Aus der Idee einer ungewöhnlichen Patchworkfamilie ist mit «Einspruch, Schatz!» eine fortlaufende ARD-Reihe geworden. Schöpfer und Autor Torsten Lenkeit spricht über ChrisTine Urspruch als Eva Schatz, die Verbindung von juristischen Fällen und Familiengeschichten sowie die Herausforderung, vertraute Figuren weiterzuentwickeln, ohne sich auf dem Erfolg auszuruhen.
Herr Lenkeit, die Idee zu «Einspruch, Schatz!» stammt von Ihnen. Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem aus der ersten Idee die Figur Eva Schatz und schließlich eine ganze Filmreihe entstanden ist?
Die Idee war von Anfang an, eine Reihe für ChrisTine Urspruch zu entwickeln. Weil ich «Ich heirate eine Familie» sehr mag und finde, dass es derzeit zu wenige Familienserien gibt, wollte ich genau diese Lücke aufgreifen: eine ungewöhnliche Patchworkfamilie im Zentrum. Spannend fand ich, die damalige Konstellation umzudrehen und eine Singlefrau in den Wechseljahren zu erzählen, die sich in einen Witwer mit drei Kindern verliebt. Anders als Peter Weck damals, eignet Eva Schatz sich dieses Lebensmodell jedoch nicht kompromisslos an, sondern muss herausfinden, wie sie ihren eigenen Raum behält und sich trotzdem für diesen Mann entscheidet. Daraus entstehen zwangsläufig Reibungspunkte: Wie viel hat sie in der Familie zu melden – und wie sehr will sie sich überhaupt in die Kindererziehung einmischen?
Anwaltsserien und Gerichtsgeschichten gibt es im deutschen Fernsehen viele. Was sollte «Einspruch, Schatz!» von Anfang an anders machen als klassische Justizformate?
Ich weiß nicht, ob wir juristisch gesehen, anders sind als andere Formate in diesem Genre. Das hat auch niemand verlangt. Auf dem Freitagabendplatz der ARD ist nur klar, dass man das Publikum maximal unterhalten möchte, mal fernab von einer Krimistruktur. Was uns vielleicht unterscheidet, ist, dass der Reiz darin besteht, die Fälle thematisch in der Familie der Protagonistin zu spiegeln, so dass ein einheitlicher Film entsteht, der emotional und humorvoll ein Sujet aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.
Mit ChrisTine Urspruch haben Sie eine Hauptfigur geschaffen, die selbstbewusst, schlagfertig und zugleich sehr empathisch auftritt. Wie viel von Eva Schatz stand bereits auf dem Papier und wie stark hat ChrisTine Urspruch die Figur anschließend mitgeprägt?
Sehr viel von Eva stand auf dem Papier: ihre Klugheit, ihr Eigensinn, ihre Schlagfertigkeit, aber auch die Fähigkeit, hinter ihrer Fassade sehr genau wahrzunehmen, was andere Menschen brauchen. ChrisTine hat daraus dann einen Menschen gemacht. Da wir schon längere Zeit miteinander arbeiten, geht das Ganze sehr gut Hand in Hand. Sie vertraut mir, dass ich keinen Blödsinn aufschreibe, ich vertraue ihr, dass sie es brillant umsetzt und der Figur dann Leben einhaucht. Dazu mussten wir uns nicht tagelang austauschen. Das Vertrauen und der gegenseitige Respekt, vor der Arbeit des anderen, war bei uns von Anbeginn vorhanden. Ein weiterer Glücksfall ist das ganze Ensemble. Selten habe ich es erlebt, dass so eine Spielfreude und Harmonie am Set herrscht. Vor allem aber, dass die Chemie zwischen ChrisTine und Wolfram Grandezka von Tag eins an so gestimmt hat, war ein absoluter Gewinn.
Die Reihe verbindet juristische Fälle mit einer Patchworkfamilie und sehr unterschiedlichen Generationen. Warum war Ihnen dieser private Kosmos genauso wichtig wie die eigentlichen Fälle?
Weil die Fälle sonst im luftleeren Raum stattfinden würden. Die Patchworkfamilie ist deshalb kein schmückender Nebenstrang, sondern das Echolot der Fälle. Was Eva beruflich verhandelt, begegnet ihr privat in anderer Form wieder. Das macht die Fälle wiederum sehr nahbar und menschlich. Man schaltet doch auch selten eine Reihe ein, weil das Hauptinteresse dem Fall gilt. Sobald man das Ensemble liebgewonnen hat, will man wissen, was bei denen heute wieder los ist und wie sie das Leben meistern.
