Mit «Im Zeichen des Drachen» haben Enrico Saller und Marina Hoeft einen Mystery-Krimi ohne Sender, große Produktionsfirma oder klassische Filmförderung realisiert. Im Interview sprechen sie über strukturelle Hürden für Filmschaffende ohne Filmhochschule, prominente Darsteller trotz kleinen Budgets und ihre Hoffnung, mit Genrestoffen aus dem Bayerischen Wald neue Wege zu gehen.
Sie haben «Im Zeichen des Drachen» ohne Sender und ohne klassische Filmförderung realisiert. War das von Anfang an der Plan oder gab es zunächst Versuche, etablierte Partner für das Projekt zu gewinnen
Marina Hoeft: Wir hatten ein Gespräch mit der Filmförderung. Dort haben wir unsere Idee vorgestellt und sie haben uns abgeraten, es einzureichen, da die Chancen ohne große Produktionsfirma gegen Null gehen. Wir mussten aber unbedingt einen neuen Film produzieren, um in der Filmbranche sichtbarer zu werden. Also haben wir nach anderen Möglichkeiten gesucht und uns mit Bürgermeistern und Landräten aus der Region getroffen, die uns unterstützen wollten.
Sie verantworten gemeinsam Drehbuch, Regie, Schnitt und Produktion. Ist diese enorme kreative Freiheit der größte Vorteil eines Independent-Projekts – oder manchmal auch seine größte Belastung?
Marina Hoeft: Ich finde, es ist ein Vorteil, wenn Drehbuch und Regie von einer Person, bzw. in unserem Fall hat Enrico das Drehbuch geschrieben und ich habe ihn beraten, stammen. Dadurch kann man das Drehbuch schon so schreiben, wie man es sich als Regisseur*in vorstellt. Dass ich den Schnitt übernommen habe, ist eine gute Kombi, die auch Zeit spart. Es gibt viele Herausforderungen bei Independent-Projekten, aber mir hat es große Freude gemacht.
Ihr Film entstand in lediglich 21 Drehtagen mit einem vergleichsweise kleinen Team. Wo mussten Sie aufgrund der begrenzten Möglichkeiten Kompromisse eingehen und wo wollten Sie ausdrücklich keine machen?
Marina Hoeft: Natürlich wollten wir keine Kompromisse eingehen, die man am Ende im Film sieht. Da wir von Anfang an wussten, wie viel uns zur Verfügung steht, haben wir das Drehbuch so gestaltet, dass wir alles am Set verwirklichen können. Wir hatten zwar ein kleines Team von rund 15 Personen, aber wir hatten die Richtigen, die ihr ganzes Herzblut in das Projekt gesteckt und als Team zusammengearbeitet haben. Jeder konnte sich auf den anderen verlassen.
Trotzdem konnten Sie mit Erol Sander, Nastassja Kinski, Erdogan Atalay und Amira Aly prominente Namen gewinnen. Wie überzeugt man solche Darsteller davon, sich auf ein unabhängig produziertes Projekt einzulassen?
Enrico Saller: Ich glaube, man überzeugt Schauspieler nicht mit der Größe einer Produktion, sondern mit einer guten Rolle und einem starken Drehbuch. Natürlich ist es für eine unabhängige Produktion eine besondere Herausforderung, solche Namen zu gewinnen. Aber wir haben ihnen Vertrauen gegeben und sie an unsere Vision glauben lassen. Das freut uns natürlich ganz besonders und wir sind ihnen sehr dankbar, dass sie an uns geglaubt haben.
Sie sprechen selbst davon, dass sich der Film visuell und dramaturgisch von Klischees lösen und modernen Streamingfilmen annähern soll. Was stört Sie an der Ästhetik vieler klassischer deutscher Fernsehfilme?
Enrico Saller: Es tut sich gerade viel. Deshalb würde ich gar nicht sagen, dass mich der klassische TV-Film stört. Nur schaut ein Zuschauer heute einen deutschen Fernsehfilm direkt neben einer internationalen Streamingproduktion und so hat die Branche gerade die junge Zielgruppe ein Stück weit verloren. Sie wollen unterhalten werden, mit weniger schweren und belehrenden Themen.
Unsere Generation ist mit Filmen wie «Narnia» oder «Harry Potter» aufgewachsen. Und ja, Deutschland hat weniger Budget, aber man kann diesen Vibe auch im Kleinen erzählen, dafür braucht es keine Fantasywelt.
Wir suchen deshalb Sender, die Lust darauf haben, Dinge weiterzuentwickeln. Nicht gegen das klassische Fernsehen, sondern gemeinsam mit ihm zu schauen, wie man die jüngere Zielgruppe zurückgewinnen kann.
Im Mittelpunkt steht ein Ermittler, der nach einem Einsatz sein Gehör verliert und Jahre später in seinen Beruf zurückkehrt. Warum wollten Sie gerade einen gehörlosen Ermittler zur Hauptfigur eines Mystery-Krimis machen?
Enrico Saller: Weil ich glaube, dass ein Mystery-Crime mehr sein sollte als ein Rätsel, das man am Ende löst. Wir erzählen im Kern eine Heldenreise über einen Mann, an den niemand mehr glaubt und der
selbst wieder an sich glauben muss. Michaels Gehörverlust gibt uns die Möglichkeit, über Verlust und Neuanfang zu erzählen. Was passiert mit einem Menschen, wenn sich sein ganzes Leben von einem Moment auf den anderen verändert? Genau solche Fragen möchten wir mit unseren Geschichten stellen und den Zuschauer idealerweise noch ein Stück über den Film hinaus beschäftigen.
