In der Science-Fiction-Serie «Wake Up» spielt Aybi Era eine Wissenschaftlerin, deren Forschung außer Kontrolle gerät. Im Interview spricht sie über die Grenzen des Fortschritts, die Bedeutung unserer Identität und die Zusammenarbeit mit Luna Jordan.
Frau Era, Hevi Abdel beginnt in «Wake Up» als Wissenschaftlerin, die Nanobots für die Angsttherapie erforscht und entdeckt plötzlich eine Technologie, mit der sich Bewusstsein übertragen lässt. Was hat Sie an dieser Figur gereizt?
Ich fand’s toll dass sie Wissenschaftlerin ist. Sie ist der Logik so nah, in ihrer Arbeit und ihrem Glauben das Leben zu verstehen, das ist mir persönlich sehr fern. Deswegen fand ich diese Gegensätzlichkeit besonders anziehend bei Hevi.
Hevi überschreitet ziemlich schnell wissenschaftliche und ethische Grenzen, als sie sich auf Emilias Wunsch einlässt, Claras Bewusstsein aus dem Koma zu holen. Haben Sie Hevi eher als Getriebene oder als jemanden verstanden, der tatsächlich glaubt, das Richtige zu tun?
Ach, eigentlich beides. Ich glaube das liegt so nah beieinander und feuert sich sogar gegenseitig an 😀
Für Emilia ist die Technologie eine letzte Hoffnung, für Hevi zugleich die Chance auf einen wissenschaftlichen Durchbruch. Wie wichtig war dieser Unterschied in den Motiven für das Verhältnis der beiden Frauen?
Darauf basiert ja deren Abhängigkeit voneinander. Beide brauchen sich darin gegenseitig, beide haben einen, vermeintlichen Mehrwert voneinander, was ich sehr gut nachvollziehen kann. Darin liegt der Schmerz und die Freude auch wieder so nah.
«Wake Up» stellt die faszinierende Frage, ob unser Bewusstsein unabhängig von unserem Körper existieren könnte. Hat die Serie Ihre eigene Vorstellung davon verändert, was unsere Identität eigentlich ausmacht?
Da gibt es mehrere Antworten für mich.
Ich glaube an das pure Bewusstsein ohne den Körper. Das zu erfahren ist, glaube ich nur den wenigsten von uns möglich. Dazu muss man trainieren alle Einschränkenden, Bewertenden Gedanken in den Hintergrund zu legen und nur ins „Sein“ abzutauchen. Also das geht bestimmt, braucht aber viel Übung. Und gleichzeitig Identifiziere ich mich auch mit meinen körperlichen Eigenschaften, Hautfarbe, Augenfarbe, Haarfarbe. Mein dunkleres Aussehen, ist auch Teil meiner Identität, da ich dadurch meinen Alltag anders erlebe, und meine zusätzliche Herkunftgeschichte, als eine türkische Erweiterung in mir trage. Daher identifiziere ich mich auch mit meinem Aussehen.
Ich liebe dieses Thema darin. Weil es unsere Körper so austauschbar und zweitranging macht und wir dann lernen könnten weniger aufs Äußeres zu achten und mehr nach innen zu schauen.
Ich finde die Identität eines Menschen macht immer der Charakter aus. Also Glaubenssätze, Haltungen, Handlungen, Werte.
Hevi erlebt am eigenen Leib, wie ihr Bewusstsein in Emilias Körper gelangt. Wie spielt man eine Figur, die plötzlich nicht mehr in ihrem eigenen Körper steckt und wie eng mussten Sie und Luna Jordan dafür Ihre Darstellung aufeinander abstimmen?
Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil meine Rolle ja in Ohnmacht gefallen ist und Hevi nie in Emilias Bewusstsein spielen musste. Luna war so talentiert und ist einfach ihrem Instinkt nachgegangen… sie hat mich in meiner Rolle als Hevi beobachtet und sich Körperliche Merkmale rausgepickt & meine Art als Hevi zu sprechen und das in ihre Verwandlung integriert.
Aus einer medizinischen Forschung wird im Laufe der Serie eine Technologie mit enormem wirtschaftlichem Potenzial. Josephine möchte das „Traveln“ schließlich für alle zugänglich machen. Ist «Wake Up» für Sie deshalb auch eine Geschichte darüber, wie schnell medizinischer Fortschritt zum Geschäftsmodell werden kann?
