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Die Kritiker: «Wer Wind sät»

Der jüngste «Taunuskrimi» ist derart missraten, dass beim Zusehen die Vermutung aufkommt, die Urheber seien von Kinobetreibern bestochen worden, das Fernsehen zu ruinieren.

Cast & Crew

  • Drehbuch: Anna Tebbe
  • Regie: Marcus O. Rosenmüller
  • Idee: Nele Neuhaus (Romanvorlage)
  • Kamera: Thomas Erhart
  • Szenenbild: Benedikt Herré
  • Musik: Dominik Giesrieg
  • Besetzung: Tim Bergmann, Felicitas Woll, Kai Scheve, Michael Schenk, Nadeshda Brennicke, Ulrike Tscharre, Aleksandar Tesla u. a.
Wenn Zweijährige ihre Buntstifte quälen, um windschiefe Häuserlandschaften und abstrakte Naturgebilde auf Papier zu bannen, wird das vom familiären Umfeld der Kinder in der Regel mit Wohlgefallen aufgenommen. Ähnliches gilt für Theateraufführungen von Grundschulklassen, die aus jeder Pore vor Nervosität nur so triefen und in der Qualität ihrer Ausführung nur noch von Primark-T-Shirts unterboten werden. Das alles hat natürlich seinen Platz in unserer Gesellschaft verdient – wobei gleichsam niemand auf die Idee käme, eben jenen an Schauspiel- und Kunsthochschulen zu verorten. Umso mehr verwundert es, dass der jüngste «Taunuskrimi», namentlich «Wer Wind sät», nicht etwa auf der verstaubten Bühne einer ländlichen Bildungseinrichtung, sondern am Montag im ZDF seine Premiere feiert – und das zur besten Sendezeit.

Dann werden die Fernsehenden Zeuge einer Auseinandersetzung um die Errichtung eines lukrativen Windparks, bei dem auf der einen Seite die potentielle Betreiberfirma, auf der anderen eine Initiative von betroffenen Dorfbewohnern steht. Zu allem Unglück herrscht unter letzteren auch intern Streit, an dessen aggressiver Spitze der wundersame Rabenfreund Ludwig Hirtreiter steht, dem das Stück Land gehört, auf das es der Energiekonzern abgesehen hat. Die Situation verschärft sich noch, als im Gebäude der „WindPro“ die Leiche des Nachtwächters gefunden wird, der offenbar keines natürlichen Todes starb. Kurz darauf beschäftigt ein weiterer Toter die Ermittler Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein: Der widerspenstige Hirtreiter wurde brutal niedergeschossen. Mit Eröffnung des Testaments nimmt der achterbahnartige Fall noch eine weitere Wendung, als zu Tage kommt, dass auch von Bodenstein selbst in den Skandal verwickelt sein könnte.

Das klingt nicht nur nach einem der schlechteren Fälle von TKKG, sondern stellt sich in seiner Umsetzung auch genauso dar. Einen erkenntnisreichen Einblick in die Cineastik der folgenden neunzig Minuten bietet bereits die Eröffnungsszene, die ganz den Eindruck erweckt, als hätten sich Tim Burton und Uwe Boll zusammengetan, um Otfried Preußlers „Krabat“ neu zu verfilmen – mit dem Anspruch, alle vorangegangenen Produktionen durch eigenes Versagen aufzuwerten. Während Bernd Stegemann als verrückter Bauer Hirtreiter durchaus überzeugen kann, gelingt es seiner Filmtochter einfach nicht, der billigen Szenerie aus dem Halloween-Schlussverkauf, die zudem unter schwachen Dialogen und der äußerst unglaubwürdigen Grundidee vom schwarzen Freund aus Amerika leidet, ansprechende zwei Minuten abzuringen. Der zu vermutende Wunsch der Macher, dem Film zum Auftakt psychologische Tiefe zu verleihen, scheitert grandios und wirkt überaus lächerlich, weil die Verantwortlichen die Szene in jeder Hinsicht überzeichnen.

