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Kerner und der Audience Flow

Vor «Kerner» laufen allerhand erfolgreiche Filme. Doch wer bleibt danach eigentlich noch dran?

Statistisch gesehen zappen gut 50 Prozent der Deutschen gerne wahllos durch's Programm bis sie irgendwo etwas interessantes finden. Und wenn die Fernbedienung beim Griff in die Chipstüte außer Reichweite rutscht, bleibt es auch gerne den ganzen Abend bei diesem Sender.

Sat.1 hat derzeit ein Problem. Okay, Sat.1 hat natürlich nicht nur ein Problem, sondern jede Menge. Das ist keine große Neuigkeit und das worauf ich hinaus will, steht auch nicht erst seit gestern im Raum: «Kerner» läuft schlecht. Mal sehen ein paar mehr, mal ein paar weniger Zuschauer zu, aber auf einen grünen Zweig ist die Sendung auch seit ihrer Verlegung auf den Donnerstag, wo sie nun eine Zweckgemeinschaft mit einer bunten Mischung aus deutschen und amerikanischen Spielfilmen, Dramen und vorwiegend Komödien pflegt, nie gekommen. Und das ist das eigentliche Problem an der ganzen Geschichte: Das Vorprogramm läuft in der Regel hervorragend, nur nimmt «Kerner» davon fast keine Zuschauer mit. Seit Jahresbeginn kamen die donnerstäglichen Spielfilme immer auf über 12 Prozent in der Zielgruppe - «Kerner» blieb mit Ausnahme der dieswöchigen Sendung immer einstellig, in jeder einzelnen Woche. Trotz zweistelliger Werte verlor er aber wieder massiv an Marktanteilen.

Wie ist das hier eigentlich mit den mystischen Begriffen „Lead-In“ und „Audience Flow“? Klar ist zunächst: Von den Zuschauern des Vorprogramms bleiben meist nicht mehr viele übrig. Die Sendungen der vergangenen zwei Monate verloren im Schnitt 64 Prozent der jungen Zuschauer, die den Film davor sahen. Gut, «Kerner» läuft natürlich auch deutlich später, aber bei den Quoten sieht es nicht viel besser aus, denn die fielen im Schnitt um 42 Prozent. Ist bei «Kerner» also überhaupt kein sogenannter Audience Flow vorhanden und schalten die Filmfans kollektiv den Fernseher aus, wenn die Eröffnungsmusik des Magazins erklingt, sodass nur jene dran bleiben, die es sich ohnehin anschauen wollten? Ist jeder Quotenpusher in Form von Blockbustern vergebens? Ein Blick auf die Gegenüberstellung der Quoten scheint zunächst erleichternd. Mit den Quoten der Filme steigt auch die Quote von «Kerner»:



Leider sollte man sich davon nicht allzu sehr blenden lassen, denn nicht nur trägt das Lead-In im Schnitt nicht einmal 12 Prozent seiner Zuschauer zum (nicht vorhandenen) Erfolg des Magazins bei, der Einfluss ist überdies statistisch nicht einmal signifikant. Soll heißen: Greift man hundert mal zwei beliebige Sendungen aus den Programmplänen, die rein gar nichts miteinander zu tun haben, zum Beispiel den sonntäglichen «Bibelclip» auf RTL und die «Oliver Pocher Show» auf Sat.1, dann erhält man im Schnitt in 42 Fällen einen genauso deutlichen oder sogar noch stärkeren Zusammenhang. Dass dieses Ergebnis nichts taugt, sieht man übrigens auch, wenn man aus den verwendeten Zahlen mal einzig den 17. Dezember ausradiert (da liefen «Die Chaoscamper» mehr schlecht als recht) und sich prompt der Zusammenhang zwischen Lead-In und «Kerner» ins Gegenteil verkehrt.

Kurzum: Nein, da ist kein Zusammenhang erkennbar. Es könnte vorher «Wetten, dass..?!» auf Sat.1 laufen und es würden nicht mehr Zuschauer. Eher weniger, da «Kerner» dank Überziehung spät in die Nacht verschoben würde. Eigentlich ein Armutszeugnis für ein aktuelles Magazin, das die Freiheit hätte, Themen aus dem Vorprogramm aufzugreifen und so Zuschauer zu halten – und sei der Zusammenhang noch so seltsam konstruiert. Wie oft hat ProSiebens «Galileo Mystery» schon pseudowissenschaftlich versucht aufzuklären, ob es tatsächlich mysteriöse Zukunftsvorhersagen in der Bibel, eine Verschwörung der Illuminaten oder außerirdisches Leben auf der Erde gibt und dabei jeweils das Thema aufgegriffen, das im Film direkt davor behandelt wurde?

Ist ja durchaus kein Mythos, dieser "Audience Flow" – dazu braucht man nur mal einen Blick auf «TV total» werfen. Das läuft seit Anfang des Jahres montags und dienstags wieder um 22.15 Uhr statt eine Stunde später. Ein Experiment mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Montags nach den Filmen der ProSieben-Thrilltime läuft es ziemlich schlecht, dienstags nach «Two and a Half Men» bestenfalls ordentlich, aber mit dem Start von «Unser Star für Oslo», nach dessen Ausgaben Raab Kandidaten und Juroren mit in seine Latenight-Show nimmt, gingen die Quoten sprunghaft um fünf Prozentpunkte nach oben. Und auch das Promimagazin «red!» läuft bekanntlich am besten mit «Popstars» oder «Germany's Next Topmodel» im Vorprogramm, dessen Inhalte sich nochmal recyclen lassen.

Mit welchen Themen «Kerner» nach Komödien wie «Santa Clause 3», «Klick» oder «Siegfried» aufmachen soll? Ratgeber zu den besten Weihnachtsgeschenken? Neue Fernbedienungen im Test? Der Verfall des deutschen Humors? Da ist man wohl selbst in der Redaktion überfragt. Denn flache Komödien ähnlichen Kalibers brachten vor rund einem Jahr mit «Klinik am Alex» bereits den vorerst letzten Versuch einer eigenen Sat.1-Serie zu Fall.

Bewiesen wäre auf jeden Fall, dass das Missgeschick mit der Chipstüte und der Fernbedienung wohl nicht allzu oft vorkommt. Oder die Kraft zum Angeln der Fernbedienung gerade noch ausreicht, um Kerner zu entkommen.

Oft steckt mehr hinter den Zahlen des TV-Geschäfts als man auf den ersten Blick sieht. Oder weniger. Statistisch gesehen nimmt sie unter die Lupe.
12.02.2010 10:40 Uhr Kurz-URL: qmde.de/40170
Stefan Tewes

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Kerner

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