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Popcorn und Rollenwechsel: Marvels mörderische Möglichkeiten

Unser Kolumnist bemerkt in den vergangenen Marvel-Kinofilmen ein viel versprechendes gemeinsames Element.

Dieser Beitrag enthält Spoiler für «Iron Man 3», «Thor – The Dark Kingdom» und «The Return of the First Avenger»!

Den Marvel Studios gelang in den vergangenen Jahren mehr als nur die Etablierung eines immens einträglichen Kino-Franchses. Das „Marvel Cinematic Universe“ machte Superheldenfilme nicht nur attraktiver denn je (zwei der bis dato erfolgreichsten Kinoproduktionen weltweit zählen zur auch von Kritikern geachteten Reihe), sondern auch comichafter denn je. Nicht unbedingt was ihren Look angeht, wohl aber, was die Erzählweise anbelangt. Fortsetzungen gibt es schon seit jeher in Lichtspielhäusern zu bestaunen, die innovative Leistung der Marvel-Eigenproduktionen ist aber, dass sich mehrere heldengesteuerte Kinoreihen ein Universum teilen – und Ereignisse aus dem Film eines Helden Einfluss auf Storys mit einem anderen Protagonisten haben. Ganz davon zu schweigen, dass es regelmäßig zu einem Stelldichein zwischen den verschiedenen Superhelden kommt. So etwas gab es zuvor in dieser Form nicht im Kino zu sehen – wohl aber in den bunten Comicheften zu lesen.

Neun Filme aus dem «Avengers»-Universum brachte Marvel mittlerweile heraus, eine weiterer startet noch dieses Jahr, ehe der Comicgigant 2015 mit «Avengers: Age of Ultron» die zweite Phase seines Franchises schließt und in den dritten von möglicherweise unzähligen Akten überleitet. „Phase One“ war noch überdeutlich markiert: Die Filme «Iron Man», «Der unglaubliche Hulk», «Iron Man 2», «Thor» und «Captain America – The First Avenger» etablierten das Konzept eines gemeinschaftlichen Filmuniversums und führten die Avengers sowie ihre Widersacher ein, ehe «Marvel's The Avengers» das große Finale dieses ersten Schubs an launigen Heldengeschichten markierte. Was aber ist das Ziel der zweiten Phase, die mit «Iron Man 3» begann und 2015 im heiß herbeigesehnten Spektakel «Avengers: Age of Ultron» ihren Höhepunkt erreichen wird?

Auch wenn es auf dem ersten Blick nicht so scheint, steckt hinter „Phase Two“ mehr, als nur die Hinleitung zum nächsten «Avengers»-Film. Und auch die in den vergangenen drei Marvel-Werken angerissenen Nachwirkungen der Geschehnisse im 2012 veröffentlichten Helden-Crossover stellen nur ein untergeordnetes, wenngleich nicht unbedeutendes Element dar. Vor allem zeigen die ersten drei Filme der zweiten Marvel-Phase behutsam auf, dass in diesem Kinouniversum Identitäten und somit unsere Helden zu einem gewissen Grad austauschbar sind.

In «Iron Man 3» verbringt Tony Stark beachtenswert viel Zeit außerhalb seiner Rüstung und lässt sich zum Schluss sogar seinen Brustreaktor entfernen, währenddessen sind diverse Iron-Man-Anzüge vorübergehend alleine unterwegs. Außerdem versteckt sich hinter dem diabolischen Mandarin jemand völlig anderes, als die Comics mutmaßen lassen. Loki verwandelt sich in «Thor – The Dark Kingdom» sowohl in Captain America und Odin. Und in «The Return of the First Avenger» schlussendlich hat es Supersoldat Steve Rogers mit einem Auftragskiller zu tun, der sich als sein früherer Kompagnon Bucky herausstellt. Zudem wird aufgedeckt, dass die zuvor als heldenhaft gezeichnete Geheimorganisation S.H.I.E.L.D. bereits in ihren Gründungsjahren von der schurkischen Nazi-Splittergruppe HYDRA unterwandert wurde.

Allmählich gewöhnt Marvel sein Publikum daran, dass nicht alles so zu sein hat, wie es oberflächlich auch sein sollte. Hinter dem Iron-Man-Anzug steckt nicht unbedingt Tony Stark – dieser kann aber auch super sein, ohne sich hinter einer fliegenden Rüstung zu verstecken. Was in «Iron Man 3» noch teils der Charakterzeichnung dient, teils den spaßigen Actionsequenzen, dürfte künftig von größerer Bedeutung sein.

Denn in den Comics stecken hinter den großen, bekannten Namen Iron Man, Captain America und Co. nicht durchgehend die Figuren, die diese Superhelden groß gemacht haben. Das ursprüngliche Alter Ego eines Heldensymbols kann in den Sprechblasengeschichten in Rente gehen oder sogar sterben, woraufhin andere Charaktere in deren Fußstapfen treten. Eines der berühmtesten Beispiele der jüngeren Comichistorie: Bucky Barnes alias Winter Soldier kehrt auf die Seite des Guten zurück und beerbt seinen Kameraden Steve Rogers in der Rolle des Captain America.

Und auf solche Wechselspielchen arbeitet Marvel langsam hin. Bestes Indiz: Winter-Soldier-Darsteller Sebastian Stan hat eigenen Angaben nach für neun Marvel-Filme unterschrieben. Nachdem sich die Identitätsspielchen bislang auf ein bodenständiges Maß beliefen, wäre es im besten Marvel-Stil nur sinnig, dies in den kommenden Filmen weiter zu verfolgen und Stan die Reise durchmachen zu lassen, die Bucky in den Comics erlebte. Zumal die Marvel-Kinoreihe dadurch vermeiden könnte, sich tot zu laufen: Man stelle sich bloß vor, dass in einem der kommenden Kinofilme Steve Rogers stirbt und Bucky seinen Posten einnimmt. Oder dass Tony Stark so schwer verletzt wird, dass er unmöglich weiterhin den Iron Man geben könnte, weshalb er bloß noch als technischer Berater bei den Avengers mitmischt – unter der Bedingung, dass sein Freund Rhodey unter dem Decknamen Iron Man für Gerechtigkeit kämpft. Das Marvel Cinematic Universe würde durch solche Konsequenzen enorm an dramatischer Fallhöhe gewinnen – und die «Avengers»-Untermarken könnten dank neuer Protagonisten stilistisch neu starten, ohne gleich ein komplettes Reboot durchlaufen zu müssen. Buckys Captain America könnte also noch immer mit Chris Hemsworths Thor an einer Seite kämpfen und Robert Downey junior wäre weiterhin da, um «Iron Man 4» oder «Iron Man 5» mit seinem Esprit aufzupeppen.

Kurzum: Während Batman im Kino alle paar Jahre mit einem neuen Hauptdarsteller, einem neuen Tonfall und neuen Grundregeln aus der Taufe gehoben wird, könnte Marvel an einigen Stellschrauben drehen und dennoch Kontinuität zu vorhergegangenen Filmen bewahren. Es wäre eine Weiterentwicklung des James-Bond-Konzepts wechselnder Hauptdarsteller, da bei der Marvel-Methode eine größere Kohärenz gegeben wäre. Und natürlich würde es die Erzählweise der Comics auf die Leinwand übertragen wie nie zuvor – womit Marvel das Superhelden-Filmgenre einmal mehr neu erfinden würde.

Bleibt zu hoffen, dass Marvel mutig genug ist, den angedeuteten Weg tatsächlich filmisch zu beschreiten.
14.04.2014 11:00 Uhr Kurz-URL: qmde.de/70135
Sidney Schering

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