Was geschieht mit einer Familie, wenn plötzlich keine Geheimnisse mehr möglich sind? Felix Kramer spricht über die ungewöhnliche Ausgangsidee von «Was Marielle weiß», die Widersprüche seiner Figur Tobias, die Zusammenarbeit mit Julia Jentsch und Laeni Geiseler und darüber, warum bei der Berlinale über deutsches Arthouse-Kino überraschend viel gelacht wurde.
Herr Kramer, «Was Marielle weiß» beginnt mit einer fantastischen Idee: Eine Elfjährige kann plötzlich alles sehen und hören, was ihre Eltern tun. Was hat Sie an diesem ungewöhnlichen Stoff sofort überzeugt?
Die Tonalität des Drehbuches hat mich vom ersten Moment überzeugt. Es ist dieser schmale Grat auf dem sich diese Geschichte bewegt. Und die daraus entstehende Frage, gehen die Zuschauer da mit?
Tobias muss erleben, wie sein gesamtes Privatleben von einem Moment auf den anderen transparent wird. Was macht diese Situation für Ihre Figur so existenziell?
Von einem Tag auf den anderen scheint es keine Geheimnisse mehr zu geben. Für einen Film und seine Figuren eine großartige Situation. Jedes Wort, jede Handlung, jeder Schritt kann von nun an bewertet werden. Und das von deinem eigenen Kind. Wie soll da ein Leben ablaufen? Einzig und allein die Gedanken sind frei. Ein kleiner Trost aber dennoch ein bedrohliches Szenario.
Der Film stellt eine ebenso einfache wie unbequeme Frage: Würden Kinder ihre Eltern noch genauso sehen, wenn sie wirklich alles über sie wüssten? Welche Gedanken hat das bei Ihnen ausgelöst?
Wahrheiten sind nicht nur Fakten, sie sind auch Perspektiven die sich im Laufe des Lebens verändern, auch bestätigen. Kinder sollen, brauchen und dürfen nicht alles wissen.
Obwohl der Film ein übernatürliches Element besitzt, erzählt er vor allem von einer Familie und ihren Konflikten. War genau diese Bodenständigkeit der Schlüssel, damit die Geschichte funktioniert?
Am Anfang gibt es diesen kick, oder wie Sie sagen das Übernatürliche. Alles was draus entsteht ist zutiefst menschlich, bodenständig. Daraus entstehen Situationen die in vielen, vielleicht allen Haushalten ablaufen.
Gemeinsam mit Julia Jentsch bilden Sie das Elternpaar im Zentrum des Films. Wie haben Sie die Dynamik zwischen Ihren Figuren entwickelt?
Wir haben uns aufeinander eingelassen. Ich denke das war unser Weg. Und wir hatten große Lust miteinander zu arbeiten.
Mit Laeni Geiseler steht eine junge Schauspielerin im Mittelpunkt, die die Geschichte entscheidend trägt. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihr erlebt?
Laeni war eine Kollegin auf Augenhöhe. Wir haben uns großartig verstanden. Es gab ne Menge Witze die wir uns erzählten. Manchmal zum Leidtragen der Aufnahmeleitung.
(lacht)
Frédéric Hambalek verbindet schwarzen Humor mit einem psychologischen Familiendrama. Wie haben Sie seinen Blick auf diese Geschichte während der Dreharbeiten kennengelernt?
Frederic ist ein sehr ruhiger und besonnener Mensch. Ich habe es vom ersten Moment sehr genossen mit ihm zu arbeiten. Dennoch wer so ein Drehbuch schreibt hat eine Rechnung mit der Menschheit offen. 😉 Ich bin durch ihn ein besserer Schachspieler geworden. Wir spielen seither Fernschach, nonstop. Mittlerweile knapp zwei Jahre.
Der Film handelt auch vom Verlust von Privatsphäre. Ein Thema, das in Zeiten sozialer Medien aktueller denn je erscheint. Sehen Sie darin den eigentlichen Kern der Geschichte?
Ich sehe es so, all die engagierten und hochmotivierten Muttis und die Vatis dürfen den Helicopter
«Was Marielle weiß» wurde bereits mit dem Preis der deutschen Filmkritik für das „Beste Drehbuch“ ausgezeichnet. Hat eine solche Auszeichnung Ihre Vorfreude auf die Veröffentlichung noch einmal gesteigert?
Das ist mir total peinlich davon erfahre ich erst jetzt. Es freut mich riesig, wohl verdient.
Tobias ist weder klassischer Held noch eindeutiger Bösewicht, sondern ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Reizen Sie gerade solche ambivalenten Figuren besonders?
Es sind immer die Widersprüche einer Figur die mich reizen und ansprechen, ja.
Der Film bewegt sich zwischen Tragikomödie, Familiendrama und gesellschaftlicher Satire. Glauben Sie, dass gerade diese Mischung das Publikum überraschen wird?
Ich war schon einige Male bei der Berlinale. Was ich bei der Premiere erleben durfte war so schön. Es wurde sehr viel gelacht. Ist das nicht großartig für die so oft „zu verkopft“ beschriebene deutsche Arthouse-Szene. Den Film anschauen und gleich schon mal einen Termin bei der Paarberatung buchen. 😉
Das ZDF zeigt «Was Marielle weiß» in der Nacht zum Dienstag, 22. September, um 00.05 Uhr. Der Film ist bereits ab 18. September in der ZDFmediathek abrufbar.
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