In «Harter Brocken» wechselt Isabel Berghout die Seiten. Im Interview spricht sie über ihre eiskalte Killerin Fleur, intensive Dreharbeiten und ihre niederländischen Wurzeln.
Frau Berghout, viele Zuschauer kennen Sie als sympathische Kommissarin aus «SOKO Wismar». Nun spielen Sie mit Fleur eine eiskalte Killerin. Wie reizvoll war dieser radikale Rollenwechsel für Sie?
Das war einzigartig und super interessant obendrein, denn diese Rolle war so komplex und vielschichtig, sodass es gar nicht so einfach war sie zu entschlüsseln. Vor den Dreharbeiten habe ich lange und mehrfach mit dem tollen Regisseur Nils Willbrandt telefoniert und so Schicht für Schicht aufgebaut.
Fleur tritt zunächst als freundliche Mitarbeiterin einer niederländischen Spedition auf, entpuppt sich aber schnell als skrupellose Auftragskillerin. Was hat Sie an dieser Figur besonders fasziniert?
Dass Fleur gar nicht anders kann, aus Loyalitätzwang ihrem Chef Daan gegenüber diesen Auftrag zu erfüllen. Und das beginnt natürlich mit der Frage, was hat sie zu diesem Menschen gemacht. Da mussten wir für uns eine fein säuberliche Vita erstellen. Erstaunt hat mich, dass ich während der Dreharbeiten ganz schön wirr und intensiv geträumt habe. Da gab es die Szene im Film, wo ich Nico (Antonije Stankovic) in die Regentonne tunke. Abgesehen davon, dass ich den Muskelkater meines Lebens hatte, weil ich so viel Kraft brauchte mich gegen ihn zu stellen, gab es innerlich bei mir eine Bremse dem Kollegen nicht weh tun zu wollen. Wir hatten einen Stuntman am Set der auf uns aufgepasst hat. Zudem ein Stopp-Sicherheitszeichen und wir haben für uns gesagt, wir können uns jetzt blind vertrauen als Schauspielkollegen - wir spielen nur. Mein Körper konnte das natürlich erstmal nicht unterscheiden, dass ich da einem Menschen „Schaden“ zufüge, mein Kopf wusste natürlich, dass es nur gespielt ist und alles abgesichert. Verarbeitet hat mein Körper das dann wohl in Träumen.
Mussten Sie bewusst mit den Erwartungen des Publikums spielen, das Sie bislang eher auf der "guten Seite" des Gesetzes erlebt hat?
Ich habe für mich auch ein ganz neues Rollenfach entdeckt, ich bin vom Naturell her ein fröhlicher Mensch. Ich habe mich intensiv vorbereitet und als ich dann auf dem Weg zum ersten Drehtag war, bekam ich richtig bammel, ob ich dem eigentlich gewachsen bin. Und dann sagte ich mir: warum denn nicht? Das ist doch mein Beruf. Ich finde es gerade toll, wider den Erwartungen zu spielen und das ist die Aufgabe eines Schauspielers: Facettenreich zu sein. Das arbeiten mit Nils Willbrandt hat mich auch als Schauspielerin nochmal extrem weiter gebracht. Wir sind ja in einem ständigen Lernprozess und ich nehme wieder was mit für die nächste Rolle.
Fleur wirkt erschreckend kontrolliert und emotionslos. Wie bereitet man sich auf eine Figur vor, die Gewalt beinahe nüchtern als Teil ihres Berufs versteht?
Viel Recherche. Ich habe mit einem Kriminalpsychologen von der Polizei telefoniert und mir ein paar Notizen gemacht. Auch mit Freunden gesprochen, die als Psychologen arbeiten und sie nach den möglichen Mustern gefragt. Ich habe versucht über den Körper zu arbeiten, denn der Körper transportiert viel mehr Informationen über unsere tiefen Emotionen, als wir tatsächlich wahrnehmen. So habe ich zum Beispiel entdeckt, dass Fleur immer den Kopf so schräg zur Seite legt und kaum blinzelt. Diesen Stahlblick hat die Maskenbildnerin dann mit Grautönen am Auge verstärkt. Und durch das körperliche Gefühl kam dann immer mehr an Haltung in der Figur hinzu.
«Harter Brocken» verbindet Krimi, schwarzen Humor und skurrile Figuren. Wie haben Sie diese besondere Tonalität während der Dreharbeiten erlebt?
Um ehrlich zu sein während des Spielens gar nicht, denn es war für mich als Rolle total wahrhaftig und eine ernste Lage und man reagiert auf das was passiert. Der skurrile Humor kam jetzt beim Schauen und ich dachte mir: Huch, das hatte ich so gar nicht in Erinnerung. Es gab so viele Stellen, wo ich beim gucken des Films richtig lachen musste und ich mich so gefreut habe den anderen Kollegen zuzuschauen.
