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«The Grand Tour»: Drei Oldtimer auf Männertrip

Amazons teuerste Eigenproduktion hält sich in all seiner hochbudgetierten Dekadenz an die Qualitäten des BBC-Vorbilds. Ein Pilot, der «Top Gear»-Fans erleichtern wird.

London. Ein großgewachsener Mann mittleren Alters stapft durch den englischen Regen und steigt in ein Taxi. Zum Flughafen, nach Los Angeles soll es gehen. Er verzieht keine Miene. In den USA angekommen geht er zielsicher am Stand für die Autovermietung vorbei, hinein in eine Tiefgarage. Druck auf den Autoschlüssel, ein blau-weißer Mustang blinkt auf. Seine Miene erhellt sich. Er rast über die breiten Straßen Kaliforniens. Als sich ihm zwei weitere Flitzer anschließen, darin gute Freunde, kommt fast Romantik auf. Sie steuern in die kalifornische Wüste. Hinter ihnen wird eine monumentale Autokolonne sichtbar – «Mad Max»-Style, dazu laufen die Hothouse Flowers mit „I Can See Clearly Now“. Eine riesige Party für Auto-Narren nimmt in der Wüste ihren Lauf… Doch fangen wir von vorne an:

Fakten zu «Top Gear»

  • Entstehungsland: Vereinigtes Königreich
  • Konzept seit: 1977
  • Neu aufgelegt: 2002
  • Episoden: 184 in 23 Staffeln (inklusive 11 Specials)
  • Produktionsunternehmen: BBC
  • Laufzeit: 50-65 Minuten
  • Ausstrahlungsturnus: wöchentlich
  • Aktuelle Hosts: Matt LeBlanc, Rory Reid, Sabine Schmitz, Chris Harris & Eddie Jordan (alle seit 2016)
  • Regie: Mark McQueen (seit 2016)
  • Executive Producer: Clare Pizey (ab 2017)
«Top Gear» – ein Automagazin, in Deutschland mittlerweile über eine nicht zu unterschätzende Fangemeinde verfügt. Der Einfluss, den das Format lange Zeit in Großbritannien innehatte, liegt hierzulande jedoch außerhalb der Vorstellungskraft vieler Zuschauer. Stand 2016 umfasst die BBC-Produktion 23 Staffeln mit durchschnittlich bis zu sieben Millionen Zuschauern pro Folge. Eine beachtliche Zahl. In bloßen Quoten lässt sich die Bedeutung von «Top Gear» im Vereinigten Königreich jedoch nicht messen. Mit seiner humorvollen und oftmals kontroversen Art entwickelte sich «Top Gear» zu einem der definierenden Formate in der britischen Popkultur. Der Hype um das Automagazin ging so weit, dass die Warteliste für Live-Aufzeichnungen des Formats im Jahr 2008 einst 300.000 Namen umfasste. In aller Munde ist dieser Tage jedoch das Automagazin «The Grand Tour», während die Marke «Top Gear» am Boden liegt. Was war geschehen?

Über der Neuauflage des 1977 zunächst als monatlich laufende Serie gestarteten Formats, die ab 2002 ungeahnte Sphären der Popularität erreichte, schwebt ein dunkler Schatten, der sich im März 2015 über «Top Gear» auftat und Beleg für den vielleicht wichtigsten Erfolgsfaktor der Sendung ist. Das Magazin lockt sicherlich einfach viele Autofans an, auch der grandiose Schnitt und die allgemein großartigen Schauwerte von «Top Gear» lassen es in der Fernsehlandschaft herausstechen – wesentlich für den Erfolg der Sendung ist jedoch ein Mann und sein Team: Jeremy Clarkson und seine Co-Moderatoren Richard Hammond und James May.

Von «Top Gear» zu „Flop Gear“


Clarkson schrieb das angesprochene dunkle Kapitel, welches Zeugnis dafür ist, dass die unverwechselbaren und polarisierenden Charaktere, die durch dieses Format führten, überhaupt erst für eine derart hohe Strahlkraft der Sendung sorgten. Anfang März des vergangenen Jahres teilte die BBC mit, Moderator Jeremy Clarkson sei nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit Produzent Oisin Tymon suspendiert worden. BBC-Direktor Tony Hall sprach von einer Grenzüberschreitung und einer schweren Entscheidung. Dies zu glauben fällt nicht schwer, ebenso wenig wie die Vorstellung, dass das häufig verbal ausfällige und aufbrausende Alphatier Clarkson sich zu einem Handgemenge hinreißen ließ.

