Der Satiriker spricht über sein neues Fernsehformat, den belehrenden Ton seiner Branche und die Frage, warum er das Gespräch mit Julian Reichelt gesucht hat.
Herr Schroeder, kann man als Komiker wohlhabend werden? Vor der Privatinsolvenz stehen Sie jedenfalls nicht?
Das habe ich neulich auch gelesen, dass Comedians jetzt auch zu dem stehen, was wir schon immer wussten: dass sie reich sind. In der Comedy ist das aber auch leichter als im Kabarett und in der Satire. Da muss man immer so tun, als sei man so arm wie die Leute, die im Publikum sitzen. Faktisch haben viele Bühnenkünstler, die sich leidenschaftlich für ein Tempolimit und E-Autos einsetzen, mehr Oldtimer-Sammlungen in der heimischen Garage als Kleinkunstpreise im Wohnzimmer. Ich selbst bin da raus, ich habe nicht einmal einen Führerschein.
Bei Fernsehsatire fühlen sich manche Zuschauer zunehmend belehrt statt unterhalten. Können Sie das nachvollziehen?
Ja. Aufgrund der politischen Veränderungen der vergangenen Jahre hat sich auch die Satire verändert. Man hat natürlich zu Recht das Gefühl, die liberale Demokratie retten zu müssen. Dieses Gefühl kippt aber schnell in eine Haltung, die belehrend wirken kann. Das kenne ich auch aus meiner eigenen Arbeit. Man möchte aufrütteln und zeigen: Achtung, das ist eine ernsthafte Gefahr, es ist anders als noch vor 20 oder 30 Jahren. Dadurch fällt man schnell in einen Tonfall, der etwas Missionarisches oder Eiferndes bekommt. Und das tut dem Witz selten gut.
Bei der Ankündigung Ihres neuen Formats stand zunächst weniger dessen Inhalt im Mittelpunkt als die Einordnung, Sie würden Jan Böhmermann beerben. Ist das ein Beispiel für einen bequemen Medienjournalismus?
Sagen wir so: alle wollen Clicks, alle müssen Geld verdienen. Und das wird nicht leichter in Zeiten, in denen Claude droht, den Journalisten zu ersetzen. Ich war jedenfalls gut unterhalten, da ich die absurdesten Dinge über mich gelesen habe. Zum Beispiel, dass ich zum Rechtsruck beitrage, während ich zeitgleich bei «Maischberger» saß und als Einziger von drei Gästen für ein Prüfverfahren eines AfD-Verbots eintrat. Es war eine interessante Selbsterfahrung: Ich habe mich an Kafkas Verwandlung erinnert gefühlt: „Als Florian Schroeder eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Aber immerhin lässt das, was wir vorhaben, niemanden kalt. Und das ist doch schön.
Das ZDF zeigt die Sendung spät, nach «Markus Lanz». Wie wichtig ist die lineare Ausstrahlung überhaupt noch?
Sie ist noch immer wichtig. Aber es ist außergewöhnlich, dass ein ganz neues Format, das wir quasi On Air pilotieren, überhaupt ins Hauptprogramm kommt. Den Platz nach «Markus Lanz» finde ich zum Ausprobieren gar nicht schlecht. Man kann ein Gefühl dafür bekommen, wer zuschaut und welches Interesse das Format weckt. Wir laufen im Streamingportal, bei 3sat und im ZDF. Mehr können wir gar nicht wollen. Für mich ist das ein wunderbarer Testlauf.
Wo ziehen Sie bei «Journal Deluxe» die Grenze zwischen Journalismus, Aktivismus und Unterhaltung?
Ich bin ein Freund der Verunsicherung. Ich werde selbst gern verunsichert, weil es mich durcheinanderbringt und auf neue Gedanken kommen lässt. Daher mag ich es auch, wenn Satire sich nicht zu schnell sicher ist und es sich so ein bisschen bequem macht. Sicherheiten werden uns überall versprochen.
Als Satiriker muss man ein Anliegen haben. Wenn man das nicht hat, hat man den Job verfehlt. Es muss einen etwas stören, traurig oder wütend machen. Aber man sollte nicht auf einer Mission sein und allen erzählen: Das ist die bessere Welt, die zeige ich euch jetzt, und wenn ihr das verstanden habt, läuft es. Da wird es mir unsympathisch. Hinzu kommt, dass wir Gäste haben. Über sie können wir unterschiedliche Vorstellungen von Politik und Zusammenleben zeigen – auch Menschen, die in Welten zu Hause sind, in denen ich nicht zu Hause bin.
Mit «Schroeder darf alles» waren Sie bereits im Ersten zu sehen. Welche Bilanz ziehen Sie daraus?
Das war eine schöne Sendung mit einem ganz anderen Zuschnitt, einem anderen Format und einer anderen Idee. Sie war eher monothematisch ausgerichtet und hatte damals ihre Berechtigung. Im heutigen Format fühle ich mich wohler, weil es mir und meiner heutigen Entwicklung gemäßer ist. Der wesentliche Unterschied ist: «Journal Deluxe» ist ein Late-Night-Talk – ich habe Gäste und wir reden sehr unterhaltsam über alles, was relevant ist.