Vier neue Filme werden nun innerhalb kurzer Zeit ausgestrahlt, während bereits die nächsten entstehen. Hat sich «Einspruch, Schatz!» damit von einzelnen Fernsehfilmen endgültig zu einer fortlaufenden Reihe entwickelt, bei der Sie langfristiger planen können?
Ja, und das ist ein großes Geschenk. Bei einem Einzelstück muss man jede Figur gewissermaßen vollständig möbliert übergeben. In einer fortlaufenden Reihe darf man Türen zunächst geschlossen lassen und später öffnen. Wir können Entwicklungen über mehrere Filme erzählen, Beziehungen verändern und Nebenfiguren wachsen lassen, ohne in jedem Film ihre gesamte Biografie nachzuliefern. Gleichzeitig darf man sich auf dieser Vertrautheit nicht ausruhen. Jeder Film muss einen eigenen emotionalen Grund haben, warum er erzählt werden will. Eine Reihe ist schließlich keine Dauerkarte für Wiederholungen. Aber am Ende entscheidet natürlich immer auch die Einschaltquote oder die Mediathekenabrufe darüber, wie sicher man weiter planen kann.
„Hundeliebe“ beginnt mit einer ziemlich ungewöhnlichen juristischen Konstruktion: Eine Hündin wird Teil eines Erbes und ermöglicht einem vorbestraften jungen Mann eine zweite Chance. Was kam zuerst – die juristische Idee oder die Geschichte über diesen Menschen?
Beides kam ziemlich eng miteinander zur Tür herein – vermutlich an derselben Leine. Die juristische Konstruktion, dass ein Tier zum Zentrum eines Erbfalls wird, ist zunächst natürlich ein wunderbarer erzählerischer Haken. Interessant wurde sie für mich aber erst durch den jungen Mann, dem niemand mehr etwas zutraut. Plötzlich geht es nicht mehr um die etwas kuriose Frage, wie man eine Hündin testamentarisch absichert, sondern darum, ob ein Mensch auf seine schlechteste Tat festgelegt bleibt. Der Hund urteilt dabei übrigens deutlich unvoreingenommener als die Menschen. Aber eigentlich hatte ich die Initialzündung, als ich einen Bericht gesehen hatte, in dem beschrieben wurde, wie Straftäter im Gefängnis über die Arbeit mit Hunden ihr Sozialempfinden wieder verbessern können, damit sie später, in Freiheit, empathischer agieren. Das fand ich sehr anrührend und erzählenswert.
Eva und Hanno stehen sich diesmal sogar beruflich gegenüber. Wie wichtig ist es für die Reihe, dass die beiden nicht nur ein harmonisches Paar sind, sondern ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit miteinander kollidieren?
Sehr wichtig. Ein Paar, das immer derselben Meinung ist, ist privat vielleicht angenehm, aber dramatisch eine mittelschwere Katastrophe. Eva und Hanno lieben und respektieren einander gerade deshalb, weil keiner von beiden den anderen für unfehlbar hält. Hanno denkt stärker vom Verfahren, von Regeln und Zuständigkeiten her; Eva fragt schneller, ob das gerechte Ergebnis tatsächlich mit dem juristisch sauberen identisch ist. Beide haben gute Argumente – und beide können sich irren. Wenn sie sich beruflich gegenüberstehen, wird aus einer abstrakten Rechtsfrage etwas Persönliches. Die Kunst besteht nur darin, nach dem Plädoyer noch gemeinsam frühstücken zu können.
Gerade beim Erbrecht gibt es zahlreiche kuriose reale Fälle. Wie intensiv recherchieren Sie juristische Fragen – und wie viel Freiheit erlauben Sie sich anschließend zugunsten einer unterhaltsamen Geschichte?
Die juristische Grundlage muss stimmen, denn ein Fall verliert sofort an Spannung, wenn die Zuschauer spüren, dass die Autorinnen und Autoren sich die Regeln gerade passend zurechtlegen. Wir arbeiten deshalb mit juristischer Beratung und prüfen sehr genau, welches Verfahren, welche Frist und welche Entscheidung realistisch sind. Freiheit nehme ich mir vor allem bei der Verdichtung: Im wirklichen Leben dauern Verfahren länger, Akten sind dicker und nicht jeder Schriftsatz hat einen emotional befriedigenden dritten Akt. Das Fernsehen darf beschleunigen. Es sollte aber nicht schummeln. Oder jedenfalls nicht so, dass eine Juristin vor dem Bildschirm einen Gegenstand werfen möchte. Die größte dramaturgische Herausforderung ist da immer, dass wir im Grunde drei Tage erzählen. Aber das rechnet einem niemand vor, wenn die emotionalen Abläufe stimmen und die Geschichte interessant erzählt ist.
