Philipp Hochmair: ‚Vielleicht ist der schwierigste Mensch, den Geier verstehen muss, er selbst‘

Im dritten Film der ZDF-Krimireihe «Der Geier» gerät Lukas Geiers Menschenkenntnis ins Wanken. Philipp Hochmair spricht über Selbstzweifel, die Verantwortung für frühere Entscheidungen und die Geheimnisse seiner Figur.

Herr Hochmair, „Blut und Zweifel“ ist bereits der dritte Film mit Lukas Geier. Was haben Sie inzwischen über diese Figur gelernt, das Ihnen beim ersten Film noch nicht bewusst war?
Ich glaube, ich habe verstanden, dass Geier viel verletzlicher ist, als er auf den ersten Blick wirkt. Er ist ein sehr genauer Beobachter, jemand, der Menschen lesen kann und der sich auf seine Intuition verlässt. Aber diese Fähigkeit ist gleichzeitig seine Stärke und seine Schwachstelle. Denn wer glaubt, Menschen gut zu durchschauen, kann sich auch mal irren. Das finde ich an Geier spannend. Er ist kein abgeklärter Ex-Ermittler, der alles im Griff hat. Er trägt seine Vergangenheit und seine Brüche mit sich herum.

Diesmal wird Geier mit der Möglichkeit konfrontiert, dass er sich bei Martin Kogler vielleicht fundamental geirrt hat. Wie sehr erschüttert dieser Zweifel sein Selbstverständnis als jemand, der glaubt, Menschen besonders gut einschätzen zu können?
Sehr. Es geht um eine persönliche Entscheidung, für die er Verantwortung übernommen hat. Geier hat Martin geholfen, ein neues Leben zu beginnen. Wenn sich nun herausstellt, dass dieser Mensch vielleicht doch schuldig ist, stellt sich für Geier die Frage: Habe ich damals falsch entschieden oder mich täuschen lassen? Geier muss nicht nur einen Mord aufklären, sondern auch seine eigene Menschenkenntnis überprüfen.

Kogler konnte mit Geiers Hilfe unter einer neuen Identität ein neues Leben beginnen. Welche Verantwortung empfindet Geier deshalb, als plötzlich Morde geschehen, die mit Martins Vergangenheit in Verbindung stehen könnten?
Eine enorme. Geier hatte ihm durch den Zeugenschutz eine zweite Chance ermöglicht. Und wenn diese zweite Chance nun mit einem Verbrechen in Verbindung gebracht wird, kann er sich nicht einfach zurückziehen und sagen: Das geht mich nichts mehr an. Für seine Schützlinge trägt er ein Leben lang Verantwortung.

Geier ermittelt heimlich weiter, weil er Koglers Unschuld beweisen möchte. Läuft er dadurch Gefahr, nicht mehr unvoreingenommen nach der Wahrheit zu suchen, sondern vor allem seine eigene frühere Entscheidung verteidigen zu wollen?
Genau darin liegt eine der größten Gefahren für ihn. Er will die Wahrheit finden – aber er hat gleichzeitig ein Interesse daran, wie diese Wahrheit aussieht. Das ist ein Widerspruch aber auch etwas ganz Menschliches: Wenn wir eine wichtige Entscheidung getroffen haben, wollen wir später nicht unbedingt erkennen, dass sie falsch war. Geier muss sich also fragen, ob er wirklich Kogler beschützen will oder ob er an seinem eigenen Bild von ihm festhalten und sich keinen Fehler eingestehen will.

Schon der Titel „Blut und Zweifel“ deutet an, dass diesmal weniger die reine Tätersuche als die Unsicherheit über Menschen und ihre Vergangenheit im Mittelpunkt steht. Ist dieser innere Konflikt für Sie das eigentlich Spannende an dem Film?
Ein guter Krimi fragt für mich immer auch: Wem glaube ich – und warum? Wir Menschen bilden uns sehr schnell ein Urteil. Und danach suchen wir oft unbewusst nach den Dingen, die dieses Urteil bestätigen. Geier gerät diesmal genau in diese Falle. Er muss seine eigene Wahrnehmung infrage stellen und steht gleichzeitig unter enormem Zeitdruck, weil nicht klar ist, wo weitere Gefahr lauert.