Der Film stellt Michaels Umgang mit seinem Verlust dem Hass und der Rache der Drachensekte gegenüber. Sie beschreiben selbst die Frage „Warum finden manche Menschen Hoffnung, während andere in der Dunkelheit versinken?" als Ausgangspunkt der Geschichte. Warum beschäftigt Sie dieser Gegensatz?
Enrico Saller: Die meisten Menschen sind, selbst bei großen Gegensätzen, oft nicht so weit voneinander entfernt, wie wir denken. Zwei Menschen können denselben Verlust erleben und völlig unterschiedlich damit umgehen. Der eine findet irgendwann einen Weg zurück ins Leben, der andere macht aus seinem Schmerz Hass. Dabei spielen auch Herkunft und das Umfeld eine große Rolle. Gibt es Menschen, die dich auffangen und unterstützen, wenn es dir schlecht geht?
Genau das hat mich an Michael und der Drachensekte interessiert. Für mich ist das eigentlich die zentrale Frage des Films: Was machen wir mit dem, was uns im Leben passiert? Wir können daran zerbrechen. Wir können andere dafür verantwortlich machen. Oder wir können irgendwann versuchen, wieder nach vorne zu schauen. Aber am wichtigsten ist es, niemanden alleine zu lassen.
Der Bayerische Wald wird häufig mit Heimatgeschichten, Natur oder Tourismus verbunden. Sie machen daraus den Schauplatz eines modernen Mystery-Thrillers. War es Ihnen wichtig zu zeigen, dass Genreproduktionen nicht zwangsläufig in Berlin, Hamburg oder München spielen müssen?
Marina Hoeft: Ja, auf jeden Fall. Wir wollten mal andere Orte zeigen, die in der Filmwelt noch unentdeckt sind. Außerdem hat man auf dem Land oft mehr Möglichkeiten, vor allem bei Independent-Projekten.
Mit dem Kloster Fürstenzell, Katakomben und sogar dem Drachen des Further Drachenstichs nutzen Sie sehr markante Orte der Region. Wie verhindert man, dass solche Schauplätze lediglich schöne Kulisse bleiben, und macht sie tatsächlich zu einem Teil der Geschichte?
Enrico Saller: Das war uns von Anfang an sehr wichtig. Wir wollten die Region nicht einfach als schöne Postkartenkulisse zeigen. Ich denke, dann hätten wir eher eine leichte Komödie machen müssen. Wenn man einen Film im Bayerischen Wald dreht, sollte man auch spüren, dass die Geschichte genau hier spielt und nicht genauso gut irgendwo anders stattfinden könnte.
Deshalb haben wir versucht, die Orte dramaturgisch mit den Figuren und dem Mythos des Films zu verbinden. Die Locations waren für unsere Produktion ein unglaubliches Geschenk und ein großer Mehrwert für das Production Value.
Ihr Film wurde für „Neues Deutsches Kino" nominiert. Haben Sie manchmal den Eindruck, dass ungewöhnliche deutsche Genreproduktionen es noch immer schwerer haben als klassische Krimis, Komödien oder Dramen?
Marina Hoeft: Natürlich hat es Comedy einfacher und auch Drama ist bei Filmförderungen gerne gesehen. Aber der größte Punkt ist eher der Unterschied, wenn man keine Filmhochschule besucht hat. Aus diesem Grund müssen wir ohne Filmförderungen produzieren und sind zum Beispiel für wichtige Branchenpreise wie den „First Steps Award“ nicht zugelassen, der ein großer Türöffner in der Branche ist. Was ich sehr schade finde. Ich meine, nicht jeder hat die finanziellen Mittel, über Jahre zu studieren und kann deswegen ausgeschlossen werden. Aber durch diese Erfahrungen sind wir noch stärker geworden und kämpfen weiter für unseren Traum.
Sie haben bewusst unabhängig von Sendern und großen Produktionsfirmen gearbeitet. Wäre eine spätere Zusammenarbeit mit ARD, ZDF, Netflix oder einem anderen Streamingdienst für Sie trotzdem reizvoll oder möchten Sie gerade diese Unabhängigkeit bewahren?
Marina Hoeft: Naja, ganz bewusst war es für uns ja nicht. Ich denke, jeder aus der Filmbranche wünscht sich, finanzierte Projekte für Sender, Streamer oder große Produktionsfirmen drehen zu dürfen. Diese Chance wurde uns aber leider noch nicht gegeben. Wir wollten unseren Traum aber nicht aufgeben, sondern weiterkämpfen und haben den Film produziert, um unsere Chancen für die Zukunft zu steigern.
«Im Zeichen des Drachen» soll beweisen, dass großes deutsches Genrekino auch außerhalb der etablierten Produktionszentren entstehen kann. Wenn der Film erfolgreich ist: Soll daraus ein einmaliges Experiment bleiben oder möchten Sie im Bayerischen Wald eine eigene Filmwelt weiterentwickeln?
Enrico Saller: Wir würden die Idee sehr gerne weiterverfolgen. Die Region hat unglaublich viel Potenzial und ist im nationalen Film bislang unterrepräsentiert. Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, warum sich so viel auf Berlin, München und Köln konzentriert. Natürlich sitzt dort ein großer Teil der Crew, aber dadurch verschenkt man auch viele Möglichkeiten. Wir haben aktuell einige Stoffe, die sehr gut im Bayerischen Wald spielen können. Vielleicht kommt also schon bald etwas Neues.
Danke für das Gespräch!
«Im Zeichen des Drachen» ist ab 17. September im Kino zu sehen.
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