Die «Garbage Pail Kids» waren Mitte der 1980er Jahre ein riesiges Geschäft. Also musste selbstverständlich ein Kinofilm folgen.
In Hollywood gibt es eine einfache Regel: Wenn sich etwas millionenfach verkauft, lässt sich daraus vermutlich auch ein Film machen. Mitte der 1980er Jahre waren die von Topps herausgegebenen
«Garbage Pail Kids» ein gewaltiger Erfolg. Die Sammelkarten waren ursprünglich als Parodie auf die populären «Cabbage Patch Kids»-Puppen entwickelt worden und zeigten Kinder mit absurden Namen, körperlichen Deformationen, widerlichen Angewohnheiten oder ausgesprochen makabren Schicksalen. Mehr als eine Milliarde Karten sollen verkauft worden sein. 1987 folgte deshalb der nahezu unvermeidliche Kinofilm. In Deutschland wurde er später unter dem Titel «Die Schmuddelkinder» bekannt.
Im Mittelpunkt steht Dodger, gespielt von Mackenzie Astin. Der Jugendliche arbeitet in einem Antiquitätengeschäft von Captain Manzini und wird regelmäßig von einer Gruppe älterer Jugendlicher schikaniert. Besonders deren Anführer Juice hat es auf ihn abgesehen. Gleichzeitig schwärmt Dodger ausgerechnet für Juice' Freundin Tangerine. In Manzinis Geschäft befindet sich eine geheimnisvolle Mülltonne, die Dodger auf keinen Fall öffnen soll. Natürlich dauert es nicht lange, bis genau das geschieht. Aus der Tonne kommen sieben seltsame Wesen: Greaser Greg, Messy Tessie, Windy Winston, Valerie Vomit, Foul Phil, Nat Nerd und Ali Gator. Jeder besitzt seine eigene besonders unangenehme Eigenschaft. Einer erbricht sich, einer hat permanent eine laufende Nase, ein anderer furzt, Nat Nerd nässt sich regelmäßig ein und Ali Gator entwickelt eine besondere Vorliebe für menschliche Zehen.
Manzini erklärt Dodger, dass die Wesen nicht unter normalen Menschen leben können. Doch selbstverständlich halten sich die Schmuddelkinder nicht an diese Vorgabe. Sie stehlen einen Pepsi-Laster, demolieren ein Auto, besuchen ein Kino und geraten sogar in einer Bar mit Bikern aneinander. Gleichzeitig helfen sie Dodger dabei, Kleidung zu produzieren, mit der er Tangerine beeindrucken möchte. Damit beginnt der wahrscheinlich kurioseste Teil der Geschichte. Tangerine möchte nämlich Modedesignerin werden und erkennt schnell, dass sich die von den Schmuddelkindern hergestellten Kleidungsstücke verkaufen lassen. Die kleinen Kreaturen werden also kurzerhand zu einer Art illegaler Nähtruppe. Als Tangerine schließlich eine Modenschau plant, möchte sie die unansehnlichen Hersteller ihrer Kollektion allerdings nicht präsentieren.
Noch bizarrer wird es, als Juice und seine Freunde die Schmuddelkinder in das sogenannte „State Home for the Ugly“ bringen. Dort werden Menschen eingesperrt, die angeblich zu hässlich für die Gesellschaft sind. Unter den Gefangenen befinden sich sogar Abraham Lincoln, Gandhi und der Weihnachtsmann. Die Bewohner sollen schließlich getötet werden. Dodger, Manzini und einige Biker befreien die Schmuddelkinder, die anschließend die Modenschau zerstören. Dodger erkennt schließlich, dass Tangerine zwar äußerlich attraktiv, charakterlich aber ausgesprochen hässlich ist. Danach fahren die Garbage Pail Kids davon, um weiteres Chaos anzurichten.
Eigentlich steckt darin sogar eine brauchbare Botschaft. Menschen sollten nicht nach ihrem Aussehen bewertet werden. Gerade Außenseiter verdienen Akzeptanz. Doch der Film untergräbt seine eigene Aussage praktisch permanent. Die Schmuddelkinder werden absichtlich so abstoßend wie möglich inszeniert, andere Figuren werden verspottet und Dodger selbst beurteilt Frauen hauptsächlich nach ihrem Äußeren. Kritiker bemängelten schon damals, dass der Film seine vermeintliche Botschaft über Schönheit und gesellschaftliche Ausgrenzung lediglich oberflächlich behandele.
