Zwischen Lügen, Likes und Literatur: Die Buchmesse zeigt ihre vielen Gesichter

Ronja von Rönne erzählt von einem unnötig entfernten Blinddarm, Deutschlandfunk Kultur diskutiert über die gesellschaftliche Empörung und TikTok präsentiert erstaunliche Zahlen zum Buchmarkt. Die Frankfurter Buchmesse ist längst mehr als eine Veranstaltung für Leseratten.

Wer die Frankfurter Buchmesse besucht, muss nicht zwangsläufig ein Buch kaufen. Man kann sich auch erklären lassen, warum Menschen lügen, weshalb unsere Gesellschaft ständig empört ist oder wie ein chinesischer Technologiekonzern den europäischen Buchhandel ankurbelt. Dazwischen sitzt Elke Heidenreich, spricht über Hermann Hesse und trägt ein Gedicht vor. Die Buchmesse ist eben ein Sammelsurium unterschiedlichster Themen, das weit über Neuerscheinungen und Autorenlesungen hinausgeht.

Eine besonders unterhaltsame Geschichte hat Ronja von Rönne mitgebracht. Die Schriftstellerin, die unter anderem mit ihrem Buch „Alles Liebe“ vertreten ist, sprach bei „Die Zeit“ über das Lügen. Dabei stellte sich heraus, dass sie diese Disziplin offenbar schon früh beherrschte. Als Achtjährige wollte sie nicht zur Schule gehen und täuschte deshalb Schmerzen an der Seite ihres Bauches vor. Das Schauspiel muss ausgesprochen überzeugend gewesen sein: Ihrer Erzählung zufolge wurde ihr schließlich sogar der Blinddarm herausoperiert. Aus einer kleinen Ausrede wurde damit ein medizinischer Eingriff.

Dass von Rönne auch als Erwachsene gelegentlich zu ungewöhnlichen Geschichten greift, bewies sie auf ihrer Anreise nach Frankfurt. Im Zug erzählte sie dem Schaffner, sie habe Geburtstag. Der Hintergrund war denkbar banal: Offenbar bekommen Geburtstagskinder einen Muffin geschenkt. Allerdings entwickelte die Geschichte eine unerwartete Eigendynamik. Plötzlich sang das gesamte Abteil ein Geburtstagsständchen, was der Autorin ausgesprochen unangenehm war. Sie wollte sich beim Schaffner mit einem großzügigen Trinkgeld erkenntlich zeigen. Doch dieser lehnte ab. Von einer Frau, die Geburtstag habe, nehme er schließlich kein Geld. Manchmal wäre die Wahrheit wohl einfacher gewesen.

Während bei „Die Zeit“ herzlich gelacht werden konnte, ging es bei Deutschlandfunk Kultur deutlich ernster zu. Korbinian Frenzel begrüßte für «Studio 9 – Der Tag mit ...» die Politologin Saba-Nur Cheema und den Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel. Das Ehepaar hat gemeinsam das Buch „Die Empörungsfalle – Wie wir wieder streiten lernen“ geschrieben. Der Titel könnte kaum besser zur gegenwärtigen politischen Situation passen.

Cheema und Mendel diskutierten darüber, warum die Gesellschaft immer häufiger in moralische Lager zerfällt. Dabei ging es um Antisemitismus, Rassismus, den Nahostkonflikt und den Aufstieg rechtsextremer Parteien. Cheema kritisierte eine gesellschaftliche Entwicklung, in der selbst kleine Irritationen schnell zu schwerwiegenden Vorwürfen führten. Sie berichtete beispielsweise von einem Nachbarn, der sich lange nicht getraut habe, sie nach ihrer Herkunft zu fragen. Als sie schließlich Pakistan erwähnte, erzählte er begeistert von seinem Urlaub in Sri Lanka. Eine ungeschickte Reaktion, sicherlich. Doch macht sie ihn gleich zum Rassisten? Später begegnete Cheema demselben Mann auf einer Demonstration gegen Rechtsextremismus.

Mendel wiederum warnte davor, politische Meinungsverschiedenheiten automatisch zu persönlichen Feindschaften werden zu lassen. Auch beim hochumstrittenen Nahostkonflikt müsse es möglich bleiben, unterschiedliche Auffassungen auszuhalten. Besonders eindrücklich war seine Beobachtung, dass schon das Wort „Genozid“ ausreiche, damit sich Gesprächspartner gegenseitig jede moralische Integrität absprächen. Die beiden Autoren plädierten deshalb keineswegs für Gleichgültigkeit, sondern für mehr Gelassenheit im Umgang miteinander. Eine Botschaft, die angesichts der täglichen Auseinandersetzungen in sozialen Netzwerken durchaus bemerkenswert ist.

