In «In Wahrheit» ermitteln Judith Mohn und Freddy Breyer in einem Fall um Stalking und digitale Bedrohungen. Robin Sondermann spricht über das besondere Vertrauen des Ermittlerduos, die Grenzen polizeilicher Möglichkeiten – und darüber, warum die Filmbranche angesichts von KI mutiger werden muss.
Herr Sondermann, Freddy Breyer ermittelt bei «In Wahrheit» in einem Fall, der sich stark um Stalking, soziale Medien und digitale Kommunikation dreht. Was hat Sie an diesem Stoff besonders gereizt?
Mir hat tatsächlich gefallen, dass wir hier im Bereich der Kriminalität einen wichtigen und leider größer werdenden Teil der Realität abbilden. Es ist beängstigend, wie viel Gewalt und kriminelle Aktivitäten im digitalen Raum zu finden sind.
Freddy bildet mit Judith Mohn inzwischen ein eingespieltes Ermittlerduo. Wie hat sich ihre Zusammenarbeit aus Ihrer Sicht im Laufe der Filme entwickelt?
Wir sind natürlich gemeinsam mit unseren Figuren älter geworden. Dieser Zugewinn an Erfahrungen hat dazu geführt, dass immer mehr im Fokus steht, wie sehr die beiden einander vertrauen und wie oft ein Blick mehr sagt als viele Worte. Oft denken die beiden in ihren Dialogen auch mehr gemeinsam über etwas nach, als dass sie miteinander diskutieren würden. Gleichzeitig gehen sie privat jeweils eigene Wege und bleiben so auch ein Stück weit ein Geheimnis füreinander. Das gefällt mir sehr.
Der Fall beginnt mit einem Mord, entwickelt sich aber schnell zu einem Psychothriller über Angst und permanente Bedrohung. Was macht diese besondere Spannung aus?
Ich glaube, die wichtigste Erkenntnis ist, dass es nicht viel Aufwand braucht, um das ganz persönliche Sicherheitsgefühl anderer Menschen nachhaltig anzugreifen und zu erschüttern. Gleichzeitig braucht es meist deutlich mehr, um es wiederherzustellen, wenn es erstmal angeknackst ist.
Soziale Netzwerke spielen in der Geschichte eine entscheidende Rolle. Glauben Sie, dass Krimis heute solche digitalen Lebensrealitäten stärker aufgreifen müssen?
Das kann ich gar nicht sagen. Ich halte das Thema für wichtig und sicherlich nicht überrepräsentiert. Es ist aber eine besondere Herausforderung, digitale Vorgänge filmisch so umzusetzen, dass man dem Ganzen auch gerne zusieht. Was Stoffe angeht, finde ich es allerdings noch wichtiger, dass wir als Branche mit Blick auf KI anfangen, Formate zu entwickeln, die noch viel mutiger sind. Ich finde, wir müssen die Herausforderung offensiver annehmen und anfangen zu zeigen, warum es unbedingt kreative Arbeitsprozesse braucht, die zwischen Menschen stattfinden – und nicht zwischen Mensch und Rechner. Was das für eine riesige und nicht künstlich herzustellende Qualität bedeuten kann, wenn verschiedene Menschen – am Set, aber auch vorher und nachher – gemeinsam um die beste kreative Lösung ringen.
Freddy wirkt oft ruhiger und analytischer als seine Kollegin Judith. Wie würden Sie die Stärken Ihrer Figur als Ermittler beschreiben?
Ich glaube, Freddy ist sehr analytisch, scheut sich aber auch nicht davor, in den Konflikt zu gehen, wenn ihm jemand komisch kommt. Gleichzeitig ist er im Umgang mit den Menschen und ihren Schicksalen aber berührbar und emphatisch geblieben. Grundsätzlich zeichnet Freddy und Judith, glaube ich, beide aus, dass sie zwar manchmal unterschiedliche Herangehens- und Sichtweisen haben, aber offen genug sind, sich vom jeweils anderen vom Gegenteil überzeugen zu lassen.
