Der neue Zürcher «Tatort» tritt mit dem hehren Anspruch an, Menschen mit Behinderung lebensnah in das Filmprojekt einzubeziehen. Was macht das mit der Geschichte?
Stab
Darsteller: Anna Pieri Zuercher, Carol Schuler, Rachel Braunschweig, Aaron Arens, Ronald Zehrfeld, Benjamin Raue
Musik: Fabian Römer
Kamera: Tobias Dengler
Drehbuch: Jürgen Werner
Regie: Christian TheedeEin Adler ist bekanntlich ein Symbol der Freiheit. Er kreist über den Dingen, unabhängig, ungebunden, unangreifbar. In einem Kriminalfilm über einen jungen Mann mit Downsyndrom, dessen Arbeitsplatz und vertraute Lebenswelt bedroht sind, bekommt dieses Bild einen durchaus interessanten Beiklang. Freiheit bedeutet schließlich nicht für alle Menschen dasselbe. Manchmal heißt sie schlicht, selbst darüber entscheiden zu dürfen, wo man arbeitet und mit wem man lebt. Der Zürcher «Tatort – Frei wie ein Adler» hätte aus dieser Überlegung ein ungewöhnliches Drama entwickeln können. Stattdessen benutzt er sie als Ausgangspunkt für einen Krimi, der ausgerechnet seinen interessantesten Menschen aus dem Blick verliert.
Die Geschichte ist schnell etabliert: Sophia Cancellara betreibt eine kleine Wäscherei, die sie aufgeben möchte. Ihr ehemaliger Mann, der frühere Rockerchef Simon Bärfuss, wird aus dem Gefängnis entlassen; Sophia will Zürich verlassen, bevor er zurückkehrt. Für Jacob Göldi, der in der Wäscherei arbeitet, bedeutet das mehr als den Verlust einer Beschäftigung. Der Ort ist sein zweites Zuhause. Er reagiert wütend auf die Aussicht, ihn zu verlieren.
Am nächsten Tag wird Sophia erschlagen aufgefunden. Die Kommissarinnen Isabelle Grandjean und Tessa Ott müssen nun zwischen naheliegenden Verdächtigen unterscheiden: dem bedrohlich wirkenden Exmann und dem jungen Mitarbeiter, dessen heftiger Streit mit dem Opfer plötzlich in einem anderen Licht erscheint.
Darin steckt zunächst eine kluge Zumutung. Wer Jacob allein aufgrund seiner Behinderung für ungefährlich erklärt, nimmt ihn ebenso wenig ernst wie jemand, der seine Wut reflexhaft für einen Hinweis auf Schuld hält. Ein inklusiver Krimi müsste beide Vereinfachungen vermeiden. «Frei wie ein Adler» beansprucht genau diese Offenheit, doch die dramaturgische Anordnung lässt Jacob vor allem als Problem erscheinen, das die Ermittlerinnen und das Publikum richtig einzuordnen haben. Seine Angst vor dem Verlust einer vertrauten Umgebung wird zur kriminalistischen Verdachtsmasse. Das ist nicht automatisch illegitim; nur müsste der Film anschließend umso genauer fragen, wie Jacob selbst die Welt wahrnimmt und welche Wünsche jenseits seiner Funktion im Mordfall existieren.
Dass Benjamin Raue als Jacob und weitere Darsteller des Zürcher Theaters Hora an dieser Produktion beteiligt waren, ist ein wichtiger Schritt zu einer selbstverständlicheren Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen im Fernsehen. Gerade deshalb wäre es wünschenswert, wenn der Film aus dieser Besetzung nicht so angestrengt eine besondere Bedeutung gewinnen wollte. Inklusion ist keine dramaturgische Sonderausstattung, sondern wird erst dann überzeugend, wenn Figuren nicht bloß stellvertretend für eine gesellschaftliche Haltung auftreten und vielmehr widersprüchlich, eigensinnig und gelegentlich ganz gewöhnlich sein dürfen.

Ronald Zehrfeld bringt als Simon Bärfuss derweil eine physische Präsenz mit, die das Misstrauen gegenüber seiner Figur plausibel macht. Doch der ehemalige Rockerboss ist ein so vertrautes Krimibild, dass sein Auftreten die Geschichte eher auf bekannte Schienen setzt, als sie für einen neuen Ansatz zu öffnen. Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler müssen als Grandjean und Ott derweil die verschiedenen Erzählstränge zusammenhalten: Ihre Ermittlungsarbeit wird dabei weniger durch präzise Beobachtung interessant als durch die Notwendigkeit, immer neue Verwicklungen abzuarbeiten.
Regisseur Christian Theede hätte gut daran getan, der kleineren Geschichte mehr zu vertrauen. Eine bedrohte Wäscherei, ein verstörtes soziales Gefüge, eine junge Frau, die ihre Mutter verloren hat, und ein Mann, dessen Wunsch nach Zugehörigkeit missverstanden werden kann: Das wäre mehr als genug gewesen. Die zusätzlichen Wendungen erzeugen Bewegung, aber nicht unbedingt Tiefe – und der Titel verspricht eine Freiheit, die das Drehbuch seinen Figuren kaum gewährt: Denn sie müssen hier vor allem die nächste Funktion im Rätsel erfüllen.
Der Film «Tatort – Frei wie ein Adler» wird am Sonntag, den 8. November um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
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