‚Durch die Abgeschlossenheit des KSK ist ein schiefes Bild entstanden‘

Die Dokumentation «Geheime Krieger KSK» beleuchtet 30 Jahre einer umstrittenen Eliteeinheit. Henrike Sandner, Christian H. Schulz und Ulli Wendelmann sprechen über geheime Einsätze, Rechtsextremismus und die Grenzen journalistischer Recherche.

Das KSK ist eine Einheit, deren Arbeit ganz bewusst im Verborgenen stattfindet. Wie dreht man den 90-minütigen Dokumentarfilm «Geheime Krieger KSK» über eine Organisation, über die selbst ehemalige Soldaten nur sehr eingeschränkt sprechen dürfen?
Das war für unser Autorenteam von Anfang eine große Herausforderung. Das KSK ist durch das Verteidigungsministerium generell in einer hohen Geheimhaltungsstufe eingeordnet. Dazu kamen während der Produktionszeit weitere Einschränkungen, die aufgrund der aktuellen politisch-militärischen Sicherheitslage angeordnet wurden.

So durften etwa auch in den schon maskierten Gesichtern aktiver KSK-Soldaten die Augen nicht mehr zu erkennen sein. Mit der Begründung, dass durch moderne Gesichtserkennungssoftware diese sehr schnell identifiziert werden könnten, etwa durch russische Geheimdienste.

Generell war klar, dass wir beispielsweise Prozesse und Situationen innerhalb der KSK-Kaserne in Calw einfach so mitdrehen können. Wir durften jedoch große Teile des harten Auswahlverfahren der KSK-Anwärter, unter vorher abgesprochenen Bedingungen mit der Kamera begleiten. Dazu gab es sehr hochwertiges Material, vom KSK selbst gedreht, welches uns zur Verfügung gestellt wurde. Dadurch war ein sehr guter Blick hinter die Kulissen möglich.

Sie lassen aktive und ehemalige KSK-Soldaten selbst erzählen. Wie schwierig war es, überhaupt Menschen aus diesem abgeschotteten Umfeld zu finden, die bereit waren, vor einer Kamera offen über Ausbildung, Einsätze und das Innenleben der Einheit zu sprechen?
Die drei ehemaligen Kommandosoldaten, die in unserem Film ihre Geschichte erzählen, haben Bücher veröffentlicht, in denen sie ihre Erinnerungen aufgeschrieben und damit öffentlich gemacht haben. Oder sie sind anonymisiert etwa in Youtube-Kanälen aufgetreten. Wir konnten davon ausgehen, dass unsere drei Hauptprotagonisten durchaus bereit sein würden, auch mit uns ihre Erinnerungen zu teilen.

Das KSK ist von Beginn an von zwei sehr unterschiedlichen Bildern geprägt: auf der einen Seite die militärische Elite, auf der anderen Seite Skandale und Rechtsextremismus-Vorwürfe. Wie wollten Sie verhindern, dass der Film entweder zur Heldengeschichte oder zur reinen Skandalchronik wird?
In der öffentlichen Wahrnehmung überwiegt unseres Erachtens sehr, dass das KSK vor allem mit den Skandalen und den Rechtsextremismus-Vorwürfen verbunden wird. Das hat vor allem auch damit zu tun, dass über die Arbeit und die Erfolge der Elite-Truppe so gut wie nichts bekannt war und nicht berichtet wurde. Auch aus Gründen strengster Geheimhaltung. Also hat sich der mediale Fokus immer auf die Skandal-Seite konzentriert.

Dadurch ist ein schiefes Bild des Verbandes entstanden, welches wir mit unserer Doku hoffentlich korrigieren können. Denn wenn man die Geschichte des KSK erzählt, dann muss man sowohl die Heldengeschichten, als auch die Skandale erzählen. Es gab für uns nie die Gefahr, dass man „nur“ eine Heldengeschichte oder „nur“ eine Skandalgeschichte erzählt. Wir wollten beides in einer angemessenen Balance – auch mit Blick auf den größeren Zeitraum von nun 30 Jahren Kommando Spezialkräfte.

Mit der „Operation Mondlicht“ von 2012 können Sie einen der wenigen KSK-Einsätze in Afghanistan konkret erzählen, über den öffentlich gesprochen werden darf. Wie rekonstruiert man einen solchen Einsatz, wenn viele Informationen weiterhin geheim sind?
Die „Operation Mondlicht“ von 2012 ist eine von nur einer Handvoll Einsätzen, deren Existenz und Geschichte vom Verteidigungsministerium freigegeben wurde. Und auch das erst sehr spät, erstmals 2021. Für uns war hier der dramatische und ungeplante Verlauf der Aktion mit mehrstündigem, erbittertem Kampf erzählerisch besonders reizvoll. Die Beteiligten, die wir für Interviews gewinnen konnten, erzählen auch sehr bildhaft, was damals passiert ist.