So trennte sich die BBC von Clarkson, Enfant Terrible der britischen Medienlandschaft und personifizierter Mittelfinger, zu dem jeder jenseits der Nordsee eine Meinung zu haben schien. Auch die Wegbegleiter Hammond und May gingen mit ihm, wonach die BBC auf schmerzhafte Weise erfahren musste, dass der Erfolg «Top Gears» maßgeblich von der Präsenz des Trios abhing. Mit neuen Moderatoren bestritt «Top Gear» ab dem 29. Mai 2016 seine 23. Staffel. Prompt fiel der Zuschauerschnitt von zuvor 6,49 Millionen Zuschauern auf 3,89 Millionen. In den sozialen Medien nahm ein wahrer Shitstorm seinen Lauf, der sich vor allem über Moderator Chris Evans ergoss. Schnell hatte das Magazin einen neuen Namen weg: „Flop Gear“.

Beim Misserfolg der neuen Staffel hatten auch Clarkson und Co. ihre Finger im Spiel. Wohl ganz bewusst kurz vor Beginn der 23. Runde «Top Gear» gab das Trio den Namen der von Fans sehnlichst erwarteten «Top Gear»-Alternative bekannt: «The Grand Tour», das sich Amazon 160 Millionen Pfund kosten ließ, sollte beim Streaming-Dienst des Mega-Unternehmens neue Maßstäbe setzen. Am 18. November hatte das Warten ein Ende und Amazon machte die erste Folge von «The Grand Tour» für seine Abonnenten zugänglich. Die drei angekündigten Staffeln von «The Grand Tour» stellen die bislang größte Investition Amazons in eine Originalsendung dar. Als „sehr, sehr, sehr teuer“ beschrieb Amazon-CEO Jeff Bezos dementsprechend den Deal zum Erwerb des Formats, das im Rahmen der zwölf Folgen in Staffel eins sein Zelt in jeder Episode an einer neuen Location aufschlagen wird.

Höher, weiter und vor allem schneller


Fakten zu «The Grand Tour»

  • Entstehungsland: Vereinigtes Königreich
  • Konzept seit: 2016
  • Produktionsunternehmen: W. Chump and Sons & Amazon Studios
  • Laufzeit: 60-70 Minuten
  • Hosts: Jeremy Clarkson, Richard Hammond & James May
  • Regie: Phil Chuchward
  • Kamera: Ben Joiner
  • Executive Producer: Andy Wilman
  • Distributor: Amazon.com
Den Versuch des Beweises, dass die liebenswerten Großmäuler Clarkson, Hammond und May etwas Größeres geschaffen hatten, als es «Top Gear» jemals war, trat das Trio zum Staffelauftakt in Los Angeles, Kalifornien an. Während bei der BBC pro Folge eine Million Pfund zur Verfügung standen, kostete allein die Eröffnungssequenz der ersten «Grand Tour»-Staffel 2,5 Millionen Pfund. An der anfangs beschriebenen Sequenz und der darauffolgenden Moderation des Trios auf einer Bühne vor Hunderten von Leute, lässt sich gut ablesen, was Zuschauer im Rahmen der drei angekündigten Staffeln zu erwarten haben. Im Internet sei praktisch alles erlaubt, führt Clarkson auf seine typische Art ein, nur um den ersten ordinären Satz folgen zu lassen: In einer Internetserie könne er sogar ein Pferd befriedigen, ohne gefeuert zu werden. Natürlich lassen es die drei Männer, die dort in der Wüste wie Rockstars gefeiert werden, nicht drauf ankommen: Die Erkenntnis, die sich nämlich über den restlichen Verlauf des Piloten manifestiert, antizipierten viele Fans schon im Voraus: «The Grand Tour» ähnelt «Top Gear» stark. Doch es ist höher, weiter – und vor allem schneller.

Bevor die Action losgeht, versuchen sich Clarkson, Hammond und May im eigens errichteten Studiozelt, zu dem auch in den weiteren Zwischenstopps der «Grand Tour» zurückgekehrt wird, an interkultureller Verständigung mit der heimischen Bevölkerung, denen sie zunächst einmal die „richtigen“ (britisch-englischen) Wörter für Autos und dessen Teile beibringen. Eine unterhaltsame Mischung aus Stand-Up und Moderation, die die einzelnen vorproduzierten Einspieler über die Episode hinweg unterbrechen. Während man in «Top Gear» noch auf Sofas Platz nahm und die Zuschauer standen, versammeln sich die Auto-Journalisten nun um einen Tisch vor dem sitzenden Publikum.

Im ersten Segment selbst, einem Rennen zwischen Clarkson, Hammond und May in einem McLaren P1, einem Porsche 918 und einem Ferrari „LaFerrari“, je mit Elektro-Motoren, fühlen sich «Top Gear»-Fans das erste Mal wieder richtig Zuhause: Großartige visuelle Schauwerte, bei Amazon mittlerweile in 4K Ultra HD, bringen die 900 PS auch auf den heimischen Bildschirm - mit den obligatorischen verbalen Scharmützel abseits des Parcours. Warum die erste Episode unter dem Los Angeles-Motto läuft und die Spritztour in Portugal findet, bleibt unterdessen unklar aber sekundär.

