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Sülters Sendepause: Im Sommerloch

Stellen Sie sich einmal vor, Sie besuchen das Onlinemagazin Ihres Vertrauens und die aktuelle Headline lautet: „Sorry, Leute. Heute ist wirklich gar nichts passiert.“ Undenkbar? Absolut! Die schreibende Zunft - uns eingeschlossen - würde eher den Klorollenkonsum der Redaktion vermelden, als gar nichts. Doch ist dieser Trend ein guter? Oder sollte man vielleicht auch mal Mut zur Lücke beweisen? Ich schaue mir das einmal an.

Ein Wunder! Schumacher kann wieder laufen!


Einmal im Jahr ist rein meteorologisch Sommer in Deutschlands Redaktionen. Das heißt: Sommerlochzeit. Na gut, Politmagazine finden immer irgendetwas, was das Land oder die Bürger bewegt. Auch Lifestylemagazine für die Dame von Welt tun sich selten schwer - Abnehmen, Nageldesign oder Kuren gegen Stressfältchen sind schließlich keine jahreszeitabhängige Erscheinung. Bei den Sportredaktionen kann man gepflegt Rückschau oder Ausblick halten sowie auch mal andere Sportarten in den Mittelpunkt stellen, die sonst hinter König Fußball nur eine kleine Fidel spielen. Einzig die bunten Illustrierten für die Generation Ü60 oder den Grabbeltisch beim Arzt leiden zu dieser Zeit besonders bitter. Sicher wird sich zwar immer ein F- bis X-Promi finden, der in irgendein Fettnäpfchen tritt oder pleite geht - um den ganz großen Absatz zu generieren, taugen jedoch in der Regel nur die wirklichen Aufreger und Namen, die jeder kennt.

Und bleiben News aus diesem Bereich dann aus, sind sich viele Kollegen eben nicht zu schade, die Wahrheit ein wenig zu beugen oder selber zu gestalten. Hier werden dann gerne Verstorbene, die sich nicht mehr wehren können („Gunter Gabriels Kioskbetreiber verrät: So viel Alkohol trank er zuletzt wirklich!“) oder Lebendige, deren Schicksal für die Öffentlichkeit bewusst ein Mysterium ist („Michael Schumacher im Garten gesehen! Er kann wieder laufen!“) durch den Newswahnsinn gezogen - natürlich ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten und seelische Verletzungen der Angehörigen. Die Gegendarstellung („Wir haben Michael Schumacher mit dem Gärtner verwechselt. Das tut uns leid.“ beziehungsweise „Gunter Gabriel hat nur einen Piccolo-Sekt zum Hochzeitstag seines besten Freundes gekauft. Sorry, da haben wir uns wohl geirrt.“) kann man dann ja Wochen später immer noch auf Seite 34 unten links abdrucken.

Trendhopper: Unsere tägliche News gib uns heute


Ein anderes Phänomen ist das Festkrallen an irgendeinem beliebigen heißen Scheiss, der zumindest für eine gewisse Zeit Klicks und Leser garantiert. Dieser wird dann gerne in täglichen News ausgeschlachtet, wenn dabei der Informationsgehalt auch oft auf der Strecke bleibt. Solange es eine Zielgruppe gibt, die einfach nicht anders kann, als den begehrten Klick zu leisten, wird hier geschrieben und geschrieben, als wenn es kein Morgen gäbe.

Sei es die neue Serie, der neue Film, das Comic oder die Tour eines Music-Acts, irgendein Youtube-Star, der für eine Weile die Massen an sich bindet oder ein sonstiges Internet- oder Weltphänomen, über das jeder spricht: Hier kann Kasse gemacht werden.

TV für die Nische: Von N24 über SSNHD zu DasNeueBlattTV?