Zum Selbstverständnis der Reihe gehört, unterschiedliche Generationen und Lebensentwürfe möglichst selbstverständlich abzubilden. Warum war Ihnen dieser Ansatz schon bei der Entwicklung von «Einspruch, Schatz!» wichtig?
Das passiert wohl eher unbewusst, weil ich mit diesem Blick durch die Welt gehe. Für mich sind erstmal alle Menschen gleich. Das mag sich dann bei genauerer Beobachtung und im Erleben meines Gegenübers womöglich schon mal ändern, aber ich finde, dass uns Verallgemeinerungen und Schubladendenken nicht weiterbringen und auch selten stimmen. Niemand will doch nur auf einen Aspekt seines Seins festgelegt werden. Und warum sollte man Lebensentwürfe anderer Menschen verurteilen? Das muss doch jeder für sich entscheiden, wie er leben will. Manche guckt man sich vielleicht an und staunt, aber man sollte sie in jedem Fall respektieren und akzeptieren. Wenn ich durch meine Erzählhaltung zu mehr Akzeptanz beitragen kann, wäre das schön. Aber ich denke, dass Humor sowieso immer ein guter Türöffner sein kann – für alles. In diesem Sinne ist für mich das Glas immer halb voll und nicht halb leer.
Mit Stephan Grossmann als etwas schrulligem Richter Dr. Schmidt und Karmela Shako als Evas Freundin Sissi besitzt die Reihe inzwischen mehrere wiederkehrende Figuren. Wie wichtig ist dieser wachsende Kosmos dafür, dass sich beim Publikum ein Gefühl von Vertrautheit entwickelt?
Sehr wichtig. Ein wiederkehrender Kosmos ist wie eine Nachbarschaft: Man freut sich auf die Menschen, obwohl – oder gerade weil – man ihre Eigenheiten kennt. Bei Sissi weiß man, dass sie Eva mit einem einzigen Satz zuverlässig auf den Boden zurückholen kann. Bei Richter Schmidt ahnt man, dass seine Geduld ein kostbares und begrenztes Gut ist. Solche Figuren schaffen Vertrautheit, aber auch Erwartung. Der Spaß entsteht dann oft daraus, diese Erwartung leicht zu verschieben. Und je größer der Kosmos wird, desto mehr Geschichten beginnen die Figuren untereinander zu erzeugen. Auch hier sind die beiden Besetzungen ein echter Glücksgriff, weil sie den Filmen immer eine komödiantische Note verleihen und mir extrem viel Spaß beim Schreiben machen.
Das Erste setzt am Freitagabend auf unterschiedliche Fernsehfilmstoffe und wiederkehrende Reihen. Welche Rolle kann «Einspruch, Schatz!» dort mit seiner Mischung aus juristischen Fällen, Humor und Familiengeschichten einnehmen?
Ich glaube, die Reihe kann am Freitagabend etwas anbieten, das weder reine Fallgeschichte noch reine Familienkomödie ist. Sie erzählt gesellschaftliche Konflikte in einer zugänglichen, warmen, humorvollen Form und traut dem Publikum gleichzeitig zu, Widersprüche auszuhalten. Man darf lachen und trotzdem über Selbstbestimmung, Verantwortung oder Gerechtigkeit nachdenken – idealerweise nicht nacheinander, sondern im selben Moment. Der Freitagabend ist für mich kein Ort, an dem man die Wirklichkeit aussperren muss. Man sollte sie nur so hereinbitten, dass man gern eineinhalb Stunden mit ihr verbringt.
Sie können inzwischen auf mehrere Filme zurückblicken und schreiben gleichzeitig weiter. Gibt es Geschichten oder juristische Themen, bei denen Sie inzwischen sagen: Das möchte ich Eva Schatz unbedingt noch erleben lassen?
Sehr viele. Mich interessieren besonders die juristischen Fragen, bei denen es keine wirklich schmerzfreie Lösung gibt und am Ende jede Seite gute Gründe hatte, um auf die Barrikaden zu gehen. Diese Aspekte in einer Komödie zu verpacken, ist die spannende Aufgabe. Wenn der Fall dann Eva auch privat aus dem Gleichgewicht bringt, wird es interessant – und meistens komisch. Von daher hoffe ich, dass Eva und ich noch lange befreundet bleiben und mir immer noch etwas Neues zu ihr einfällt.
Danke für das Gespräch!
«Einspruch, Schatz» startet am Freitag, den 18. September, um 20.15 Uhr. Der Film ist bereits ab Mittwoch in der ARD Mediathek abrufbar.
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