Wolfram Weimer stellt zwei öffentlich-rechtliche Vollprogramme infrage. Doch eine Reform muss erklären, welches Angebot das Publikum gewinnt und darf sich nicht darin erschöpfen, ihm etwas wegzunehmen.
Wolfram Weimer beschreibt eine Medienlandschaft in Gefahr: Internationale Technologiekonzerne wie Netflix gewinnen an Macht, privat finanzierte Medien wie die ProSiebenSat.1-Gruppe geraten wirtschaftlich unter Druck, die öffentliche Debatte wird aggressiver. An dieser Diagnose ist einiges richtig. Umso erstaunlicher fällt aus, welche Konsequenz der Kulturstaatsminister in seinem
„Welt“-Gastbeitrag daraus zieht: Auch die „kostenintensive Koexistenz zweier bundesweiter Vollprogramme“ müsse grundsätzlich überdacht werden. Ausgerechnet in einer Debatte über bedrohte Vielfalt stehen damit Das Erste und das ZDF zur Disposition.
Dahinter steckt eine Vorstellung, die in der Rundfunkdebatte erstaunlich selten hinterfragt wird: Wenn öffentlich-rechtliche Sender kleiner werden, geht es privaten Medien automatisch besser. Doch ein gestrichener Sendeplatz schafft noch keine zusätzliche Redaktion. Eine eingesparte Serie finanziert noch keine private Produktion. Und ein Zuschauer, der sein gewohntes Angebot verliert, wechselt keineswegs zwangsläufig zu einem deutschen Privatsender. Er kann ebenso bei Netflix, YouTube oder einer anderen internationalen Plattform landen. Wie eine Schwächung öffentlich-rechtlicher Programme die von Weimer beklagte Plattformmacht begrenzen soll, bleibt offen.
Gerade deshalb gehört auch das Angebot der privaten Konkurrenz in diese Diskussion. Wer Programmflächen mit Wiederholungen bestückt, neue Produktionen vorsichtig dosiert und Zuschauer für zusätzliche Angebote ins Bezahlmodell lenkt, trifft wirtschaftliche Entscheidungen. Die können aus Unternehmenssicht nachvollziehbar sein. Daraus entsteht aber kein überzeugender Anspruch darauf, dass die beitragsfinanzierte Konkurrenz ebenfalls weniger bieten soll. Medienpolitik darf sich nicht darauf beschränken, das frei zugängliche Angebot an die Sparzwänge kommerzieller Anbieter anzupassen. Vielleicht sollten die privaten Medien einfach HD-Fernsehen kostenfrei anbieten, statt dafür seit Jahren auf Gebühren zu pochen.
Auch die Erzählung vom öffentlich-rechtlichen Bedeutungsverlust verlangt mehr Genauigkeit. Das ZDF erreichte 2025 einen linearen Marktanteil von 14,9 Prozent und blieb Marktführer. Im von der AGF erfassten Streamingmarkt kamen die ARD-Angebote auf rund 1,23 Milliarden Nutzungsstunden, der ZDF-Verbund auf gut eine Milliarde. Das sind keine Belege für ein System, dessen Inhalte niemand mehr benötigt. Sie zeigen zunächst einmal eine erhebliche Nachfrage.
Natürlich darf man daraus keine bequeme Erfolgsgeschichte machen. Ein höherer Marktanteil bedeutet in einem schrumpfenden linearen Fernsehmarkt nicht automatisch mehr Zuschauer. Nutzung ist außerdem nicht mit Vertrauen gleichzusetzen, und eine erfolgreiche Mediathek löst nicht sämtliche Probleme bei der Ansprache jüngerer Menschen. Aber genau diese Unterscheidungen wären nötig, bevor aus einem pauschal behaupteten Bedeutungsverlust ein Kürzungsprogramm abgeleitet wird. Wer Reformen mit dem Publikum begründet, muss auch jene Menschen ernst nehmen, die das bestehende Angebot nutzen.