Auch Phänomene wie die Sender, die sich explizit nur mit einem Thema auseinandersetzen, sind im Kommen. Dass man im Bereich Politik mit Anbietern wie N24 ein seriöses Zuhause für weltbewegende Themen schafft, ist dabei sogar noch absolut nachvollziehbar. Mit SSNHD jedoch begann bereits ein wenig, die Beliebigkeit Einzug zu halten. Ein Sender, der den ganzen Tag Sportnews in Dauerschleife verkündet, wird immer wieder in die Falle tappen, Nicht-News als Sensation darzustellen („Noch ist Ancelotti NICHT am Vereinsgelände, obwohl in drei Minuten die Pressekonferenz beginnt. Laut unserem Aufklärungshubschrauber ist der Verkehr jedoch nicht so stark, dass er sich verspäten müsste. Wir bleiben mit zwölf Reportern vor Ort. Nach der Werbung wissen wir mehr.“).

Dennoch: Es gibt den Bedarf und gerade die genannten Kollegen machen für Interessierte der angesprochenen Themen einen tollen Job. Hier ist eher der Blick in die potentielle Weiterführung des Gedankens besorgniserregend. Sobald man nämlich dazu übergeht, mit DasNeueBlattTV das ohnehin niedrige Niveau des Printmagazins noch 24/7 ins Fernsehen zu holen, sollte irgendwer die rote Kelle schwingen.

Conclusio


Steckbrief

Björn Sülter ist bei Quotenmeter seit 2015 zuständig für Rezensionen, Interviews & Schwerpunkte. Zudem lieferte er die Kolumne Sülters Sendepause und schrieb für Die Experten und Der Sportcheck.
Der Autor, Journalist, Podcaster, Moderator und Hörbuchsprecher ist Fachmann in Sachen Star Trek und schreibt seit 25 Jahren über das langlebige Franchise. Für sein Buch Es lebe Star Trek gewann er 2019 den Deutschen Phantastik Preis.
Er ist Headwriter & Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, der GEEK! und dem FedCon Insider und Chefredakteur des Printmagazins TV-Klassiker und des Corona Magazine.
Seine Homepage erreicht ihr hier, seine Veröffentlichungen als Autor auf seiner Autorenseite.
Gerade in Zeiten des Internets kann es für viele Menschen weltweit gar nicht genug News geben. Am Besten mögen die verschiedenen Seiten auch weiterhin und immer konsequenter jeden Winkel des bekannten Universums beleuchten und vermelden. Dass man dabei oft den in China umgefallenen Sack Reis in einer Breaking News zu etwas unmenschlich Großem aufbauscht, liegt in der Natur der Sache. Hier muss der Leser schlicht filtern und die gefühlten 80 bis 90 Prozent an Ausschussware ausblenden, die eigentlich niemand braucht. Früher hat man einfach bis zum nächsten Morgen auf die Tageszeitung gewartet - und wenn zwischendurch etwas Relevantes passierte, die Abendnachrichten im Fernsehen verfolgt. Das mag total retro klingen, funktionierte aber auch. Ob das Internet allgemein sowie Twitter & Co letztlich mehr Segen als Fluch sind, wird noch lange ein Thema bleiben. Für mich wäre weniger jedoch eindeutig mehr - das lässt jedoch der Narzissmus der Menschen einfach nicht zu.

So denn: Bevor diese Kolumne noch zu Sülters Sommerloch wird, verabschiede ich mich lieber in Sülters Sommerpause. Wir sehen uns im September wieder.

Der Sülter hat für heute Sendepause, ihr aber bitte nicht – Wie sind eure Erfahrungen? Denkt darüber nach und sprecht mit anderen drüber. Gerne auch in den Kommentaren zu dieser Kolumne. Ich freue mich drauf.

«Sülters Sendepause» kehrt im September zurück.

Die Kolumne «Sülters Sendepause» erscheint in der Regel alle 14 Tage Samstags bei Quotenmeter.de und behandelt einen bunten Themenmix aus TV, Film & Medienlandschaft.

Für Anmerkungen, Themenwünsche oder -vorschläge benutzt bitte die Kommentarfunktion (siehe unten) oder wendet euch direkt per Email an bjoern.suelter@quotenmeter.de.
15.07.2017 10:40 Uhr Kurz-URL: qmde.de/94365
Björn Sülter

super
schade

91 %
9 %

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Tags

Sülters Sendepause

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