, während sie die Probleme ihrer eigenen Familie zunehmend aus dem Blick verliert. Steckt darin auch die Frage, ob Deutschland zwar viel über historische Verantwortung spricht, aber beim Schutz jüdischen Lebens in der Gegenwart noch immer Schwierigkeiten hat?
Ester Amrami: Adrianas Arbeit an der Rede spiegelt einerseits Adrianas Kritik an das erstarrte Konzept der Erinnerungskultur und andererseits ihre Identitätskrise angesichts der aktuellen komplexen Situation. Deswegen hat Adriana so Schwierigkeiten Worte für ihre Rede zu finden.
«Doitscha» verbindet Antisemitismus, Erinnerungskultur und familiäre Konflikte mit tragikomischen Elementen. Gab es bei der Entwicklung Diskussionen darüber, wie viel Humor ein solcher Stoff verträgt – gerade in einer Zeit, in der die Bedrohung für jüdische Menschen sehr real ist?
Carolin Engstfeld, Wiebke Mercier: Nein, wir wollten zu jeder Zeit bewusst humorvoll erzählen, weil es in der DNA des Stoffs steckt, die Romanvorlage von Adriana Altaras steckt voller Humor und Selbstironie.
Humor hilft schlimme Situationen verarbeiten zu können und macht Konflikte für ein breites Publikum zugänglich. Vor allem aber wirkt eine Geschichte echt, wenn Lachen und Weinen nah beieinander liegen. Absurde Alltagssituationen hören ja nicht plötzlich auf, weil schlimme Ereignisse die Welt erschüttern.
Zudem schütz Humor oftmals davor, mit erhobenem Zeigefinger zu erzählen, was richtig und was falsch ist. Humor berührt die ZuschauerInnen im besten Fall und lässt sie selbst spüren, welche Haltung sich gut anfühlt. Das liegt auch in unserer DNA als Storyteller: wir möchten relevante Inhalte unterhaltsam erzählen, um damit Menschen zu berühren.
Mit Ester Amrami als Regisseurin und Koautorin sowie Adriana Altaras als Urheberin der Vorlage waren unterschiedliche persönliche Perspektiven auf jüdische Identität an der Entstehung beteiligt. Wie haben diese Erfahrungen die Geschichte geprägt, und welche Diskussionen gab es während der Stoffentwicklung?
Carolin Engstfeld, Wiebke Mercier: Uns war es hier wichtig dass wir eine authentische jüdische Stimme für den Stoff haben. Mit Ester und Adriana war da eine sehr starke Grundlage, weil beide auch eine ähnliche Sicht aufs Leben haben. Stichwort Humor. So konnten wir der Tonalität des Romans mit dem Film auch treu bleiben.
Die ARD zeigt «Doitscha» wenige Tage vor dem Jahrestag der Reichspogromnacht. Würden Sie sich wünschen, dass jüdisches Leben im deutschen Fernsehen häufiger auch unabhängig von Gedenktagen, Antisemitismus und historischer Schuld erzählt wird?
Definitv! Es geht darum die Kultur und Menschen hinter dem Judentum heute sichtbar zu machen, denn nur so können Vorurteile die die Grundlage von Antisemitismus sind, abgebaut werden. Und diese Kraft haben wir als FernsehmacherInnen.
Der Film läuft zur Primetime im Ersten. Haben Sie bei einem gesellschaftlich und politisch sensiblen Stoff wie diesem besondere Zurückhaltung bei Sendern, Förderern oder anderen Beteiligten erlebt oder war gerade die gegenwärtige Situation ein Argument dafür, diese Geschichte unbedingt zu erzählen?
Carolin Engstfeld, Wiebke Mercier: Wir haben die Entwicklung des Stoffs schon vor der brisanten gegenwärtigen Situation begonnen und sind durchaus schnell auf Interesse gestoßen. Mit dem 7. Oktober hat der Stoff dann natürlich nochmal an Brisanz gewonnen. Generell muss man aber sagen, dass wir mit dem WDR großes Glück hatten. Unsere Redaktion hat uns sehr viel Vertrauen bei der Entwicklung entgegengebracht und die politische Diskussion im Film nicht gescheut. Das ist leider eher die Ausnahme.
Wenn jüdische Menschen in Deutschland erneut über ihre Sicherheit, ihre Sichtbarkeit und ihre Zukunft nachdenken müssen, stellt sich auch die Frage nach der Verantwortung der Mehrheitsgesellschaft. Was kann ein Fernsehfilm wie «Doitscha – Alles geht vorüber» dazu beitragen, dass aus dem häufig beschworenen
„Nie wieder“ mehr wird als ein Satz bei Gedenkveranstaltungen?
Carolin Engstfeld, Wiebke Mercier: Der Film erzählt uns die Geschichte einer Familie, in der klar wird, Konflikte sind kompliziert. Das Leben ist kompliziert. Der Film soll anders als die eher auswendig gelernte deutsche Erinnerungskultur neue Perspektiven aber auch Fragen auf das Zusammenleben aufmachen, die ZuschauerInnen selbst Gefühle zu ihrer Verantwortung erfahren lassen. Nicht durch Gedenkveranstaltungen einmal im Jahr, sondern im täglichen Miteinander.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Doitscha - Alles geht vorüber» ist am Mittwoch, 4. November, im Ersten zu sehen. Der Film ist seit 30. Oktober in der ARD Mediathek abrufbar.
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