‚Die WM 2006 war viel mehr als nur ein Fußballturnier‘

Mit «Mission Sommermärchen» erzählen Florian Nöthe und Simone Schillinger nicht einfach die Heim-WM 2006 nach, sondern die dramatische Vorgeschichte eines deutschen Fußball-Wendepunkts. Im Interview sprechen die beiden über Jürgen Klinsmann als Revolutionär, Oliver Kahns tragische Heldenreise und darüber, warum das „Sommermärchen“ am Ende auch ein gesellschaftlicher Neustart für Deutschland war.

«Mission Sommermärchen» erzählt nicht nur die WM 2006, sondern vor allem die Krisenjahre davor. Warum war Ihnen diese Vorgeschichte wichtiger als das eigentliche Turnier?
Auch wenn das Turnier natürlich unglaubliche Gänsehaut-Momente bereithält, wäre es uns zu wenig gewesen, den Verlauf einfach nachzuerzählen - zumal Sönke Wortmann das seinerzeit bereits wunderbar gemacht hat. Wir wollten stattdessen den Fokus auf eine Zeit richten, die viele Menschen inzwischen - vielleicht aus gutem Grund - verdrängt haben: Die Zeit, als der deutsche Fußball - wie es einer unser Interviewpartner so schön ausdrückt - am Boden lag. Und gleichzeitig stand unser Land als Austragungsort der WM 2006 fest. Nur zwei Jahre vor der Heim-WM ist Deutschland in der Vorrunde der EM ausgeschieden. Da war eine 180-Grad-Wendung nötig. Und genau diese schmerzhafte Wendung ist das Thema unserer Doku-Serie.

Gemeinsam haben Sie die Serie entwickelt. Wie haben Sie die erzählerische Arbeit zwischen Ihnen beiden aufgeteilt?
Wir haben bei der ZDF-Serie «FC Hollywood» zum ersten Mal zusammengearbeitet und dabei schnell gemerkt, dass wir ein ziemlich gutes Team sind. Bei “Mission Sommermärchen” haben wir von Anfang an im “writers room” gearbeitet - zusammen mit unserem Kollegen Nico Berse-Gilles. Sprich: Wir saßen ab der Konzeptphase regelmäßig zusammen, haben heftig diskutiert und uns immer wieder gegenseitig inhaltlich herausgefordert. Ganz konkret war Florian bei der Recherche federführend, Simone dafür bei den Interviews. Im Schnitt saßen wir dann beide. Wir sind davon überzeugt, dass man bei so einem Projekt im Team zu einem besseren Ergebnis kommt, als wenn man alleine an seinem Schreibtisch sitzt. Wir freuen uns, dass die auftraggebenden Sender das zunehmend auch so sehen.

Die Doku zeigt Jürgen Klinsmann fast als Revolutionär des deutschen Fußballs. Wann wurde Ihnen klar, dass seine Rolle weit über die eines normalen Bundestrainers hinausging?
Vieles, was heute Standard ist im Fußball, war in den frühen 2000er-Jahren noch “Neuland”. Deswegen wurde bei beim Sichten des Archivmaterials und bei unseren ersten Gesprächen mit Zeitzeug*innen sehr schnell klar, wie immens der Wandel war, der damals stattgefunden hat. Die Entwicklung die Jürgen Klinsmann hier angestoßen hat, endet ja auch nicht mit seinem Rücktritt als Bundestrainer nach der WM 2006. Er hat die Weichen gelegt für die erfolgreichen Jahre danach.

Die Jahre 2004 bis 2006 waren geprägt von enormem Widerstand gegen Klinsmann und Löw. Warum war diese Skepsis damals so groß?
Im Fußball spielt Tradition eine enorme Rolle. Man orientiert sich halt an dem, was in der Vergangenheit Erfolg gebracht hat. Aber genau das funktioniert im deutschen Fußball rund um die Jahrtausendwende nicht mehr. Und dann kommt Jürgen Klinsmann ohne Trainererfahrung und im wahrsten Sinne des Wortes vom anderen Ende der Welt und erklärt dem traditionsreichen deutschen Fußball, dass alles anders werden muss. Und Joachim Löw galt damals zwar in Fachkreisen als hervorragender Trainer, in der Öffentlichkeit war er aber nicht so bekannt. Die beiden brechen ja nicht nur mit den Traditionen, sondern sind quasi auch durch ihre Vita selbst ein Traditionsbruch.

Besonders spannend wirkt die Figur Oliver Kahn, der zwischen Ehrgeiz, Machtkampf und persönlicher Enttäuschung schwankt. Warum eignet er sich so gut als emotionale Hauptfigur?
Ganz einfach gesagt: Oliver Kahns Geschichte ist quasi die eines modernen Odysseus. Nach seinem Fehler im Endspiel gegen Brasilien 2002 will er unbedingt noch einmal ins WM-Finale. Diesem Ziel ordnet er alles unter. Und dann erlebt aber auch er einige Irrfahrten. Auf seinem Weg muss er nämlich nicht nur mit sich selbst kämpfen, sondern irgendwann auch gegen das neue System unter Jürgen Klinsmann. Seine unglaublichen Erfolge von früher werden zwar respektiert, aber er wird auch herausgefordert. Das ist neu für ihn. Je näher die WM 2006 rückt, desto schwieriger scheint es für den “Titan” zu werden. Am Ende verliert er zwar den eigentlichen Kampf - den ums deutsche Tor - aber gewinnt plötzlich etwas, das er bisher mit keinem Titel bekommen konnte. Anerkennung und Respekt - nicht als Torwart, sondern als Mensch.

