11 «Lokalzeiten» vom WDR: Regionale Vielfalt oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahme?

Doch wie regional sind die Sendungen tatsächlich und rechtfertigen die Unterschiede den großen Aufwand? Eine Analyse von Isabella Häusler.

In Nordrhein-Westfalen gibt es insgesamt elf Mal die «Lokalzeit», die montags bis freitags täglich um 19:30 Uhr im WDR ausgestrahlt werden. In Bayern beispielsweise gibt es zum Vergleich lediglich zwei regionale Ausgaben des Bayerischen Rundfunks: «Frankenschau aktuell» und «Abendschau – Der Süden». Auf den ersten Blick könnte man daher vermuten, dass die große Anzahl an Lokalzeiten in Nordrhein-Westfalen ein besonders umfangreiches Angebot für die Einwohnerinnen und Einwohner des Bundeslandes darstellt. Nachrichten aus Dortmund, Düsseldorf, Köln, Bonn, Bielefeld (OWL), dem Bergischen Land, Südwestfalen, dem Münsterland, dem Ruhrgebiet, Duisburg und Aachen sollen möglichst nah an den Menschen und ihren jeweiligen Regionen sein. Doch sind die Inhalte dieser elf Sendungen wirklich so unterschiedlich und berichten die Lokalzeiten tatsächlich nur über regionale Themen oder wiederholen sich die Beiträge teilweise? Und rechtfertigt die regionale Aufteilung den damit verbundenen personellen und finanziellen Aufwand?

Eine Analyse der Lokalzeiten vom 3. August bis zum 07. August 2026 beschäftigt sich mit genau dieser Frage. Aktuell feiert der WDR seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Grund möchten die Lokalzeiten zeigen, was und vor allem wer das Bundesland ausmacht. Unter dem Motto „So tickt NRW“ gibt es zu jeder Stunde am Tag eine Geschichte aus Nordrhein-Westfalen, in der die Berufe von Menschen rund um die Uhr gezeigt werden. Dabei wurden unter anderem Beschäftigte in der Nachtschicht im Werkzeugbau, in der Notaufnahme oder am Flughafen Köln/Bonn begleitet. Aber auch ein Rheinbahnfahrer oder Straßenreiniger wurden bei ihrer Frühschicht vorgestellt. Diese Beiträge wurden anschließend jeden Tag in allen elf Lokalzeiten ausgestrahlt. Dadurch entsteht bereits ein deutlicher Anteil an Inhalten, die unabhängig von der jeweiligen Region in jeder Ausgabe vorkommen.

Auch der grundlegende Aufbau der verschiedenen Sendungen ist ziemlich ähnlich. Zu Beginn werden meistens die aktuellsten und wichtigsten Themen des Tages aufgegriffen, beispielsweise die vorherrschende Hitze. Anschließend folgen häufig Reportagen, in denen über lokale Helden, besondere Schicksale, Projekte oder Veranstaltungen berichtet wird. So gab es zum Beispiel einen Bericht über die Hilfe für Obdachlose in Düsseldorf, über einen 18-Jährigen aus dem Ruhrgebiet, der einen tragischen Motorradunfall überlebte, oder über aktuell stattfindende Festivals. Diese Beiträge sind zwar regional verortet, behandeln aber teilweise ähnliche Themen und verfolgen einen vergleichbaren journalistischen Ansatz.

Typisch für die Lokalzeiten ist unter anderem das sogenannte „Studiogespräch“. Dabei werden Personen, die sich mit dem im vorangegangenen Beitrag behandelten Thema auskennen oder selbst daran beteiligt sind, von den Moderatorinnen und Moderatoren interviewt. Auch dieser Bestandteil findet sich in den verschiedenen Ausgaben regelmäßig wieder, wenn auch mit immer anderen Gästen. Am Ende der Sendung werden, bevor das lokale Wetter gezeigt wird, häufig Tipps für das Wochenende oder für Ausflüge präsentiert sowie sogenannte „Bilder der Woche“ gezeigt. Obwohl die einzelnen Inhalte regional angepasst werden, ähneln sich somit nicht nur die Themen, sondern auch Struktur und Aufbau der elf Sendungen.