Tatsächlich ist der Einstieg weniger schwach, als eine mentale Vorbereitungen auf das, was noch folgt. Selbstredend ist nicht jede einzelne Szene des Films so misslungen wie die ersten Minuten, die offensichtliche Schwäche der falschen Balance zwischen Realität und Fiktion zieht sich jedoch durch die ganzen eineinhalb Stunden. Das wird in weiteren Ausschnitten deutlich, wie einer eskalierenden Versammlung der Bürgerinitiative, aber auch in störenden Details, wie dem absurden Einsatz von Dialekt, der im Taunus scheinbar ausschließlich an Stammtischen gesprochen werden darf. Auch die musikalische Untermalung dramatischer Szenen geht viel zu weit und wäre ausreichend, den Untergang der Titanic zu begleiten – und fünf ihrer Schwesterschiffe. Man merkt überdeutlich, dass die Macher des Films mit aller Kraft versuchen, dem festgefahrenen Genre des Krimis neues Lebens einzuhauchen, ohne ein echtes Gesamtkonzept zu besitzen. Stattdessen werden einzelne Aspekte ins scheinbar Unendliche überhöht, wie die penetrante Zurschaustellung von Erotik, die die Erzählung in etwa so sinnvoll unterstützt, wie ein Teelöffel die moderne Raumfahrt. So schafft es «Wer Wind sät», die Langeweile eines 0815-Krimis mit „innovativen“ Abgründen noch zu unterbieten – ganz als ob Roald Dahls „Great Automatic Grammatizator“ nach der Produktion eines bunten Potpourri an literarischen Gattungen auf Detektivgeschickten eingestellt worden wäre, ohne die Maschine davor noch einmal richtig durchzufegen.

Während andere Krimis inhaltliche Mängel durch interessante Ermittler zumindest teilweise ausbügeln können, lässt sich nach Betrachten von neunzig Minuten polizeilicher Arbeit durch das Duo Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein schwerlich ein charakterliches Merkmal der beiden benennen – außer „hübsch“ und „einfältig“, was auf beide zutrifft, aber sicherlich nicht die Hauptrollen einer Primetimeproduktion ausfüllt. Die eigentliche Dramatik dieser Schwäche ist in dem Umstand auszumachen, dass es sich bereits um den fünften Film der Reihe handelt – eigentlich Zeit genug, etwas Persönlichkeit zu entwickeln. Zumal die bisherigen Ausstrahlungen mit jeweils über sechs Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von rund zwanzig Prozent glänzen konnten und den Produzenten damit eigentlich das nötige Selbstbewusstsein geben sollten, ihren Figuren mehr Tiefe zu geben, als einem Teletubbie.

Das Finale des Films erscheint so durchdacht, wie sein Auftakt, wenn eine dramatische Geiselnahme auf einem kilometerweit einsehbaren Turm, der keinerlei Möglichkeit bietet, sich in irgendeiner Form zu verschanzen, die Spezialeinheiten der Polizei vor scheinbar unüberwindbare Probleme stellt. Spätestens wenn nach gefühlten Stunden des Wartens der Hinweis gegeben wird, die vorhandenen Scharfschützen müssten erst noch in Position gehen, fragt sich der gemeine Zuschauer, ob im Taunus wohl die Polizei oder die Kriminellen an größerer Unfähigkeit leiden. Alles in allem kann ausschließlich jenen das Zusehen empfohlen werden, die noch nach Gründen suchen, ihren Fernseher aus dem Wohnzimmer zu verbannen.

Das ZDF zeigt den jüngsten Streifen aus der Reihe der «Taunuskrimis» am Montag, den 4. Mai, ab 20.15 Uhr.
03.05.2015 20:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/77974
Kevin Kyburz

super
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69 %
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Taunuskrimi Taunuskrimis Wer Wind sät

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