Mit David Odonkor rückt auch ein eher unerwarteter WM-Held in den Mittelpunkt. Was hat Sie an seiner Geschichte besonders fasziniert?
Das faszinierende an David Odonkors Geschichte ist doch, dass es die eines Underdogs ist. Einer, der sich allen Zweifeln zum Trotz durchkämpft. Als Kind und Jugendlicher hat er es nicht leicht. Er erlebt rassistische Anfeindungen, wächst in armen Verhältnissen auf und öffnet sich erst durch den Fußball eine Tür in ein besseres Leben. 2006 hat ihn keiner auf dem Zettel, alle wundern sich bei seiner Nominierung. Sogar er selbst. Aber Jürgen Klinsmann - als eine Art Mentor - sieht etwas in Odonkor. Seine Geschichte zeigt, was möglich ist, wenn jemand an dich glaubt.

Die Serie arbeitet mit vielen emotionalen Wendepunkten – von der Weißbier-Wutrede bis zur Lehmann-Kahn-Entscheidung. Wie findet man bei einem historischen Stoff die Balance zwischen Drama und journalistischer Genauigkeit?
Es ist jedes Mal erstaunlich, wie viel perfekte Dramaturgie im realen Leben steckt. Unsere Aufgabe war es, die Geschichten unserer Protagonisten so zu erzählen, dass diese Dramaturgie sichtbar wird. Alles, was wir erzählen, basiert auf Recherchen und Fakten. Aber die Anneinanderreihung von Fakten allein macht eben keine gute Geschichte. Deswegen steht bei uns immer ein Protagonist - in diesem Fall sind es ja tatsächlich nur Männer - im Mittelpunkt. Alles, was damals faktisch passiert ist, hat auf die Figur und ihren Weg einen Einfluss. Zweifel, Freude, Mut, Enttäuschung. Und daraus entstehen dann die dramaturgischen Wendungen. Deswegen ist es für uns absolut wichtig, dass wir die handelnden Personen ihre Geschichte selbst erzählen lassen.

Sie greifen auch gesellschaftliche Themen wie Tradition gegen Innovation oder Ego gegen Teamgeist auf. War Ihnen wichtig zu zeigen, dass die WM 2006 mehr war als nur Fußball?
Im Nachhinein muss man sagen, diese Weltmeisterschaft war für Deutschland viel mehr als nur ein Fußballturnier. Einer unserer Gesprächspartner sagt im Interview, dass die WM 2006 eine Zäsur war. Durch die Freude und Begeisterung dieses Sommers entsteht ein neuer Geist in Deutschland. Es entsteht eine Art Aufbruchstimmung. Und tatsächlich geht es in den Jahren danach nicht nur fußballerisch, sondern auch wirtschaftlich bergauf. Ähnlich wie bei der Nationalmannschaft bestimmt auch in vielen anderen Lebensbereichen plötzlich Innovation unseren Alltag. Das Internet damals, die ersten Smartphones. Und all das ist eben möglich, weil Deutschland sich plötzlich selbst gar nicht mehr so schlecht findet und die WM ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl geschaffen hat. Viele der Entwicklungen in der Nationalmannschaft spiegeln sich in den Jahren danach eben auch im gesellschaftlichen.

Viele Zuschauer erinnern sich an das „Sommermärchen“ nostalgisch verklärt. Gab es bei Ihren Recherchen Momente, die dieses Bild deutlich komplizierter gemacht haben?
In allererster Linie war die WM 2006 ein wunderbarer Sommer. Die zwei Jahre davor waren aber für viele unserer Protagonisten keine leichte Zeit. Die Zweifel waren bis kurz vor dem Turnier riesengroß. Der Druck von außen - von Fans und Medien - enorm. Und natürlich hatte das auch seinen Preis für einige unserer Protagonisten. Nicht nur körperlich, sondern vor allem auch mental. Das gehört dann eben auch zum vollständigen Bild dazu, das wir zeichnen wollen.

Die Serie enthält viel Archivmaterial und zahlreiche Zeitzeugen-Interviews. Wie schwierig war es, aus dieser Materialfülle eine klare Dramaturgie zu entwickeln?
Bevor wir Interviews führen, machen wir eine umfangreiche Recherche. Wir lesen zeitgenössische Artikel und Biografien, führen Hintergrundgespräche. Und wir schauen uns die ersten Archiv-Ausschnitte an. Aus dieser Recherche erarbeiten wir dann unsere Geschichte und die Dramaturgie. Und ab da läuft vieles parallel: Wir führen erste Interviews, sichten gezielter Archivmaterial und erlangen so auch neue Impulse für die Dramaturgie. Die Story ist also kein fixes, sondern ein flexibles Gebilde, dessen Gerüst die historischen Daten und Fakten bilden. Der Kern von allem ist aber, dass wir uns ganz zu Beginn fragen: Wessen Geschichte erzählen wir hier? Und bei welchen Herausforderungen begleiten wir diese Charaktere. Das klar im Blick zu behalten bei der Fülle an Material ist nicht einfach. Sich da immer wieder zu challengen, auch innerhalb des Teams, das macht es aber ja auch so reizvoll.