Weimers Gegenüberstellungen helfen dabei wenig: mehr Information als Krimis, mehr Kultur als Quizsendungen, mehr Bildung als Telenovelas. Das klingt nach einer klaren Prioritätensetzung, doch die Einschaltquoten von 3sat und arte sind seit Jahren überschaubar. Dabei können fiktionale Geschichten gesellschaftliche Konflikte verständlich machen, Unterhaltung unterschiedliche Milieus zusammenbringen und populäre Formate Menschen erreichen, die keine politische Hintergrundsendung einschalten. Selbstverständlich rechtfertigt das nicht jeden Krimi und jede Quizkopie. Es verlangt jedoch eine Bewertung der konkreten Qualität statt einer Rangordnung, in der bereits das Genre über den öffentlichen Wert entscheidet.
Wer sich über zu wenig Kultur und zu wenig Vielfalt beschwert, sollte deshalb zuerst auf die Programmplanung schauen. Welche Chancen bekommen ungewöhnliche Serien im Hauptprogramm? Warum sollen jüngere Menschen Das Erste oder das ZDF als ihre Sender wahrnehmen, wenn Angebote für sie vornehmlich in Mediatheken, auf ZDFneo oder auf späten Sendeplätzen stattfinden? Eine Serie kann im Streaming sinnvoll aufgehoben sein. Fragwürdig wird es, wenn der digitale Verweis vor allem dazu dient, das Hauptprogramm von jedem Risiko freizuhalten.
Hier läge eine Reform, die das Publikum tatsächlich bemerken könnte: weniger austauschbare Routine, bessere Sichtbarkeit für eigenständige Produktionen und mehr Mut zu unterschiedlichen Erzählweisen zur besten Sendezeit. Wer anspruchsvolle Serien nachts bis drei Uhr abarbeitet, sollte sich fragen lassen, welchen Stellenwert er ihnen selbst einräumt. Die bloße Verfügbarkeit ersetzt keine redaktionelle Aufmerksamkeit. Ein Sender empfiehlt seine Inhalte auch dadurch, wann er sie zeigt und wie er für sie wirbt.
Über die Organisation der ARD lässt sich ebenfalls streiten. Eine Eingliederung des Saarländischen Rundfunks in den SWR oder von Radio Bremen in den NDR darf diskutiert werden. Gemeinsame Technik, Verwaltung und Beschaffung können sinnvoll sein. Nur müsste eine seriöse Debatte benennen, welche Kosten tatsächlich entfallen, welche durch den Umbau entstehen und wie regionale Berichterstattung erhalten bleibt. Aus weniger Intendantenstellen folgt noch keine Rechnung, die einen um fünf Euro niedrigeren Monatsbeitrag plausibel macht. Weniger Anstalten sind zunächst eine Organisationsentscheidung, kein bezifferter Sparerfolg. Gleichzeitig sollen die Redakteure vor Ort bleiben und ein Lokalprogramm produzieren.
Auch die von Weimer vorgeschlagene klarere Aufgabenteilung zwischen ARD und ZDF braucht Grenzen. Zusammenarbeit kann Doppelarbeit vermeiden. Unterschiedliche Redaktionen schaffen jedoch unterschiedliche Perspektiven, setzen andere Schwerpunkte und kontrollieren mittelbar auch einander. Zwei Angebote sind nicht schon deshalb überflüssig, weil beide Nachrichten, Dokumentationen oder Unterhaltung senden. Wer publizistischen Wettbewerb bei privaten Medien für unverzichtbar hält, sollte seinen Wert innerhalb des öffentlich-rechtlichen Systems zumindest anerkennen.
Weimer will die Debatte ausdrücklich nicht den Parteien überlassen, die den Rundfunk abschaffen oder schwächen möchten. Das ist ein nachvollziehbares Anliegen. Es gelingt allerdings kaum, wenn die politische Mitte ihren eigenen Gestaltungsanspruch hauptsächlich durch immer neue Verkleinerungsvorschläge demonstriert. Kritik am Rundfunk ist selbstverständlich nicht automatisch AfD-Politik. Eine demokratische Reformdebatte sollte sich ihre Fragestellung aber auch nicht von dessen entschiedensten Gegnern vorgeben lassen.
Die entscheidende Frage lautet, welches öffentlich zugängliche Medienangebot Deutschland künftig braucht. Dazu gehören Kostenkontrolle, nachvollziehbare Strukturen und die Bereitschaft, schlechte Programme einzustellen. Dazu gehört ebenso der Wille, gute Programme zu finanzieren und sichtbar zu machen. Wer Vielfalt verspricht, muss erklären, wo nach seiner Reform mehr davon entsteht. Weniger Sender allein sind darauf keine Antwort.
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