Ja klar. In den Händen von Menschen die nur Profit und ihren eigenen Status darin sehen, ist es ein wunderbares Beispiel dafür, wie schnell so eine Erfindung kommerziell werden kann. Für mich ging es aber in erster Linie darum, was es mit den einzelnen Menschen macht und wie sie sich ihre Charaktere dadurch verändern und wie im echten Leben die Situationen passieren, weil sie Lektionen für einen bereit halten.
Für Hevi war der Antrieb, ihre Mutter zu heilen und somit allen Menschen mit PTBS ein leidfreieres Leben zu ermöglichen, aber als ihre egoistischen Anteile dazu kamen, hat auch sie sich verändert.
Hevi lässt sich trotz ungeklärter Nebenwirkungen immer weiter auf die Experimente ein. Wo liegt für Sie der Punkt, an dem wissenschaftlicher Ehrgeiz in Verantwortungslosigkeit umschlägt?
Sobald die eigenen Interessen denen der Gruppe überwiegen und man den Schaden für andere ausblendet. Da gibt es immer den inneren Kompass, den man doch in solchen Momenten bewusst ignoriert, das ist meistens ein Indiz dafür 😉
Die Serie spielt in einer nahen Zukunft und verzichtet damit auf eine weit entfernte Science-Fiction-Welt. War es Ihnen beim Spielen wichtig, dass sich diese Technologie trotz ihrer Radikalität so anfühlt, als könnte sie tatsächlich schon morgen existieren?
Das hat auf jeden Fall geholfen das noch realistischer zu empfinden. Es ist dadurch so viel näher am eigenen Erleben dran, das hilft schon.
Hevi arbeitet innerhalb eines Unternehmens, in dem ihre Schwiegermutter Josephine die Chefin und ihr Mann Lars ihr Abteilungsleiter ist. Wie stark wird ihre wissenschaftliche Arbeit dadurch auch zu einem familiären Machtkampf?
Ja, zu dem Punkt kam es dann auch, da floss alles zusammen und schon steckt man im Schlamassel. Dadurch vermischt sich die Arbeit und die Beziehungsebenen miteinander. Auf der anderen Seite ist es auch gut so, denn nur durch solche Konflikte wird man meistens im Leben wachgerüttelt und weiß danach besser, was man will oder nicht will.
Später muss Hevi erleben, dass Josephine längst eigene Pläne mit der Technologie verfolgt und sie schließlich sogar aus dem Unternehmen wirft. Ist das auch der Moment, in dem Hevi begreift, dass sie die Kontrolle über ihre eigene Erfindung verloren hat?
Auf jeden Fall liegt darin eine große Abhängigkeit von Hevi. All ihre Schaffenskraft, ihre Ausdauer, ihre Unermüdlichkeit und vor allem ihr Wille zum Durchbruch zu kommen, so wie sie es sich vorstellt…das muss sie dann alles abgeben, weil sie letztelendes nur in einem Angestelltenverhältnis ist. Das wünsche ich niemandem.
«Wake Up» beschäftigt sich neben technologischem Fortschritt sehr stark mit Trauer, Schuld und der Unfähigkeit loszulassen. Ist die eigentliche Versuchung dieser Technologie vielleicht weniger das ewige Leben als die Möglichkeit, einen endgültigen Abschied nicht akzeptieren zu müssen?
Sicherlich auch das! Beim Drehen sind für mich von Szene zu Szene, immer mehr Aspekte von neuen Themen dazugekommen.
Alle Figuren haben eine eigene Agenda und sobald sie sich überschneiden, will jeder seinen eigenen Vorteil daraus erschaffen und ich kann jede Rolle darin sehr gut nachvollziehen. Die Serie als Ganzes zu interpretieren liegt mir fern, ich finde es spannend die Gedanken von allen Zuschauenden zu erfahren 😀
Die Serie führt ihre Grundidee schließlich bis zu einer sehr persönlichen Frage: Nur weil der Mensch etwas technisch möglich machen kann – bedeutet das noch lange nicht, dass er es auch tun sollte. Welche Antwort gibt Hevi darauf am Ende für Sie?
Sie entscheidet sich dagegen, was ich persönlich sehr richtig für das Kollektiv finde.
Danke für Ihre Zeit!
«Wake Up» ist seit 23. Oktober in der ZDFmediathek abrufbar. ZDFneo strahlt die Serie ab Mittwoch, 28. Oktober, um 21.45 Uhr aus. Die sechs Folgen laufen bis zum 11. November.
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