Buchclub: ‚Alles Liebe‘

Ronja von Rönne erzählt von der Sehnsucht nach Nähe und den Lügen, die wir uns selbst erzählen.

Mit „Alles Liebe“ legt Ronja von Rönne einen Roman vor, der sich einem der ältesten Themen der Literatur widmet und dabei einen ganz eigenen Ton findet. Es geht um die Liebe – allerdings nicht als romantisches Ideal, sondern als widersprüchliche Kraft, die Menschen verbindet, verletzt, verändert und manchmal auch zerstört. Von Rönne erzählt keine klassische Liebesgeschichte, sondern entwickelt ein vielschichtiges Panorama über Einsamkeit, Sehnsucht und die Geschichten, die wir über unser eigenes Leben erfinden.

Der Roman besteht aus mehreren miteinander verwobenen Lebensgeschichten. Im Mittelpunkt stehen Frauen, deren Schicksale auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben. Laura hat bereits als Kind gelernt, wie Mitleid funktioniert und welche Macht Gefühle über andere Menschen besitzen können. Barbara lebt allein in einem großen Haus, das sie mit Versandhauskatalogen und einem imaginären Partner gegen die Leere verteidigt. Heike verbringt Jahrzehnte in einem Haus, das ihr nie wirklich gehört, und träumt von einem Garten als Symbol eines Lebens, das sie nie führen durfte. Christina wiederum verarbeitet ihre Ängste und Überforderung durch ihre Kunst und versucht, die Welt auf ein erträgliches Maß zu verkleinern.

Diese Figuren verbindet weniger eine gemeinsame Handlung als ein gemeinsames Thema. Alle suchen nach Nähe, Anerkennung oder Geborgenheit und kämpfen gleichzeitig mit Enttäuschungen, unerfüllten Erwartungen und den Spuren vergangener Entscheidungen. Liebe erscheint dabei nicht als Lösung aller Probleme, sondern als Kraft, die ebenso heilen wie verletzen kann.

Gerade darin liegt die große Stärke des Romans. Ronja von Rönne verzichtet auf einfache Antworten oder romantische Klischees. Ihre Figuren sind widersprüchlich, manchmal unsympathisch, oft verletzlich und stets glaubwürdig. Sie handeln nicht immer vernünftig, treffen fragwürdige Entscheidungen und scheitern an ihren eigenen Vorstellungen vom Glück. Genau dadurch wirken sie menschlich.

Besonders interessant ist der Titel „Alles Liebe“. Was zunächst wie eine freundliche Grußformel klingt, erhält im Verlauf der Geschichte eine tiefere Bedeutung. Liebe ist hier kein eindeutiger Begriff, sondern ein Konstrukt, das jede Figur anders versteht. Für manche bedeutet sie Hoffnung, für andere Verpflichtung oder Verlust. Immer wieder stellt der Roman die Frage, ob Liebe überhaupt objektiv existiert oder ob jeder Mensch seine eigene Version davon erschafft.

Stilistisch zeigt sich Ronja von Rönne erneut als außergewöhnliche Erzählerin. Ihre Sprache ist klar, präzise und oft von trockenem Humor durchzogen. Innerhalb weniger Sätze gelingt es ihr, eine Figur greifbar zu machen oder eine Situation auf den Punkt zu bringen. Gleichzeitig schwingen in vielen Formulierungen Melancholie und feine Ironie mit. Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz ihrer Texte aus.

Auffällig ist außerdem die episodische Struktur des Romans. Die einzelnen Geschichten ergänzen sich nach und nach zu einem größeren Bild. Dadurch entsteht kein klassischer Spannungsroman mit klarer Handlung, sondern eher ein literarisches Mosaik. Jede Figur beleuchtet einen anderen Aspekt von Liebe, Einsamkeit und Selbsttäuschung. Erst im Zusammenspiel entfaltet sich die eigentliche Aussage des Buches.

Dabei gelingt es von Rönne immer wieder, alltägliche Situationen mit philosophischen Fragen zu verbinden. Wie entstehen Beziehungen? Warum halten Menschen an unglücklichen Lebensentwürfen fest? Wann wird Liebe zur Gewohnheit oder gar zur Lüge? Ohne belehrend zu wirken, lädt der Roman dazu ein, über solche Fragen nachzudenken. Ein weiterer Pluspunkt ist die psychologische Genauigkeit. Die Autorin beobachtet ihre Figuren mit großer Aufmerksamkeit und beschreibt ihre inneren Konflikte nachvollziehbar. Viele Szenen leben weniger von äußeren Ereignissen als von Blicken, Erinnerungen oder unausgesprochenen Gedanken. Das verlangt vom Leser Aufmerksamkeit, belohnt diese aber mit einer außergewöhnlichen emotionalen Tiefe.

„Alles Liebe“ gehört zu jener Literatur, die lange nach der letzten Seite nachwirkt. Nicht weil spektakuläre Wendungen überraschen, sondern weil die Figuren und ihre Gedanken im Gedächtnis bleiben. Man beginnt unweigerlich, über eigene Vorstellungen von Liebe, Nähe und Glück nachzudenken. Der Roman richtet sich an Leserinnen und Leser, die literarische Figurenromane schätzen und Freude an feinen Beobachtungen haben. Wer eine klassische Liebesgeschichte erwartet, wird überrascht sein. Wer sich jedoch auf Ronja von Rönnes vielschichtige Erzählweise einlässt, entdeckt einen Roman, der ebenso klug wie berührend ist. Mit „Alles Liebe“ beweist Ronja von Rönne erneut, dass sie zu den interessantesten Stimmen der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehört.
21.07.2026 12:28 Uhr Kurz-URL: qmde.de/173700
Sebastian Schmitt

super
schade


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