Die Schwierigkeit bestand für uns mehr auf der visuellen Ebene, da es nur wenige Fotos von der Operation gibt und auch nicht von den entscheidenden Momenten. Die Lösung in diesem speziellen Fall war für uns das Erstellen von KI-Sequenzen, die wir anhand der Aussagen und Bildreferenzen eingesetzt haben.

Christian, Mike und Philipp wollten nach eigener Aussage zu den „Besten der Besten“ gehören. Was haben Sie während Ihrer Recherchen darüber gelernt, welche Persönlichkeit es braucht, um sich freiwillig der sogenannten „Höllenwoche“ und einem derart extremen Auswahlverfahren auszusetzen?
Was Christian, Mike und Philipp verbindet, ist ihr unbedingter Wille die eigenen Grenzen immer weiter hinauszuschieben. Körperlich und mental. Ein „Geht nicht“ gibt es nicht. Auch heute sind alle drei – so unterschiedlich ihre Geschichten und Lebenswege auch sind – enorm starke, resiliente Persönlichkeiten, die jede Schwierigkeit zu meistern scheinen.

Ihr Film zeigt auch die persönlichen Kosten dieses Lebens: zerbrochene Ehen, jahrelange Warteschleifen und Schwierigkeiten, nach dem Ausscheiden ein neues Leben zu beginnen. Hat Sie überrascht, wie stark der Dienst die Identität dieser Männer auch außerhalb militärischer Einsätze bestimmt?
Nein, das hat uns nicht überrascht. Jeder Beruf, der von einem verlangt, dass man sich mit seiner ganzen Kraft hineinwirft, bringt mit sich, dass das private Umfeld das mittragen muss. Allerdings wird man ja Kommandosoldat in einem Alter, in dem man gerade Familien gründet. Man ist also noch jung und unterschätzt vielleicht häufig, was es heißt, zum Teil wirklich lange von zu Hause abwesend zu sein. Das kann durchaus mal sechs bis acht Monate lang sein.

Das KSK versucht seit ein paar Jahren ihren Soldaten aktivere Unterstützung zu geben, durch verstärkte, auch psychologische Beratung, um die Vereinbarkeit mit einem eigenen Familienleben besser aufzufangen. Denn es ist auch eine Erkenntnis innerhalb des KSK Verbandes in den letzten Jahren, dass man nur ein leistungsstarker Kommandosoldat sein kann, wenn es ein stabiles familiäres Fundament gibt.

Philipp Schaaf nimmt in Ihrer Dokumentation eine besondere Rolle ein. Bei ihm wurden Munition und Sprengstoff gefunden, seine Verurteilung wurde zum Symbol einer tiefen Vertrauenskrise des KSK. Warum war Ihnen wichtig, gerade ihn ausführlich selbst zu Wort kommen zu lassen?
Wir sind sehr froh darüber, dass wir Philipp Schaaf für unsere Dokumentation gewinnen konnten. Auch er hat ein Buch geschrieben, in dem er sowohl seine Zeit als Kommandosoldat, als auch das unehrenhafte Ende seiner Karriere beschreibt. Es war und ist ihm ein Bedürfnis, seine Sicht auf seine Geschichte auch in die Öffentlichkeit zu bringen. Denn als man 2020 in seinem Garten gehortete Munition und Sprengstoff fand und er verhaftet wurde, war das der mediale Höhepunkt in der Berichterstattung über eine Eliteeinheit, die scheinbar völlig aus dem Ruder gelaufen war. Wir wussten daher, dass Philipp Schaaf mit seiner eigenen Geschichte offen umgeht.

Wir wollten ihm in unserer Dokumentation einen Platz geben, eben weil er zu einem besonders markanten Fall geworden ist, welcher den Verband beschädigt hat. Der Fall Schaaf war ja auch der Auslöser, dass eine Untersuchungskommission eingesetzt und im KSK tiefgreifende Reformen umgesetzt wurden. Philipp Schaaf galt intern jedoch auch als ein hervorragender Kommandosoldat. Und wir wollten herausfinden, ob seine Geschichte nicht auch etwas damit zu tun hat, dass sich in der Abgeschlossenheit des KSK-Verbandes zu lange unbemerkt ein Vakuum aufgetan hat, dass solche Straftaten wie die von Philipp Schaaf erst möglich gemacht haben.