Der Film erzählt auch davon, wie schnell Menschen zu Verdächtigen werden können. Was hat Ihnen an dieser Vielschichtigkeit der Geschichte gefallen?
Ich finde, bei dieser Geschichte zeigt sich sehr schön, wie schnell wir das Verhalten von Verdächtigen, aber auch vermeintlichen Opfern anders wahrnehmen, sobald wir durch die falsche Brille auf sie schauen. Dinah Marte Golch und Isabell Serauky haben ein wirklich tolles Buch geschrieben, das gut zu unserer Reihe passt. Der darauffolgende Fall, den wir ebenfalls im vergangenen Jahr gedreht haben, stammt übrigens auch von den beiden und ist ganz anders, aber ebenso vielschichtig.
Gemeinsam mit Christina Hecke stehen Sie seit mehreren Filmen vor der Kamera. Wie hat sich Ihr Zusammenspiel mit den Jahren verändert?
Gar nicht so sehr, würde ich sagen. Schon bei den ersten Filmen und sogar beim Casting hab‘ ich schönerweise gemerkt, dass wir beide total an die ersten Proben glauben. Also ganz unabhängig von Vorbereitung, Absprachen oder Logik einfach zu gucken, was passiert, wenn man Szenen das erste Mal versucht. Und ich glaube, das konnten wir uns über die zehn Jahre bewahren. Natürlich kennen wir uns heute viel besser, aber das finde ich gar nicht so entscheidend.
Die Geschichte zeigt, welche gravierenden Folgen Stalking für Betroffene und ihr Umfeld haben kann. War es Ihnen wichtig, dieses Thema möglichst authentisch darzustellen?
Ja, absolut. Gerade weil vielen Zuschauern das Thema immer noch fremd sein wird. Es zu verharmlosen oder ungenau zu sein, wäre fahrlässig. Aber das gilt im Grunde genommen für fast jeden Fall.
Regisseurin Kirsten (Kiki) Laser ist für dichte und atmosphärische Inszenierung bekannt. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihr erlebt?
Kiki ist mit ihrem DOP Roda Kükendahl ein ähnlich eingespieltes Team wie Judith und Freddy. Aber trotzdem oder gerade deshalb ist sie auch sehr nah an ihren Schauspielenden. Sie lässt einem viel Freiraum, guckt aber gleichzeitig sehr genau hin, was man damit anstellt. Außerdem weiß sie als ehemalige Regieassistentin, wie wichtig die einzelnen Abteilungen und Menschen am Set sind, und lässt das die Leute tollerweise auch wissen.
«In Wahrheit» hebt sich durch seine ruhige Erzählweise und den starken Fokus auf die Figuren von vielen klassischen Krimireihen ab. Ist das für Sie ein besonderer Reiz des Formats?
Ja, unbedingt! Unser Anspruch ist es, den Fokus mehr auf das Drama als auf den klassischen Krimi zu legen. Mehr auf das „Warum“ als auf das „Wer“. Und dabei im Zweifel einen Moment länger hinzuschauen. Der aktuelle Film hat trotzdem ein ziemlich hohes Tempo, finde ich.
Freddy muss in diesem Fall nicht nur Beweise sammeln, sondern Menschen schützen, die sich zunehmend bedroht fühlen. Verändert das auch den Blick Ihrer Figur auf die Ermittlungen?
Ja. Ich mochte sehr, dass die Ermittler so damit hadern, dass ihnen nicht mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um die Menschen schützen zu können, obwohl sie die Gefahr erkennen. Aber „Gefahr“ ist ein weiter Begriff, und die Mittel der Polizei sind nun mal begrenzt.
Danke für Ihre Zeit!
Das ZDF zeigt «In Wahrheit» mit “Die Liebe und der Tod” am Samstag, den 12. September, um 20.15 Uhr. Der Film ist seit 5. September auch im Streaming.
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