In «Neues Land» spielt Lucy Gartner eine junge Frau, die ein verdrängtes Familiengeheimnis aufdecken will. Bei Quotenmeter spricht die Schauspielerin über das Schweigen zwischen den Generationen, ihre Doppelrolle und die Frage, wie sich Heimat neu gestalten lässt.
Frau Gartner, Sie spielen in «Neues Land» Mara, die innerhalb der Familie beginnt, unangenehme Fragen über die Vergangenheit zu stellen. Was hat Sie an dieser jungen Frau besonders interessiert?
Mara ist stark von dem geprägt, was ihr fehlt, vor allem von der Abwesenheit ihrer Mutter. Sie möchte Antworten auf Fragen, von denen sie weiß, dass sie ihr Schmerz bereiten werden. Dieses Ziel von Mara finde ich sehr spannend. Außerdem fand ich es technisch interessant, mich immer wieder auf ihren jeweiligen Wissensstand einzulassen und ihre Fragen wirklich wahrhaftig zu stellen. Als Schauspielerin kenne ich die Antworten bereits, Mara aber nicht. Das klingt erstmal banal, aber dieselbe Frage 30 Mal für jeden Take gleich wissbegierig zu stellen, hat viel Konzentration erfordert.
Mara gehört einer Generation an, die für die Entscheidungen ihrer Eltern und Großeltern nicht verantwortlich ist, aber mit deren Folgen leben muss. Ist sie im Film auch diejenige, die nicht mehr akzeptiert, dass über bestimmte Dinge einfach geschwiegen wird?
Ja. Mara möchte verstehen, was passiert ist, und begnügt sich nicht damit, dass bestimmte Dinge innerhalb der Familie einfach nicht besprochen werden. Ihre Fragen entstehen dabei weniger aus einem moralischen Urteil als aus einem echten Bedürfnis nach Wahrheit und Zugehörigkeit.
Jördis Triebel spielt Ihre Tante Ina, die nach vielen Jahren nach Neukirch zurückkehrt und eigentlich möglichst schnell wieder verschwinden möchte. Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen Mara und Ina im Laufe der Geschichte?
Ich möchte natürlich nicht zu viel spoilern, aber ich finde die Veränderung und die Reise, die Jördis Triebel in ihrer Beziehung zu Mara spielt, sehr schön. Vor allem bei Ina verändert sich im Laufe der Geschichte sehr viel, und dadurch verändert sich auch ihre Beziehung zu Mara.
Ronald Zehrfeld spielt Ihren Vater Tom, Jörg Schüttauf Ihren Großvater Walter. Wie ist es, innerhalb eines solchen Ensembles die jüngste Generation einer Familie zu verkörpern, deren Mitglieder sehr unterschiedliche Versionen ihrer gemeinsamen Vergangenheit haben?
Mara hat zu jedem Familienmitglied eine ganz unterschiedliche Beziehung, die sich im Laufe der Geschichte auch verändert. Besonders die Szenen mit den Männern haben mir viel Freude gemacht, weil Mara in diesen auch richtig wütend und emotional werden darf. Gleichzeitig fand ich es schön, dass unsere Regisseurin Esther Rauch Jördis und mir als den Frauen in dieser Familiengeschichte viel Raum gegeben hat und ich mich neben diesen etablierten SchauspielerInnen ganz selbstverständlich als Teil dieses starken Ensembles bewegen konnte.
Sie sind gleich in zwei Rollen aufgeführt: als Mara Nehls und als Denise Sedlitz. Wie herausfordernd war diese Doppelrolle für Sie – und wie unterschiedlich wollten Sie die beiden Frauen anlegen?
Die Doppelrolle hat mir großen Spaß gemacht, war für mich aber eigentlich keine große Herausforderung, weil ich es gewohnt bin, schnell zwischen verschiedenen Rollen zu wechseln. Gerade als Schauspielerin überschneiden sich Drehs, Castings und Theaterprojekte immer wieder. Da beide Rollen hier im selben Film vorkommen, war mir aber besonders wichtig, sie klar voneinander zu unterscheiden und beide Frauen sehr differenziert anzulegen.
Der Film verbindet ein Familiengeheimnis mit den geologischen Gefahren eines ehemaligen Braunkohlereviers. Hat Ihnen gefallen, dass die instabile Landschaft gewissermaßen auch ein Bild für diese Familie ist, bei der unter der Oberfläche ebenfalls einiges ins Rutschen gerät?
Ja, ich finde diese Parallele sehr schön.
Neukirch hat den Wandel vom Braunkohlerevier zum Tourismusort scheinbar erfolgreich geschafft. Gleichzeitig zeigt «Neues Land», dass sich Vergangenheit nicht einfach überbauen lässt. Wie stark haben Sie diesen Strukturwandel auch als Thema Ihrer Figur wahrgenommen?
Ich würde nicht sagen, dass der Strukturwandel für Mara ein bewusstes Thema ist. Sie kennt Neukirch nur als Tourismusort und ist mit dieser veränderten Landschaft aufgewachsen.
Mara beginnt, Ina, Walter und ihren Vater mit unbequemen Fragen zu konfrontieren. Wie spielt man solche Szenen, ohne Mara lediglich zur moralischen Instanz zu machen, die den älteren Figuren erklärt, was sie falsch gemacht haben?
Eigentlich muss Mara nur die Fragen stellen. Dass das, was passiert ist, moralisch nicht in Ordnung war, wissen die anderen Figuren selbst, sonst hätten sie es vermutlich nicht verheimlicht. Mara muss ihnen also nicht erklären, was sie falsch gemacht haben. Es geht vielmehr darum, sie dazu zu bringen, die Wahrheit auszusprechen. Gerade in den späteren Szenen sagt Mara deshalb teilweise sehr wenig und hört einfach nur zu.
Der Titel «Neues Land» lässt sich sowohl auf die veränderte Landschaft als auch auf einen persönlichen Neuanfang beziehen. Was bedeutet dieses „neue Land“ aus Ihrer Sicht für Mara?
Für Mara bedeutet neues Land vor allem die Möglichkeit, Heimat neu zu denken. Heimat ist für sie nichts, das man einfach übernimmt und unverändert bewahrt. Sie kann sich verändern und dadurch sogar besser werden. Mara möchte nicht mit der Vergangenheit brechen, sondern selbst mitgestalten, was daraus entsteht.
Der Film erzählt viel darüber, was innerhalb einer Familie verschwiegen und an die nächste Generation weitergegeben wird. Hat die Arbeit an «Neues Land» Ihren Blick darauf verändert, wie stark Kinder und Enkel von Entscheidungen geprägt werden können, die lange vor ihnen getroffen wurden?
Ja, sehr. Auf zwei Ebenen. Einerseits auf der Umweltebene, die mir natürlich vorher schon bewusst war, aber durch den Film noch einmal viel stärker geworden ist. Und auch auf familiärer Ebene finde ich es spannend, wie stark Entscheidungen früherer Generationen das eigene Leben prägen können. Ich bewundere Mara dafür, dass sie immer wieder Fragen stellt, auch wenn sie unangenehm sind. Gerade bei älteren Generationen fragt man sich ja manchmal, ob es den Streit überhaupt wert ist, bestimmte Dinge noch anzusprechen. Mara ist da sehr klar, da kann ich mir auf jeden Fall eine Scheibe von ihr abschneiden.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
Die neuen Folgen von «Neues Land» werden sonntags gesendet. Die Folgen sind bereits vorab im ZDF verfügbar.
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