Überraschend ist auch die Rolle von Angela Merkel, die in der Serie auftaucht. Warum war es Ihnen wichtig, diesen politischen Aspekt einzubauen?
Wenn man die Geschichte von Jürgen Klinsmann auf dem Weg zur WM 2006 erzählt, kommt man an Angela Merkel kaum vorbei. Er wurde 2004 Bundestrainer, sie wurde 2005 Bundeskanzlerin. Manche sagen ja: Das sind die zwei wichtigsten Posten im Land. Und beide brechen erstmal mit der Tradition: Er ist der “Trainer-Neuling”, sie die erste Frau im Kanzleramt. Beide müssen sich in ihrer neuen Rolle behaupten und stehen entsprechend unter Zugzwang. Und natürlich kreuzen sich ihre Wege in den Monaten vor der Heim-WM regelmäßig. Welche ganz konkrete Rolle sie in der Geschichte eingenommen hat, das wurde uns erst während der Recherche klar. Aber ohne zu viel vorweg zu nehmen - sie hatte entscheidenden Einfluss auf das Schicksal von Jürgen Klinsmann.

Die Doku zeigt eine Zeit, in der Deutschland „die Freude an sich selbst wiederfindet“. Glauben Sie, dass die WM 2006 tatsächlich ein gesellschaftlicher Wendepunkt war? Haben wir auch mit den nachfolgenden Turnieren bis 2014 sämtliche Wirtschaftskrisen durch ein vierwöchiges Fest an die Wand gespielt?
Die WM 2006 ist sicher etwas Besonderes. Deutschland war Anfang des neuen Jahrtausends in einer ähnlich schwierigen Lage wie heute. Der Wirtschaft ging es schlecht, die Stimmung war schlecht. Das Land galt als “der kranke Mann Europas”. Aber plötzlich ist da dieser Sommer, und wir Deutschen merken: Ausgelassenheit und Optimismus stehen uns gut! Das wurde dann zu einer Art selbsterfüllender Prophezeiung. Denn plötzlich hatte der Rest der Welt ein positives Bild von uns. Und wir mochten uns dann auch irgendwie.

In den Jahren danach konnte man die Krisen vielleicht für vier Wochen während der großen Turniere beiseite schieben. Aber nicht einmal der Weltmeistertitel 2014 hat unser Land nachhaltig so verändert wie der märchenhafte Fußball-Sommer 2006.

Mit «FC Hollywood» haben Sie bereits Fußballgeschichte seriell erzählt. Was unterscheidet «Mission Sommermärchen» erzählerisch von Ihrem Bayern-Projekt?
Wir würden gerne die Gemeinsamkeiten hervorheben: Bei beiden Projekten war es uns wichtig, dass nicht die sportlichen Ergebnisse, sondern die handelnden Figuren im Vordergrund stehen. Uns hat sowohl beim FC Hollywood als auch bei Mission Sommermärchen interessiert, was die Protagonisten antreibt, was ihre Ziele sind. Und eben nur am Rande, wie sie sportlich performen.

Ein formaler Unterschied zwischen den beiden Projekten ist die erzählte Zeit: Beim «FC Hollywood» haben wir die Entwicklung einer Mannschaft über vier Jahre erzählt - mit wechselnden Spielern und Trainern und dadurch immer neuen Konflikten. Bei «Mission Sommermärchen» begleiten wir nun ein Kernteam, bei seiner “once in a lifetime”-Mission: Bei der WM im eigenen Land erfolgreich zu sein. Und dafür hat das Team nur knapp zwei Jahre Zeit.

Wenn man die Serie gesehen hat: Soll das Publikum am Ende eher die sportliche Leistung bewundern – oder den Mut, mit dem Klinsmann und sein Team gegen alle Widerstände gearbeitet haben?
Deutschland wurde bekanntermaßen 2006 nicht Fußballweltmeister. Dennoch ist die WM 2006 in die Erinnerung der Deutschen als positives Ereignis eingebrannt. Aus der Rückschau ist klar: Jürgen Klinsmann hat mit seinem Vorgehen die Grundlage geschaffen, dass die Mannschaft anschließend zu einer der erfolgreichsten Phasen des deutschen Fußballs aufbrechen konnte. Mit dem WM-Titel 2014 als Krönung.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Mission Sommermärchen» ist seit 20. Mai beim ZDF abrufbar. Am Samstag, 30. Mai, läuft ab zirka 20.30 Uhr die Doku-Serie.
29.05.2026 12:46 Uhr Kurz-URL: qmde.de/171925
Fabian Riedner

super
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Mission Sommermärchen FC Hollywood

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