Zwischen Geier und Kriminalinspektorin Franziska Conte besteht erneut ein Spannungsverhältnis, am Ende müssen sie jedoch ihre Kräfte bündeln. Was unterscheidet die beiden in ihrer Art zu ermitteln und warum funktionieren sie trotzdem miteinander?
Conte arbeitet stärker aus der Position der offiziellen Ermittlerin heraus. Sie braucht Beweise, überprüfbare Zusammenhänge, eine klare Linie. Geier arbeitet intuitiver. Er geht stärker über Menschen, über Stimmungen, über das, was zwischen den Zeilen passiert und er darf ihr nicht die Wahrheit sagen, weil über die Vergangenheit seiner „Gespenster“ niemals gesprochen werden darf. Beide haben also völlig unterschiedliche Zugänge zur Wahrheit. Ich mag diese Beziehung sehr, weil sie nicht auf Harmonie beruht. Vertrauen entsteht bei den beiden sehr langsam, und nicht ohne Reibung.

Bad Gastein und die Bergwelt sind weit mehr als eine hübsche Krimikulisse. Was macht diese gleichzeitig imposante und abgeschiedene Landschaft mit der Atmosphäre von „Der Geier“ und auch mit Ihrem Spiel?
Die Berge verändern den Blick auf die Menschen. Alles wird weiter und größer und gleichzeitig enger. Man kann sich in dieser Landschaft verlieren, aber man kann ihr auch nicht wirklich entkommen. Das passt sehr gut zu dieser Geschichte, weil auch die Figuren versuchen, ihrer Vergangenheit zu entkommen.

Geier bekommt durch das Setting der Bad Gasteiner Bergwelt und seiner Hütte etwas sehr Erd- und Naturverbundenes. Er ist in dieser Landschaft nicht nur jemand, der einen Fall löst, sondern ein Mensch, der intensiv darin lebt und sich auch immer wieder behaupten muss.

Sie wechseln regelmäßig zwischen Theater, großen historischen Figuren und Fernsehrollen. Lukas Geier ist dagegen eine Figur, zu der Sie wiederholt zurückkehren. Was kann Ihnen eine fortlaufende Rolle bieten, das eine einzelne Film- oder Theaterfigur nicht leisten kann?
Bei einer einzelnen Rolle muss man einen Menschen in kurzer Zeit vollständig erfassen. Bei einer fortlaufenden Figur kann man auch mal Dinge offenlassen. Man kann sich irren, etwas ausprobieren und später darauf zurückkommen. Eine Figur beginnt irgendwann ein Eigenleben zu entwickeln.

Das ist beim Theater ähnlich, wenn man eine Rolle über viele Jahre spielt: Man entdeckt nicht jedes Mal einen neuen Menschen, sondern neue Schichten desselben Menschen. Bei Geier finde ich interessant, dass ich ihn inzwischen kenne – aber trotzdem noch nicht vollständig verstehe. Und vielleicht sollte das auch so bleiben.

Nach drei Filmen: Wo sehen Sie bei Lukas Geier noch unerzählte Seiten? Gibt es etwas aus seiner Vergangenheit oder seinem Privatleben, das Sie in möglichen weiteren Filmen gerne stärker erkunden würden?
Mich würde interessieren, was Geier eigentlich macht, wenn er keinen Fall hat. Wer ist dieser Mann im selbstgewählten, vorgezogenen Ruhestand, wenn er wirklich nur machen könnte, was er will?

Was hat sein früherer Beruf und sein Expertenwissen mit ihm gemacht ? Warum ist er so geworden, wie er ist? Ich glaube, dass in seiner Vergangenheit noch einiges verborgen liegt.

Denn je mehr Fälle Geier löst, desto interessanter wird für mich die Frage, was er eigentlich über sich selbst weiß. Vielleicht ist der schwierigste Mensch, den er irgendwann verstehen muss, er selbst.

Danke für Ihre Zeit!

Das ZDF strahlt «Der Geier» am Montag, 2. November, um 20.15 Uhr aus. Der Film ist bereits seit 24. Oktober in der ZDFmediathek abrufbar.
01.11.2026 12:55 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176750
Fabian Riedner

super
schade


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• Der Geier

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