Die Stärken liegen auf der Strecke


Am Ende wird der Dreikampf ein weiteres Mal aufgegriffen, wenn endgültig entschieden werden soll, welches der Autos, auf die die drei Autonarren gesetzt haben, tatsächlich das schnellste ist. Die Einspieler, die der Episode den Rahmen verleihen, sind als Statement zu verstehen, dass man es bei «The Grand Tour» nicht nur mit drei Schabernack treibenden Männern zu tun hat, sondern mit einem ernstzunehmenden Automagazin. Dazwischen untermauern ein paar Testläufe mit verschiedenen Boliden auf einer Strecke in Form des Ebola-Virus diesen Aspekt. Der Parcours mit mehreren 90 Grad-Kurven ist wieder nicht in Kalifornien vorzufinden, sondern im grauen England. Dafür ist der Fahrer Amerikaner, der in Voice-Overs mehrere Male Opfer von Clarksons Spott wird.

Bei all den Parallelen zu «Top Gear», mit „Conversation Street“ findet sich in «The Grand Tour» auch eine neue Talk-Rubrik mit bewusst trashigem Jazz-Intro wieder, das in jeder Episode über die nächsten drei Jahre enthalten sein soll und zunächst dafür verwendet wird, um James Mays jüngsten Strafzettel zu besprechen. Kein großer Mehrwert, genauso wenig wie ein weiteres Segment namens „Celebrity Brain Crash“, in dem eigentlich Promis gastieren sollen, die aber auf dem Weg ins Zelt alle sterben: Hollywood-Star Jeremy Renner, der einen spektakulären Auftritt im Fallschirm machen will, aber aus 3000 Metern Höhe in den Wüstensand kracht, Schauspieler-Kollege Armie Hammer, der in der Wüste von einer Schlange zu Tode gebissen wird und die britische Moderatorin Carol Vorderman, die schlicht tot im Studio aufgefunden wird. Während das erste prominente Opfer noch einen Lacher zu Tage fördert, wirkt der Teil spätestens ab der über die Landesgrenzen unbekannten Moderatorin in die Länge gezogen.

Fazit: «Top Gear»-Fans dürfen aufatmen. Mit «The Grand Tour» findet sich vom Look and Feel viel vom BBC-Format wieder, aufgrund des riesigen Budgets wirkt vieles dazu noch spektakulärer und epischer. Letztlich wird auch in der neuen Amazon-Eigenproduktion klar, was die BBC in der 23. Staffel «Top Gear» auf die harte Tour erfahren musste: Der unverwechselbare Charakter der Sendung entsteht durch das Personal. Egal was man vom polarisierenden Trio hält: Clarkson, Hammond und May sind tatsächlich eine Kombination, die brillante Unterhaltung schafft. Es gibt jedoch auch eine Menge neuer Ideen, zum Teil wohl einfach aus dem Grund, dass die britische Fernsehanstalt geklagt hätte, wenn man sich «Top Gear» zu sehr zum Vorbild genommen hätte. Die Neuerungen finden sich vor allem in den Studio-Zeiten wieder, die jedoch im Vergleich zu den Einspielern bislang weniger gut funktionieren. Ein Zusammenschnitt der kommenden Episoden wirkte jedoch vielversprechend: Autos, Stunts, Explosionen und drei Männer, die an exotischen Orten ihr inneres Kind herauslassen. Das war «Top Gear» und das ist auch «The Grand Tour».
18.11.2016 10:46 Uhr Kurz-URL: qmde.de/89441
Timo Nöthling

super
schade

99 %
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Tags

Grand Tour Mad Max The Grand Tour Top Gear Top Gears

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Quotermain
18.11.2016 20:36 Uhr 1
Qualität dieser Sendung mal beiseite.



Der Hauptmoderator würde doch in D keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen.

Zitat Jeremy aus einer Folge: "Das ist ein stolzer Moment, steht aber leider ein Schlitzauge drauf", Burma Special.

Dazu Alkohol am Steuer und zuletzt angetrunken (?) den Producer/Regisseur verprügeln weil das Essen kalt ist...nee das geht nicht,

Kollege May hat vergangenes Jahr gesagt (Gedankenzitat): Ich war so betrunken, habe gar keine Erinnerung was die beiden gemacht haben.



Irgendwann ist Schluss bei mir, obwohl ich TopGear sehr(!) mochte.

Jetzt noch der Internetwitz über Sodomie/Pferdef*cken, als wenn seine Körperverletzung eine Bagatelle war, die im "Netz" niemanden interessieren würde...

Naja Prime bald bei 70 Euro pro Jahr...ne danke.
Qugart
21.11.2016 07:49 Uhr 2
Vielleicht solltest du mal versuchen, die Show im Original zu sehen.

Deine Zitate sind nämlich alle falsch.

In Burma ging es um ein "slope". Und das bedeutet als erstes einfach nur eine Schräge.



Und "to pleasure a horse" hat nichts mit "Sodomie/Pferdef*cken" zu tun.



Mays Äußerung er wäre "blind drunk" gewesen, hat ebenfalls nichts damit zu tun, dass er sturzbesoffen gewesen wäre.
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