«Spider-Noir»: Aus dem Zufall geborene Extravaganz
Fünf Jahre sind vergangen, seit die Spinne verschwunden ist. Der einzige Superheld der Stadt tauchte von einem auf den nächsten Tag unter. Ben Reilly war diese Spinne. Doch während er die Stadt rettete, verlor er den einzigen Menschen, den er je wirklich geliebt hat.
Spider-Noir
Regie: Harry Bradbeer, Nzingha Stewart, Alethea Jones, Greg Yaitanes ; Drehbuch: Oren Uziel und Steve Lightfoot; Kamera: Darran Tiernan, Peter Deming; Musik: Kris Bowers, Michael Dean Parsons; Produktion: Phil Lord, Christopher Miller, Amy Pascal und Oren Uziel; Szenenbild: Marcus Rowland; Besetzung: Nicolas Cage (Ben Reilly / Spider-Noir), Lamorne Morris (Robbie Robertson), Brendan Gleeson (Sylvester "Silvermane" Cannoli), Li Jun Li (Yuri Watanabe), Jack Huston (Hammerhead).
Amazon Primes «Spider-Noir» ist ein echtes Zufallsprodukt. Ursprünglich war «Spider-Noir» nur eine Nebenfigur im Animationsfilm «Into the Spider-Verse». Doch die unerwartet perfekte Besetzung, Nicolas Cage lieh der Figur ihre Stimme, avancierte zum Fanliebling. Ein Spider-Man im New York der späten 1920er? Schwarz-weiß? Lakonisch wie die Antihelden der Hardboildromane von Raymond Chandler und Dashiell Hammett? Die Idee, diesen «Spider-Noir» in eine eigene Serie zu stecken, war viel zu verheißungsvoll, um sie ungenutzt zu lassen. Und so ist im Mai tatsächlich «Spider-Noir» auf Prime gestartet. Mit Nicolas Cage in der Hauptrolle. Diesmal in echt und nicht gezeichnet.
Ben Reilly führt im New York der späten 20er Jahre ein trostloses Leben als heruntergekommener Privatdetektiv. Einst war er als geheimnisvoller Maskierter unter dem Namen „The Spider“ der einzige Superheld der Stadt. Bis die Frau, die er über alles liebte, starb. Und er konnte sie nicht retten. An jenem Tag ist die Spinne verschwunden und nie zurückgekehrt. Statt echte Verbrecher zu jagen, schlägt er sich nun mit Ehebruchsfällen und kleinen Ermittlungen durch. Ein Routinefall, eine harmlose Observation, führt zu einer Konfrontation mit einem Kerl, der sich in eine lebende Flamme verwandeln kann. Die Konfrontation verläuft für Ben schwierig. Denn er ist gezwungen, die Spinne in sich noch einmal zum Leben zu erwecken. Das Geschehen aber lässt ihn nicht los. Was zur Hölle hat er da erlebt? Er war nicht nur der einzige Superheld der Stadt; seine Gegner waren zu Zeiten der Spinne Ganoven, Bankräuber, Alkoholschmuggler. Aber keiner von denen verfügte über besondere Kräfte. Die weiteren Spuren, die er aufnimmt, führen ihn direkt in den Club von Cat Hardy, einer Nachtclubsängerin, von der er weiß, dass er ihr nicht zu sehr vertrauen darf. Der wahre Besitzer ihres Clubs ist Silvermane, und der ist niemand anderes als der mit Abstand mächtigste Gangsterboss der Stadt. Viel über den Kerl mit den Flammen erfährt er zwar nicht, aber am Tag nach ihrem Zusammentreffen braucht sie seine Hilfe. Ihr Leibwächter Flint Marko ist verschwunden. Ein Kerl, der ohne zu zögern für Cat sein Leben geben würde und offenbar gleichfalls über Fähigkeiten verfügt, die rational nicht einfach zu erklären sind.
Keine Spoiler
An dieser Stelle lohnt sich eine bloße Inhaltsangabe kaum, denn «Spider-Noir» lässt sich nicht über den Plot definieren. Die Serie ist vielmehr ein exklusives, hochbudgetiertes Stil-Experiment, das sich voll und ganz auf seine eigene visuelle Identität verlässt. Die Kameraarbeit wirkt beinahe aufdringlich, als wollte sie jedem Gesicht die verborgenen Geheimnisse entlocken. Einstellungen verweilen oft länger, als man es gewohnt ist, und nutzen dabei subtil schräge Blickwinkel, die den Zuschauer spüren lassen, dass diese Welt aus den Angeln gehoben wurde. Das Licht ist hier kein bloßes Gestaltungsmittel, es frisst sich förmlich durch die Szenen, geprägt von harten Kontrasten und abgründigen Schatten. Ein konsequenter Noir-Look, bei dem Amazon Prime allerdings etwas Angst bekam. Angst im Sinne von: Sollte man es nicht doch mit etwas Farbe versuchen? Daher gibt es auch eine Farbversion, in der viele Szenen aber erstaunlich flach ausfallen. Das Licht verrät: Hier wurde auf einer Bühne gedreht. Eine andere Wirkung hat die schwarz-weiße Fassung. Die ist zwar auch als Bühnenspiel erkennbar, aber genau diese Künstlichkeit wird plötzlich Teil der Ästhetik. Kontraste fressen Details auf, Tiefe entsteht nicht mehr durch Realismus, sondern durch Abstufungen von Grau. Das Bild hört auf, „echt“ sein zu wollen, und beginnt stattdessen, sich wie eine Erinnerung zu verhalten: fragmentarisch, stilisiert, bewusst überhöht.
«Spider-Noir» macht Spaß, ist aber nicht perfekt. Die Serie leidet unter einer Schwäche, die heute viele Streaming-Produktionen plagt: Sie ist schlicht zu lang. Dass die Geschichte in acht Episoden erzählt wird, wirkt unnötig gestreckt; man merkt deutlich, dass sich die Serie gelegentlich in ihrer eigenen visuellen Opulenz verliert, um Zeit zu schinden. Dabei ließe sich der Plot im Grunde kompakt auf drei zentrale Akte herunterbrechen.
Doch die Serie wird durch zwei Aspekte vor dem Mittelmaß bewahrt: ihren konsequenten Look und die Besetzung. Über die Bilder wurde bereits gesprochen, über Nicolas Cage noch nicht. Man hat ihn schon lange nicht mehr so spielfreudig erlebt. Cage kanalisiert den ihm eigenen Wahnsinn und unterwirft ihn ganz der Rolle des Detektivs. Er stellt diesen Ben Reilly als einen Typen dar, dem die Welt egal scheint, der im Kern aber ein guter Mensch ist, welcher im entscheidenden Moment das Richtige tut.
Zudem muss man «Spider-Noir» hoch anrechnen, dass die Serie als in sich geschlossenes Werk funktioniert. Kein Cliffhanger und keine erzwungene Mid-Credit-Überleitung in die nächste Verwertungsrunde. Anfang, Mitte, Ende: Die Serie ist fast schon altmodisch konsequent. Und vielleicht ist genau das ihr größter Verdienst.
«Spider-Noir» ist seit 27. Mai bei Prime Video abrufbar.
04.08.2026 12:46 Uhr
Kurz-URL: qmde.de/174095
Christian Lukas
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