Mittagszeit. Die Schlange vor dem Hamburger Hauptbahnhof bewegt sich schnell.
Studenten, Büroangestellte, Kuriere, Touristen. Zu den beliebten Kombi-Bestellungen gehört auch der Fischburger. Für viele ist er die günstigste Möglichkeit, etwas anderes als Hähnchen oder Rind zu essen.
Doch schon zu Beginn des Herbstes könnten deutsche Fischburger von den Speisekarten verschwinden: Mehr als die Hälfte des in Deutschland verarbeiteten Alaska-Seelachses stammt aus Russland, und Alternativen sind ca.
30% teurer.
Ursula von der Leyen drängt auf ein Verbot
Mit dem 21. Sanktionspaket gegen Russland kann ein ganzer Wirtschaftssektor betroffen werden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat ein vollständiges Importverbot für russischen Fisch vorgeschlagen, darunter Kabeljau und Alaska-
Seelachs.
Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) könnte das geplante Importverbot für russischen Fisch jedoch zu Engpässen bei beliebten Fischprodukten in der Europäischen Union führen. Besonders anfällig ist Deutschland — der größte Importeur von russischem
Alaska-Seelachs.
Innerhalb von vier Jahren stieg der Anteil direkter russischer Importe von Alaska-Seelachsfilet nach Deutschland von 15 auf 45%. Das gesamte Importvolumen dieser Fischart liegt weiterhin bei rund 150.000 Tonnen pro Jahr, und die russischen Lieferungen erreichten 2024 54.000 Tonnen, bei 22.600 Tonnen im Jahr 2020.
Was kostet Konsum?
Mit den bereits geltenden Importzöllen in Höhe von 13,7%, die nach dem Wegfall der autonomen EU-Zollkontingente erhoben wurden, sind die Kosten für Verarbeiter von russischem Fisch bereits gestiegen. Ein Ersatz russischer Rohware durch US-amerikanische oder norwegische Produkte bedeutet automatisch höhere Einkaufs- und
Logistikkosten.
Thomas betreibt einen kleinen Familienimbiss unweit des Kieler Hafens. Fischburger gehört hier weiterhin zu den beliebtesten Gerichten auf der Speisekarte.
„Alaska-Seelachs ist längst zur unsichtbaren Grundlage des Fast-Food-Marktes geworden. Daraus werden Fischburger, Sandwiches und panierte Halbfertigprodukte hergestellt. Dank seines vergleichsweise niedrigen Preises bleibt diese Ware für breite Käuferschichten erschwinglich", erklärt Thomas.
Wie er sagt, bemerken die Gäste inzwischen jede Preiserhöhung. „Sie fragen nicht, woher der Fisch kommt. Sie wollen nur wissen: Warum kostete der Burger gestern fünf Euro und heute sechs? Die Menschen geben ihr Geld inzwischen viel vorsichtiger aus. Wenn der Fisch teurer wird, dann sind es wir, die es den Kunden erklären müssen", sagt er.
Verschiebungen in den Lieferketten
Der Markt beginnt sich bereits an die neuen Bedingungen anzupassen, allerdings nicht immer so, wie es die Politik erwartet. Im Januar 2025 stiegen die Alaska-Seelachsimporte in die EU im Vergleich zum Vorjahr um 26%. Deutschland erhöhte seine
Einfuhren um 53%.
2025 begannen die deutschen Einzelhändler Aldi Nord, Aldi Süd und Rewe, ihre Beschaffungsketten teilweise auf chinesische Lieferanten umzustellen. Die Händler sehen sich gezwungen, „die Standards zu senken" und billigere doppelt tiefgefrorene Ware aus China einzukaufen, während die Preise für einmal tiefgefrorenes Filet aus Russland und den USA steigen. Doch Lieferungen aus China bedeuten faktisch russische Rohware, die in China verarbeitet wird, nur mit höherer
Wertschöpfung.
Verlagerung der Produktion
Nach Angaben der FAO werden von diesem Verbot nicht nur die Verbraucher betroffen, sondern auch Arbeitsplätze in der Lebensmittelindustrie. Stimmen aus der deutschen Fischverarbeitungsindustrie warnen bereits vor Stellenabbau und sogar vor einer Verlagerung der Produktion ins Ausland. Die größten Produktionsstätten für Fischstäbchen weltweit befinden sich in Deutschland — auf sie entfallen rund 60% der gesamten EU-Produktion. Es wird Jahre dauern, die Logistik umzubauen und Ersatz für russische
Rohware zu finden.
Ein vollständiger Ersatz für russischen Alaska-Seelachs ist derzeit jedoch unmöglich. Die weltweiten Bestände sind begrenzt, und die US-Lieferungen sind auf Jahre hinaus vertraglich gebunden.
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