Bei der Analyse der fünf untersuchten Tage ließ sich feststellen, dass je nach Tag lediglich zwischen etwa 26 und 35 Prozent der Beiträge in den verschiedenen Lokalzeiten wiederholt wurden. Zunächst klingt dieses Ergebnis so, als würde sich die hohe Anzahl an lokalen Sendungen lohnen. Schließlich bedeutet das, dass ein Großteil der Beiträge nicht identisch ist und die einzelnen Redaktionen tatsächlich eigene Inhalte produzieren. Dadurch erhalten Zuschauerinnen und Zuschauer Informationen aus ihrer unmittelbaren Umgebung, die in einer zentral produzierten Nachrichtensendung möglicherweise keinen Platz finden würden.

Befasst man sich aber tiefergehend damit, zeigt sich ein differenzierteres Bild. Zwar werden viele Beiträge nicht wörtlich wiederholt, allerdings beschäftigen sich die verschiedenen Lokalzeiten häufig mit denselben übergeordneten Themen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Hitze, die während des Untersuchungszeitraums eine wichtige Rolle spielte. Nahezu alle Lokalzeiten berichteten über die hohen Temperaturen und deren Folgen, beispielsweise über Brände, gesundheitliche Belastungen oder Probleme für die Landwirtschaft. Dabei produzierte jedoch jede Lokalzeit einen eigenen Beitrag mit Beispielen aus ihrer jeweiligen Region. Aus Sicht der regionalen Berichterstattung ist dieses Vorgehen nachvollziehbar, da Zuschauerinnen und Zuschauer wahrscheinlich stärker an einem Brand in ihrer unmittelbaren Umgebung interessiert sind als an einem Ereignis in einer weiter entfernten Region Nordrhein-Westfalens. Wenn alle Regionen über die gleiche Hitzewelle, hohe Temperaturen oder die schlechte Ernte berichten, wirkt es allerdings wenig effizient, wenn elf Redaktionen jeweils eigene Beiträge zu einem sehr ähnlichen Thema produzieren.

Dennoch stellt sich die Frage, ob für jedes dieser Themen wirklich ein vollständig eigener Beitrag notwendig ist. Bei einem landesweiten Ereignis wie einer Hitzewelle könnten beispielsweise einzelne regionale Beispiele in einem gemeinsamen Beitrag miteinander verbunden werden. Dieser könnte etwas länger sein und unterschiedliche Regionen Nordrhein-Westfalens abbilden. Dadurch ließen sich journalistische Ressourcen sparen, ohne vollständig auf regionale Bezüge verzichten zu müssen. Gerade bei öffentlich-rechtlichen Sendern sollte der vorhandene finanzielle und personelle Aufwand möglichst sinnvoll eingesetzt werden. Die eingesparten Ressourcen könnten stattdessen für Themen verwendet werden, die tatsächlich nur eine bestimmte Region betreffen und dort von besonderer Bedeutung sind.

Ähnlich verhält es sich mit den Ausflugstipps und Veranstaltungshinweisen. Auch hier gibt es häufig Überschneidungen. Zwar werden unterschiedliche Orte und Veranstaltungen vorgestellt, das Grundprinzip bleibt jedoch gleich. Eine Lokalzeit empfiehlt eine Veranstaltung in ihrer Region, während eine andere Ausgabe über ein ähnliches oder oft auch über das gleiche Angebot berichtet. Hier zeigt sich also, dass die Grenzen zwischen eigenständiger regionaler Berichterstattung und einer lediglich regionalisierten Version eines ähnlichen Beitrags teilweise fließend sind.

Elf «Lokalzeiten» bedeuten also nicht automatisch elfmal mehr journalistische Vielfalt. Wenn sich Inhalte wiederholen oder lediglich mit unterschiedlichen regionalen Beispielen versehen werden, entsteht ein erheblicher Aufwand, ohne dass der Informationsgewinn in gleichem Maße steigt. Ausgehend von diesen Ergebnissen spricht also einiges dafür, die Struktur der Lokalzeiten effizienter zu gestalten und stärker darauf zu achten, welche Beiträge tatsächlich einen eigenständigen regionalen Mehrwert bieten.
14.08.2026 12:32 Uhr Kurz-URL: qmde.de/174424
Isabella Häusler

super
schade


Artikel teilen


Tags

Lokalzeit Frankenschau aktuell Abendschau – Der Süden Lokalzeiten

◄   zurück zur Startseite   ◄
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel

Weitere Neuigkeiten


Qtalk-Forum » zur Desktop-Version

Impressum  |  Datenschutz und Nutzungshinweis  |  Cookie-Einstellungen  |  Newsletter