Das größte Problem sind allerdings die titelgebenden Figuren. Die Garbage Pail Kids wurden von kleinwüchsigen Schauspielern in aufwendigen Kostümen gespielt, deren Gesichter mit animatronischen Elementen bewegt wurden. Das Ergebnis ist weniger niedlich als ausgesprochen unheimlich. Starre Augen, seltsame Mundbewegungen und riesige Köpfe lassen die Figuren aussehen wie Kreaturen aus einem Horrorfilm. Das ist rückblickend besonders interessant, denn tatsächlich existierte ursprünglich die Idee, aus dem Stoff einen Horrorfilm zu machen. Design-Spezialist John Carl Buechler soll eine entsprechende Variante vorgeschlagen haben. Später entschied man sich jedoch für einen Familienfilm. Vielleicht erklärt dieser Ursprung zumindest teilweise, warum das Endprodukt zwischen Kinderkomödie und Albtraum schwankt.
Auch hinter den Kulissen deutete einiges darauf hin, dass das Projekt keine besonders gute Idee war. Schauspieler John Astin versuchte sogar, seinen damals jugendlichen Sohn Mackenzie davon abzuhalten, Dodger zu spielen. Die Produktion selbst wurde unter enormem Zeitdruck abgewickelt: Die Dreharbeiten begannen im April 1987 und waren bereits im Juni beendet. Noch im August sollte der Film in den amerikanischen Kinos laufen.
Das Ergebnis wurde von den Kritikern regelrecht zerlegt. «The Garbage Pail Kids Movie» steht bei Rotten Tomatoes bei null Prozent positiven Kritiken. Metacritic führt einen extrem seltenen Wert von nur einem Punkt von 100. Die „New York Times“ bezeichnete den Film sinngemäß als zu abstoßend für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Bei den Goldenen Himbeeren folgten Nominierungen für die schlechtesten visuellen Effekte, den schlechtesten Song und die Garbage Pail Kids als schlechteste Newcomer.
Auch kommerziell funktionierte das Projekt nicht. Bei Produktionskosten von rund einer Million Dollar wurden lediglich etwa 1,6 Millionen Dollar eingespielt. Das klingt zunächst nicht nach einem gigantischen Verlust, doch Kinoeinnahmen landen bekanntlich nicht vollständig beim Produzenten. Vor allem aber war das Ergebnis angesichts der enorm erfolgreichen Sammelkarten enttäuschend. Der damalige Marketingchef des Verleihs führte das Problem später auch darauf zurück, dass man zwar einen Film für Kinder produziert habe, dieser aber keineswegs ein klassischer Familienfilm gewesen sei. Genau darin lag das Dilemma: Für kleine Kinder waren die Figuren teilweise zu grotesk, für Jugendliche war die Geschichte zu albern und Erwachsene hatten kaum einen Grund, sich das Ganze anzusehen.
In Deutschland war das Interesse noch geringer. Die Garbage-Pail-Kids-Karten hatten hierzulande ohnehin wesentlich weniger Erfolg. Der Film kam deshalb nicht regulär ins Kino und war lange Zeit kaum verfügbar. Erst Jahrzehnte später entwickelte sich «Die Schmuddelkinder» zunehmend zum Kuriosum für Fans schlechter Filme. 2024 erschien der Film hierzulande sogar erstmals ungekürzt auf Blu-ray und DVD.
Für Mackenzie Astin bedeutete der Film glücklicherweise keinen dauerhaften Absturz. Er arbeitete anschließend jahrzehntelang als Schauspieler und war in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Katie Barberi, die Tangerine spielte, machte später insbesondere im spanischsprachigen Fernsehen Karriere und war unter anderem in mehreren Telenovelas sowie den Nickelodeon-Produktionen «Grachi» und «Every Witch Way» zu sehen. 2023 hatte sie zudem eine kleine Rolle in «Saw X».
Regisseur Rod Amateau dagegen drehte keinen weiteren Kinofilm. «The Garbage Pail Kids Movie» wurde seine letzte Regiearbeit, ehe er sich Ende der 1980er Jahre zurückzog. Eine bemerkenswerte Karriere machte dagegen Synchronsprecher Jim Cummings, der Greaser Greg und Nat Nerd seine Stimme lieh. Er entwickelte sich später zu einem der bekanntesten amerikanischen Sprecher und wurde unter anderem als Stimme von Winnie Puuh und Tigger berühmt.
Für Fans ist «Die Schmuddelkinder» beinahe ein Pflichtprogramm. Der Film zeigt auf besonders drastische Weise, was passiert, wenn eine erfolgreiche Marke ohne überzeugende Geschichte möglichst schnell ins Kino gebracht werden soll. Sammelkarten brauchen keine Charakterentwicklung, keine Dramaturgie und keine anderthalbstündige Handlung. Ein groteskes Bild und ein Wortspiel reichen völlig aus. Der Film versucht trotzdem, aus diesem Konzept eine Geschichte über Liebe, Außenseiter, Mode, Mobbing und gesellschaftliche Schönheitsideale zu bauen.
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