Hat das ZDF mehr Ausdauer als Das Erste?
In der Vergangenheit hat das ZDF oft Ausdauer bewiesen, ja. Wie sagte der frühere RTL-Chef Helmut Thomas? „Jede Sendung wird ein Erfolg, wenn man ihr die Zeit dazu lässt.“ Auch die «heute-show» war am Anfang kein Erfolg. Man muss die Leute machen lassen, alles muss sich finden. Ich spüre aber, dass das ZDF Lust auf dieses Format hat, weil es im Portfolio eine Lücke für das gibt, was das Team und ich machen.
Braucht es dafür einen großen Aufreger? Würden Sie sich etwas mit der Aufmerksamkeit des „Vera-Fakes“ oder der Erdoğan-Affäre wünschen?
Das sind alles Themen aus der Vergangenheit. Es hat wenig Sinn, sich so etwas zu wünschen, weil es sich nicht wiederholen lässt und auch nicht wiederholen sollte. Aber ich bin für jede Überraschung zu haben, wie ich in meiner Karriere schon mehrfach gezeigt habe. Das gilt auch für diese Sendung.
Warum ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen für Sie die richtige Adresse?
Weil es für mich die perfekte Bühne ist und auch die einzige, auf der ich das machen kann, was ich mache. Dafür fehlt bei den Privaten erstens die Geduld, zweitens das Geld, also die Werbeeinnahmen, und drittens vielleicht auch das Publikum. Mir hat mir mal ein Privatfernseh-Redakteur den Namen Frank-Walter Steinmeier aus dem Script gestrichen. Begründung: „Den kennen unsere Zuschauer nicht.“ Was ich mache, hat seine Berechtigung bei den Öffentlich-Rechtlichen. Ich bin dankbar für einen Raum, in dem wir versuchen können, sowohl populär zu sein und in die Breite zu gehen als auch ein Niveau oberhalb des Limbo zu halten.
Viele Menschen kennen Sie durch kurze Clips. Gleichzeitig schreiben Sie ausführliche Bücher. Wie passen diese unterschiedlichen Formen zusammen?
Sie befruchten sich gegenseitig. YouTube oder Instagram sind schnell, kurz und zugespitzt. Die Bücher sind zum Teil lange Reisen, auf die ich mich selbst begebe. Insbesondere die Bücher haben mich sehr demütig gemacht und viel lernen lassen. Es braucht diesen ausgeruhten Blick, um die Dinge zu tun, die ich dort tue – etwa in einen LSD-Retreat zu gehen oder einen Sexualstraftäter in der Sicherungsverwahrung zu begleiten. Da wird man selbst zum Medium eines Problems. Das hilft wiederum bei den anderen Sachen, wenn es schneller werden muss: Man wird insgesamt genauer, vorsichtiger und urteilsschärfer.
Für Ihre Recherchen haben Sie auch die Bundeswehr im Ausland begleitet. Wie entsteht so ein Zugang?
In diesem Fall lernte ich einen NATO-General kennen, der bei der Bundeswehr war. Ich erzählte ihm von meinem Vorhaben, vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs und Putins Gebaren die Brigade in Litauen beziehungsweise einen Scharfschützen zu begleiten. Er leitete das weiter, anschließend wurde das auf Herz und Nieren geprüft.
Danach nahm es den normalen Weg, den alle journalistisch Arbeitenden gehen. Es wird geprüft und gefragt: Möchte das überhaupt jemand machen? Möchte sich jemand porträtieren lassen? Das ist schließlich keine Verpflichtung und gehört nicht zu deren Kernaufgaben. Es ist ein langer Anbahnungsprozess außerhalb der Scheinwerfer der Öffentlichkeit.
Ihr Gespräch mit Julian Reichelt wurde kritisiert. Was halten Sie von dem Argument, einem Medium wie Nius keine zusätzliche Aufmerksamkeit geben zu dürfen?
Von diesem Argument – keine Aufmerksamkeit geben, keine Bühne bieten – halte ich wenig. Es kommt darauf an, mit welcher Haltung man dorthin geht. Wenn ein Politiker glaubt, dort Wähler am rechten Rand fischen zu können, macht er einen Fehler. Wenn ein Künstler denkt, auch dort sei sein Publikum, und den Leuten mehr oder weniger nach dem Mund redet, macht er aus meiner Sicht ebenfalls einen Fehler.
Mein Versuch war, mich wirklich mit Reichelt zu unterhalten, unsere Positionen aneinander zu schärfen und ihn am Schluss selbst zu befragen. Das ist gelungen, ebenso der Versuch, ihn auf seine Fehler und Brüche hinzuweisen. In meiner Wahrnehmung bin ich unabhängig geblieben. Ich bin nicht hingegangen, um im Trüben zu fischen.
Wenn man sogenannten umstrittenen oder auch populistischen Medien gegenüber eine grundkritische Haltung hat und sich darüber im Klaren ist, was man dort will, kann man auch hingehen. Ich weiß, dass man diese Medien damit potenziell größer macht. Aber das Argument, man adele sie dadurch, greift mir zu kurz. Es spricht für eine Ängstlichkeit, sich in fremde Räume zu begeben. In einer solchen Welt möchte ich nicht leben.