Wenn jemand, der selbst Teil eines großen Skandals war, seine Geschichte erzählt, besteht immer die Gefahr einer nachträglichen Rechtfertigung. Wie haben Sie Schaafs Aussagen überprüft und filmisch dafür gesorgt, dass seine Perspektive nicht automatisch zur Wahrheit des Films wird?
Der Skandal konzentriert sich ja sehr auf den Vorwurf der Rechtsradikalität innerhalb des KSK. Auch Philipp Schaaf wurde ja mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er einen rechtsradikalen Hintergrund hätte. Bei ihm wurden im Zusammenhang mit dem Waffenfund auch SS-Devotionalien gefunden. Aber Philipp Schaaf ist nur für unerlaubten Besitz von Waffen und Munition verurteilt worden. Einen rechtsterroristischen Hintergrund konnte das Gericht ihm nicht nachweisen, das betont auch der Militärhistoriker Sönke Neitzel in unserem Film. Das sollte man festhalten. Wir wollten in unserer Dokumentation Philipp Schaaf nicht die Bühne für eine Rechtfertigung geben, wir lassen ihn lediglich seine Sicht auf die Geschichte erzählen, vor dem Hintergrund der Fakten. Und das Publikum soll sich am Ende seine eigene Meinung bilden können.

Die Vorwürfe im Zusammenhang mit Rechtsextremismus ziehen sich in Ihrer Erzählung durch die Geschichte der Einheit. Haben Sie bei Ihren Recherchen den Eindruck gewonnen, dass es sich dabei um einzelne problematische Soldaten handelte – oder mussten Sie auch nach strukturellen Ursachen innerhalb des KSK fragen?
Vorwürfe im Zusammenhang mit Rechtsextremismus betreffen nicht allein das KSK, sondern auch immer wieder die gesamte Bundeswehr. Beim KSK handelt es sich aber um Elite-Soldaten, die an der Waffe ausgebildet werden für Extremsituationen. Ihre potentielle Gefährlichkeit macht es so brisant. Dazu kommt, dass die langjährige Abgeschlossenheit des Verbandes, internes elitäres Denken offenbar zu strukturellen Problemen geführt, welche vom Verband heute auch offen kommuniziert werden.

Darüber haben wir für den Film intensiv mit der ehemaligen Wehrbauftragten Eva Högl und dem ehemaligen Inspekteur des Heeres Alfons Mais gesprochen. Die strukturellen Probleme innerhalb des KSK sind durch viele Reformschritte seit 2021 abgebaut und eingehegt worden. Heute ist der Verband in dieser Hinsicht ganz anders aufgestellt als etwa vor zehn Jahren. Einerseits ist und bleibt er das Elite-Aushängeschild der Bundeswehr, wird aber gleichzeitig weiter sehr genau etwa vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) beobachtet und kontrolliert.

Geheimhaltung ist für eine Spezialeinheit notwendig, erschwert aber gleichzeitig öffentliche und parlamentarische Kontrolle. Ist dieser Widerspruch eines der Grundprobleme des KSK – dass eine Demokratie einer Einheit besondere Freiheiten zugestehen muss, sie aber trotzdem kontrollieren können muss?
Ja, die Geheimhaltung in einer Spezialeinheit erschwert sicher die öffentliche und parlamentarische Kontrolle. Und es bleibt eine ständige strukturelle Herausforderung, die richtige Balance zu finden zwischen absolut nötiger Kontrolle und ebenso notwendiger Geheimhaltung. Die Skandale seit 2017, die das öffentliche Bild des KSK lange sehr stark prägten, haben nach unseren Eindrücken intern wie extern dazu geführt, dass neu angelegte Warnsysteme gegen mögliche rechtsextremistische Tendenzen viel früher anschlagen würden. Das KSK wird aufgrund seines besonderen Status immer im Fokus vieler bleiben, auch medial, aber nicht nur weil es in diesem Herbst sein 30jähriges Bestehen feiert.

Danke für Ihre Zeit!

«Geheime Krieger KSK - Die Eliteeinheit der Bundeswehr» ist Dienstag, 27. Oktober, um 22.20 Uhr zu sehen. Der Film ist bereits seit 15. Oktober in der ARD Mediathek abrufbar.
26.10.2026 12:30 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176745
Fabian Riedner

super
schade


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• Geheime Krieger KSK

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