Die Reihe feiert bereits ihren zehnten Film. Haben Sie sofort gespürt, dass «Harter Brocken» inzwischen eine ganz eigene Welt und eine eingeschworene Fangemeinde entwickelt hat?
Ja, es waren alle fantastisch. Vor und hinter der Kamera. Die St. Andreasberger waren so herzlich und zuvorkommend. Aljoscha kenne ich auch schon sehr lange aus seiner Schauspiel-Frankfurt-Zeit und tatsächlich habe ich damals den ersten «Harter Brocken» geschaut und mitgefiebert.
Ihre Figur stammt wie Sie selbst aus den Niederlanden. Hat Ihnen Ihre Herkunft geholfen, Fleur authentischer anzulegen, oder war das für die Rolle eher nebensächlich?
Ich bin zweisprachig in Frankfurt am Main aufgewachsen und spreche akzentfreies hochdeutsch. In meiner Kindheit haben wir die Ferien bei meinen Großeltern in den Niederlanden verbracht- da wurde immer niederländisch gesprochen. Manchmal, wenn meine Freundinnen aus Deutschland mitgekommen sind, haben meine holländischen Großeltern deutsch mit meinen Freundinnen gesprochen und dann haben sie so lustige Wortverdrehungen drin gehabt und uns Kinder gesiezt, weil sie das „Du“ und „Sie“ nicht auseinanderhalten konnten. Es war großartig. Wenn ich also den holländischen Akzent in Rollen spiele, denke ich auf holländisch, spreche dann den deutschen Text und immer noch mit der Klangfarbe von Oma und Opa im Ohr.
Wie sehr prägt Sie Ihre niederländische Herkunft bis heute noch?
Ich liebe den niederländischen Humor, die Leichtigkeit und auch den Lebensstil. Ein guter Plausch gehört dazu - Die Niederländer lieben plauschen.
Man sagt den Niederländern nach, dass Camping fast schon zur nationalen Identität gehört und Sie gelten selbst als leidenschaftliche Camperin. Was macht diese Art des Reisens für Sie so besonders?
Ich weiß wirklich nicht woher das mit dem Camping kommt. Vielleicht noch die übrig gebliebenen Seefahrer-Gene? Da gibts aber unterschiedlichen Stile von Camping. Dieses Parcellencamping ist nicht so meins. Ich mag es eher wie in Spanien oder Frankreich: einen schattigen Baumplatz ohne Zentimeter genauer Rasenbegrenzung. Im Auto schlafen hat was echt Gemütliches. Tatsächlich habe ich mal Holländer beim campen getroffen, die in ihrem Vorzelt eine Dartscheibe aufgebaut hatten. Sehr kreativ. Wir haben natürlich einen kurzen Plausch gehalten.
Nach vielen Jahren bei «SOKO Wismar» eröffnen sich für Sie inzwischen ganz andere Rollenangebote. Haben Sie das Gefühl, dass Produzenten Sie heute vielseitiger besetzen als früher?
Teils-Teils. Man wird doch oft eher Typ entsprechend angefragt. Jetzt habe ich aber meinen Typ bisschen verändert und den Spielradius dadurch erweitert. Es ist doch mega-spannend wandelbar zu sein. Aber es gibt bei der Besetzung so viele Faktoren, das kriegen wir Schauspieler gar nicht mit.
Zwischen Serien, Fernsehfilmen und Gastrollen wechseln Sie regelmäßig die Genres. Worauf achten Sie heute bei der Auswahl neuer Projekte besonders?
Mein Job ist es, ein Charakter zu überlegen und zu spielen. In welchem Format das dann ist, ob Serie, Kino oder Fernsehfilm ist dann erstmal nicht relevant. Das Projekt muss mir gefallen. Ich hätte z.B. richtig Lust mal in einem Kinderfilm zu spielen oder in einem historischen Film oder Traumschiff - da ruft dann wieder das Seefahrer-Gen in mir. Also die Liste geht endlos weiter und überhaupt keinem festem Genre zugeordnet.
Die Zuschauer sind nach «Harter Brocken» überrascht und sagten „Dass Isabel Berghout so eine kompromisslose Bösewichtin spielen kann, hätte ich nie erwartet”, wäre das das schönste Kompliment für diese Rolle?
Das ist definitiv ein tolles Kompliment! Aber warum denn eigentlich nicht? Es ist mein Beruf.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
Das Erste sendet «Harter Brocken» am Samstag, den 5. September, um 20.15 Uhr. Der Film ist bereits ab 3. September in der ARD Mediathek abrufbar.
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