Nach dem Gespräch reklamierten beide Seiten den Erfolg für sich. Auf rechten Kanälen werden Ausschnitte entsprechend ausgewählt und verkürzt. Ärgert Sie das?
Ich rechne damit. Trotzdem möchte ich den Glauben nicht aufgeben, dass Menschen urteilsfest und erwachsen genug sind, rechte und rechtsextreme Kanäle als das zu erkennen, was sie sind. Egal, wohin ich gehe und was ich sage: Ich bin nie davor gefeit, dass ein Satz aus dem Zusammenhang gerissen wird. Das passiert ständig, übrigens auf allen Seiten.
Ich bin schon mit Sätzen auf rechten Kanälen gelandet, die in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Ich hatte etwas gegen Rechte gesagt, und sie nahmen einen Halbsatz heraus. Wollte man dieses Risiko ausschließen, müsste man so lupenrein formulieren, wie es fast menschenunmöglich ist. Dann wäre man kein Mensch mehr, sondern eine Maschine – da kann man die Welt der KI überlassen. Deshalb kalkuliere ich das Risiko ein und versuche, so klar und verantwortungsvoll wie möglich und trotzdem lustig oder unterhaltsam zu sprechen.
Sie haben sogar schon angekündigt, dass Ihr nächster Satz aus dem Zusammenhang gerissen werde – und genau das ist passiert.
Genau. Wenn ich mir als Satiriker diese Metaebenen und die Ironisierungen der eigenen Arbeit und des eigenen Sprechens verböte, wäre ich meiner Mittel beraubt. Das wäre das Ende dieser Kunstform. Da liefere ich mich lieber aus und lasse mir vorwerfen, Applaus von der falschen Seite zu bekommen. Solange ich ihn nicht für etwas bekomme, das dieser Seite wirklich zustimmt, kann ich damit leben.
Rückblickend wird auch über die Berichterstattung zur Fluchtmigration 2015 diskutiert. Hat die Angst, rechte Positionen zu bedienen, einen kritischen Blick erschwert?
Ja, das mag, wahrscheinlich mit den besten Absichten, auch so gewesen sein. Ich halte ein paar Begradigungen im Nachhinein für wichtig und normal: Manche früheren Positionen sehe ich heute anders, würde sie relativieren oder infrage stellen. Es gehört zur eigenen Entwicklung, nicht ewig auf überkommenen Positionen zu beharren. Nichts schlimmer als Leute, die ihre Sätze beginnen mit „wie ich schon immer gesagt habe.“
Zur humanitären Entscheidung gehörte auch die praktische Umsetzung: Wohnraum, Personal und Versorgung. Wurde das zu wenig mitgedacht?
Im Kleinen wurden sehr viele Fehler gemacht, die vielleicht auch erst später benennbar waren. In Krisen oder bei großen Entscheidungen vergisst man manches – sowohl in der Kommunikation als auch auf der Sachebene. Das war bei Corona ebenfalls so. Vieles ist schiefgegangen, manches hätte sich vorhersehen lassen, auf manches hätte man besser vorbereitet sein müssen. Aber bei einigen Dingen muss man auch sagen: Es ist menschlich, dass Menschen in solchen Ausnahmesituationen Fehleinschätzungen treffen.
Auch über das ARD-Format «Klar» gab es Kritik. Ich fand die Folgen, die ich gesehen habe, handwerklich ausgesprochen schwach. Können Sie das nachvollziehen?
Ja. Ich kenne die Kritik und bezogen auf die erste Folge war sicher vieles auch berechtigt. Das ist aber etwas völlig anderes als das, was ich mache. Mir geht es nicht darum, am rechten Rand zu fischen, sondern darum, in der Form und Haltung der Satire Gedanken auszuprobieren und Haltungen einzunehmen, die vielleicht so noch nicht eingenommen worden sind. Ich möchte den Diskurs nicht nach rechts verschieben. Ich möchte das Spektrum dessen, was Satire kann, mit meinen Mitteln ein bisschen erweitern. Das ist alles.
Wo endet für Sie satirische Zuspitzung und wo beginnt problematische Polarisierung?
In dem Moment, in dem man bewusst verkürzt und etwas sagt, von dem man weiß, dass es so nicht stimmt. Wenn man die Wirklichkeit nicht mehr verdichtet, sondern verkürzt oder gar verzerrt, wird man zum Dienstleister der Polarisierung.
Die Grenze zwischen Zuspitzung und Verkürzung ist fließend. Wir wären Heilige, wenn wir behaupteten, das sei uns noch nie passiert.
Vielen Dank für das Gespräch.
«Journal Deluxe» ist ab Donnerstag, 29. Oktober 2026, um 18.00 Uhr im ZDF-Streamingportal verfügbar. Bei 3sat läuft die Sendung in der Nacht zum Samstag um 00.05 Uhr, das ZDF zeigt die Sendung am kommenden Dienstag in der Nacht zum Mittwoch um 00.45 Uhr.
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