Die Kritiker: «In die Sonne schauen»

In der Nacht von Montag auf Dienstag zeigt das ZDF den diesjährigen Oscar-Anwärter, der auch in Cannes mit Preisen überschüttet wurde.

Stab

Darsteller: Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler, Hanna Heckt, Lea Drinda, Luise Heyer, Greta Krämer
Schnitt: Evelyn Rack
Musik: Michael Fiedler, Eike Hosenfeld
Kamera: Fabian Gamper
Buch: Mascha Schilinski, Louise Peter
Regie: Mascha Schilinski
Es gibt Filme, die sich weigern, eine Geschichte so zu erzählen, wie man es vom Kino gewohnt ist. Mascha Schilinskis vielfach ausgezeichnetes Familiendrama «In die Sonne schauen», das 2025 in Cannes den Jurypreis gewann und beim Deutschen Filmpreis 2026 gleich zehn Lolas erhielt, darunter als Bester Film sowie für die Regie, Drehbuch und Kamera, lässt sich jedenfalls nicht einfach konsumieren, sondern verlangt Aufmerksamkeit – und belohnt sie gleichermaßen mit einem eindrücklichen Seherlebnis.

Die Ausgangsidee klingt zunächst nach einem klassischen Generationendrama: Vier Frauen leben in unterschiedlichen Jahrzehnten auf demselben Vierseitenhof in der Altmark. Alma in den 1910er-Jahren, Erika in den 1940ern, Angelika in den 1980er-Jahren und Nelly in den 2000ern. Ihre Leben sind voneinander getrennt und doch miteinander verbunden. Was die eine erlebt, scheint bei der nächsten als Ahnung, Angst oder Trauma weiterzuwirken.

Doch «In die Sonne schauen» erzählt diese Verbindung nicht wie ein Rätsel, das am Ende sauber aufgelöst werden möchte. Der Film interessiert sich weniger für die Frage, was genau zwischen den Generationen weitergegeben wird, als für das diffuse Gefühl, dass die Vergangenheit niemals vollständig vergangen ist. Schilinski und Co-Autorin Louise Peter lassen Zeiten und Erfahrungen ineinanderlaufen. Der Hof wird dabei zum eigentlichen Hauptdarsteller. Er ist Schauplatz, Erinnerungsraum und beinahe lebendiger Organismus zugleich. Wände, Türen, Räume und Landschaften speichern etwas, das die Menschen selbst längst vergessen haben. Die Kamera von Fabian Gamper beobachtet diesen Ort mit einer Genauigkeit, die aus scheinbar unspektakulären Bildern etwas Unheimliches entstehen lässt.

Dabei ist die visuelle Gestaltung nie bloß dekorativ. Die Kamera erzählt mit. Ein Raum kann Jahrzehnte später noch dieselbe emotionale Temperatur besitzen. Eine Bewegung, ein Blick oder ein Geräusch bekommt eine Bedeutung, weil der Zuschauer inzwischen weiß, dass an diesem Ort schon einmal etwas geschehen ist. Evelyn Racks Schnitt verstärkt diesen Effekt noch, indem er Beziehungen herausstellt, die dann nicht unbedingt logisch-expressiv erklärt werden müssen. Darin liegt vielleicht die große Qualität des Films: Er vertraut auf Wahrnehmung.

Alma entdeckt, dass sie nach ihrer verstorbenen Schwester benannt wurde, und entwickelt daraus die Vorstellung, deren Schicksal wiederholen zu müssen. Erika verliert sich in einer verstörenden Faszination für ihren kriegsversehrten Onkel. Angelika bewegt sich in den 1980er-Jahren in großer Schwermut, während Nelly in den 2000ern scheinbar behütet aufwächst und doch von Träumen und Ängsten verfolgt wird, deren Ursprung sie selbst nicht kennen kann. Keine Frage: Das ist ein schwerer Stoff. Aber «In die Sonne schauen» behandelt seine Figuren nicht als Opfer eines Drehbuchs, das möglichst eindrucksvolle Traumata benötigt. Vielmehr zeigt der Film, wie schwer es Menschen fällt, zwischen dem eigenen Erleben und dem Erbe ihrer Familie zu unterscheiden.

Angelika, gespielt von Lena Urzendowsky, verkörpert diese Ambivalenz besonders eindrucksvoll. Ihre Figur ist nicht einfach „traumatisiert“. Sie ist widersprüchlich, manchmal widerspenstig, manchmal verletzlich, voller Energie und gleichzeitig von einer erschreckenden Nähe zum Abgrund. Gerade weil der Film sie nicht psychologisch ausdeutet, bleibt ein starker Nachhall von ihr beim Zuschauer hängen.

Genau hier unterscheidet sich «In die Sonne schauen» von manchem deutschen Prestige-Fernsehfilm. Wo andere Produktionen ihre Themen gern noch einmal im Dialog erklären, lässt Schilinski Bilder und Situationen stehen. Das macht den Film nicht immer leicht, aber konsequent. Denn natürlich arbeitet «In die Sonne schauen» mit einer beträchtlichen symbolischen Dichte. Manche Motive und Übergänge sind bewusst irritierend, manches Bild erschließt sich erst später. Gelegentlich entsteht dabei auch der Eindruck, dass der Film seiner eigenen Bildsprache etwas zu sehr vertraut.

Am Ende verdiente sich «In die Sonne schauen» seine Auszeichnungen vor allem dadurch, dass sich dieser Film etwas zutraute, das im deutschen Film inzwischen selten geworden ist: Ambivalenz. Die vier Frauen sind nicht bloß Glieder einer Familiengeschichte, sondern Menschen, die versuchen, mit Traumata zu leben, deren Ursprung sie teilweise nicht einmal kennen. «In die Sonne schauen» ist dabei bisweilen ein anspruchsvoller und stellenweise sperriger Film – vor allem aber ein bemerkenswert eigenständiger. Denn er macht aus einem alten Gedanken – dass Familien ihre Geschichte weitertragen – keine These, sondern eine Erfahrung.

Der Film «In die Sonne schauen» wird in der Nacht von Montag auf Dienstag um 00.05 Uhr im ZDF ausgestrahlt.
10.09.2026 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/175362
Oliver Alexander

super
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In die Sonne schauen

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