Alles andere als Routine: Die neue Staffel von «Doppelhaushälfte» geht völlig neue Wege. Das wird bisweilen wahnsinnig absurd, und doch verliert die Serie dabei niemals ihre Seele.
Ein Bordell, ein Musical, eine Zeitreisende, ein Überfall, ein Western, ein UFO und schließlich ein Asteroid: Man könnte meinen, die fünfte Staffel von «Doppelhaushälfte» habe beschlossen, das Prinzip der Nachbarschaftskomödie endgültig aufzugeben. Doch tatsächlich passiert das Gegenteil: Denn gerade indem die Serie immer absurder wird, findet sie erstaunlich konsequent zu ihrem eigentlichen Thema zurück: Zwei Familien leben Wand an Wand und können einander beim besten Willen nicht entkommen. Die zehn neuen Folgen treiben dieses Grundprinzip weiter als bisher – und zeigen dabei, dass «Doppelhaushälfte» inzwischen zu den eigenwilligsten und unterhaltsamsten Comedyserien im deutschen Fernsehen gehört.
Der vielleicht wichtigste Unterschied zu früheren Staffeln besteht darin, dass die neueste Saison ihre Lust an der Genreparodie noch deutlicher auslebt. Gleich zu Beginn wird aus dem vertrauten Familienalltag ein Daily-Soap-Szenario: Ein Filmteam fällt in die Doppelhaushälfte ein und durchbricht dabei mehr als nur die vierte Wand. Es folgt nicht nur eine Ansammlung an gediegenen metafiktionalen Gags, sondern vielmehr eine programmatische Ansage: Diese Staffel weiß, dass sie eine Fernsehserie ist – und hat großen Spaß daran.
Danach wird die Form endgültig freigelassen. Ein Musical frei nach Goethes „Faust“ konfrontiert die Familien mit ihren jeweils sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Kunst und Bildung. Aus dem zunächst gut gemeinten Kulturereignis wird eine Situation, in der „das Hässlichste, Berührendste, aber vor allem Ehrlichste“ aus beiden Familien hervorkommt. Dass trotz unterschiedlichster Lesarten alle irgendwie mitmachen müssen, ist typisch für die Serie: Bildung und Kultur werden weder als elitärer Selbstzweck noch als bloße Zielscheibe behandelt, sondern als weiterer Anlass, Menschen mit ihren eigenen Widersprüchen zu konfrontieren.
Überhaupt ist diese Staffel bemerkenswert vielseitig. Wenige Folgen später taucht eine vermeintlich dreißig Jahre ältere Zoe als Zeitreisende auf und warnt vor einer düsteren Zukunft, und in einer anderen Folge wird Tracys Kosmetikstudio zum Schauplatz einer Geiselnahme. Andi heuert derweil als Sheriff in einem Westerndorf an, während Theo Bekanntschaft mit einem widerspenstigen UFO macht.
Eine dermaßen ausufernde stilistische und thematische Vielfalt könnte schnell in die Beliebigkeit kippen. Doch ein enger thematischer Kitt kann nachhaltig verhindern, dass der Genrespaß nicht nur noch aus Selbstreflexion besteht: Denn hinter Western, Musical, Science-Fiction und Katastrophenkomödie bleibt stets dieselbe Frage bestehen: Wie gehen Menschen miteinander um, die eigentlich ziemlich unterschiedlich sind, aber trotzdem miteinander auskommen müssen? Eine Frage, die die Serie bereits seit geschlagenen fünf Staffeln begleitet.

Denn seit ihrem Start lebt «Doppelhaushälfte» vom Zusammenprall der alteingesessenen Knuppes mit den aus Berlin zugezogenen Sawadi-Krögers. Andi, Tracy, Mari, Theo, Zoe und die übrigen Familienmitglieder sind dabei inzwischen so gut etabliert, dass man ihnen auch vollkommen absurde Situationen zumuten kann, ohne dass die Figuren dahinter verschwinden. Die Serie kann sie damit auch getrost in andere Genres schicken, weil ihre Charaktere längst hinlänglich vertraut sind, während die freudvoll vorgetragenen Absurditäten immer wieder auf etwas sehr Alltägliches zurückgeführt werden: Kinder werden erwachsen, Familien verändern sich, und niemand weiß so recht, wie man damit umgehen soll.
Natürlich gibt es Momente, in denen die Serie ihre eigene Lust an der Eskalation etwas übertreibt: UFOs, Zeitreisen, ein Asteroid, das ist in der Dauerbeschallung vielleicht ein bisschen viel. Doch nach vier Staffeln hätte das Format leicht in Routine erstarren können. Stattdessen ist die neue Saison nun bereit, stilistisch immer wieder den Kontrollverlust zu riskieren, und schafft es dabei doch, klar an ihren Figuren festzuhalten – ein ziemlich guter Grund, sich weiterhin über den Gartenzaun zu lehnen.
Die neue Staffel von «Doppelhaushälfte» startet am Dienstag, den 25. August um 21.45 Uhr in ZDFneo.
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