Apropos soziale Netzwerke: Nur wenige Meter weiter demonstrierte TikTok, wie stark digitale Plattformen inzwischen den klassischen Medien- und Unterhaltungsmarkt beeinflussen. Gemeinsam mit dem Marktforschungsunternehmen Media Control präsentierte der Konzern eine Reihe beeindruckender Zahlen. Demnach wurden 2025 in Deutschland mehr als 28 Millionen Bücher verkauft, die über die sogenannte #BookTok-Community empfohlen worden waren. In wichtigen europäischen Buchmärkten erzielten entsprechende Titel einen Umsatz von rund 800 Millionen Euro.

Das Phänomen beschränkt sich längst nicht mehr auf Jugendliche. Besonders stark wächst die Gruppe der 30- bis 39-jährigen Käufer. Ihr Anteil stieg zwischen 2022 und 2025 von 26 auf 35 Prozent. Auch Männer entdecken zunehmend die digitale Buchgemeinschaft: Während ihr Anteil 2022 noch bei 17 Prozent lag, sollen es 2026 bereits 32 Prozent sein. Darüber hinaus gaben 57 Prozent der befragten TikTok-Buchkäufer an, heute mehr Geld für Bücher auszugeben als zwei Jahre zuvor.

Für den Buchhandel sind solche Entwicklungen ein Glücksfall. Während traditionelle Literaturkritiker darüber urteilen, welche Werke besonders lesenswert sind, entscheiden auf TikTok inzwischen häufig kurze Videos über den kommerziellen Erfolg. Der Konzern bezifferte die Zahl der weltweiten #BookTok-Beiträge für 2026 auf mehr als 75 Millionen. Zum Vergleich: 2024 waren es noch über 40 Millionen.

Besonders interessant wird es, wenn Bücher und bewegte Bilder aufeinandertreffen. Unter dem Schlagwort #BookToScreen präsentierte TikTok die Verbindung zwischen literarischen Bestsellern und erfolgreichen Verfilmungen. Als Beispiel diente die Prime-Video-Serie «Maxton Hall», deren Erfolg von einer enormen Präsenz auf der Plattform begleitet wurde. Mehr als 120.000 Beiträge zum Serienphänomen und über 1,7 Millionen verkaufte Bücher der zugrunde liegenden Trilogie wurden genannt. Auch die zweite Staffel sorgte wieder für einen deutlichen Anstieg der Aufmerksamkeit.

TikTok beansprucht allerdings nicht nur beim Buchgeschäft eine wichtige Rolle. Laut einer weiteren Präsentation waren 15 der 20 erfolgreichsten Kinofilme des Jahres 2025 in Deutschland virale TikTok-Hits. Mehr als jeder dritte Nummer-eins-Hit in den Musikcharts soll außerdem zuerst auf der Plattform viral gegangen sein. Solche Zahlen belegen zwar nicht automatisch, dass TikTok den jeweiligen Erfolg verursacht hat. Sie zeigen aber, wie eng Kulturkonsum und soziale Netzwerke mittlerweile miteinander verflochten sind. Dass ausgerechnet der politisch umstrittene chinesische Konzern auf der Buchmesse als wichtiger Motor der Lesekultur auftritt, gehört zu den bemerkenswerten Widersprüchen dieser Veranstaltung.

Zwischendurch wird es dann wieder klassisch literarisch. Elke Heidenreich widmete sich bei der „Süddeutschen Zeitung“ Hermann Hesse und zitierte unter anderem dessen Gedicht „Armer Teufel am Morgen nach dem Maskenball“. Solche Momente erinnern daran, dass Literatur nicht ausschließlich aus Verkaufsrekorden, Algorithmen und Bestsellerlisten besteht. Manchmal genügt ein älterer Text, der vorgelesen wird, um ein Publikum für sich zu gewinnen.

Und genau darin liegt der Reiz dieser Frankfurter Buchmesse. An einem Ort wird über die großen politischen Konflikte unserer Zeit gestritten, wenige Schritte weiter über eine erfundene Geburtstagsfeier gelacht. Während TikTok die Zukunft des Buchmarktes mit Millionenbeträgen beziffert, beschäftigt sich Elke Heidenreich mit einem Dichter, der vor mehr als hundert Jahren geschrieben hat. Die Messe bringt diese Welten zusammen. Bücher sind dabei häufig nur der Ausgangspunkt für Geschichten, die weit über die gedruckten Seiten hinausreichen.

Die Frankfurter Buchmesse findet noch bis Sonntag in der Messehalle statt.
09.10.2026 17:23 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176419
Fabian Riedner

super
schade


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Tags

• Studio 9 – Der Tag mit ... • Maxton Hall

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