Mit der zweiten Staffel von «Where’s Wanda?» kehrt Familie Klatt auf Apple TV zurück. Executive Producer Oliver Ossege spricht über schwarzen Humor, internationale Serienproduktionen und die Chancen auf eine dritte Staffel.
Herr Ossege, «Where’s Wanda?» gehörte zu den ersten deutschsprachigen Originalserien von Apple TV und erhielt international viel Kritikerlob. Wie haben Sie die Resonanz auf die erste Staffel erlebt, und wann wurde klar, dass die Geschichte der Familie Klatt fortgesetzt werden soll?
Ich habe die Resonanz auf die erste Staffel mit großer Freude erlebt. Besonders schön fand ich, dass die Serie für ihren eigenwilligen Ton wahrgenommen wurde: als eine Geschichte, die Spannung und schwarzen Humor verbindet, ohne dabei den emotionalen Kern der Familie Klatt zu verlieren.
Für die zweite Staffel brauchten wir eine überzeugende Geschichte, da wir nicht einfach einen weiteren Vermisstenfall erzählen wollten, sondern zeigen, was die Ereignisse der ersten Staffel mit dieser Familie gemacht haben – und sie vor eine neue Herausforderung stellen.
Die erste Staffel lebte von der Suche nach der verschwundenen Wanda. Nun steht sie selbst unter Mordverdacht und ihre Eltern müssen erneut alles riskieren. Wie schwierig war es, nach der Auflösung des ursprünglichen Geheimnisses einen neuen Konflikt zu entwickeln, der genauso viel erzählerischen Druck erzeugt?
Das war natürlich eine zentrale Herausforderung für das ganze Kreativteam. Die Suche nach einem verschwundenen Kind ist ein sehr unmittelbarer Motor: Das Ziel ist klar, die Angst der Eltern sofort nachvollziehbar. Nach der Auflösung konnten und wollten wir diesen Mechanismus nicht einfach wiederholen.
Mit dem Mordverdacht gegen Wanda verändert sich deshalb die zentrale Frage. Es geht nicht mehr nur darum, Wanda zu finden, sondern darum, was die Wahrheit ist, ob ihre Eltern ihr glauben können, und wie weit sie gehen, um sie zu schützen. Damit kommt zur äußeren Bedrohung ein Konflikt innerhalb der Familie hinzu. Die Klatts stehen wieder unter enormem Druck. Genau daraus entsteht eine neue Spannung, die nicht bloß eine Kopie der ersten Staffel ist.
«Where’s Wanda?» bewegt sich zwischen Familiengeschichte, Kriminalfall, schwarzem Humor und teilweise ziemlich absurden Situationen. Wie finden Sie bei der Entwicklung die richtige Balance, damit die Serie weder zu einem gewöhnlichen Krimi noch zu einer reinen Comedy wird?
Die Balance entsteht dadurch, dass wir die Familie als Bezugspunkt behalten. Der Kriminalfall liefert Spannung, der schwarze Humor entsteht aus den Charakteren und Reaktionen der Figuren, und die Familiengeschichte sorgt dafür, dass uns ihre Entscheidungen etwas bedeuten. Die Figuren selbst müssen ihre Situation ernst nehmen.
Mit Heike Makatsch und Axel Stein haben Sie zwei Hauptdarsteller, die sowohl komödiantische als auch dramatische Erfahrungen mitbringen. Wie stark haben die beiden die Entwicklung ihrer Figuren in der zweiten Staffel mitgeprägt, und was können die Klatts diesmal zeigen, das in der ersten Staffel noch nicht möglich war?
Heike und Axel haben die Figuren sowohl in der ersten als auch in der zweiten Staffel maßgeblich mitgeprägt. Beiden eröffnet die Geschichte die Möglichkeit, neben ihrer komischen Energie auch die Widersprüche und Brüche ihrer Figuren zu zeigen. Und dies machen sie ganz wunderbar.
Das Ensemble wird mit Namen wie Alexandra Maria Lara, Sam Riley, Harriet Herbig-Matten, Devid Striesow und Suzanne von Borsody noch einmal deutlich erweitert. Wie gelingt es Ihnen, so viele prominente Schauspieler in eine achtteilige Serie einzubinden, ohne dass die Geschichte der Familie Klatt aus dem Mittelpunkt gerät?
Harriet und Devid waren ja bereits in Staffel 1 Teil des Ensembles. Umso glücklicher sind wir, dass sie auch in der neuen Staffel dabei sind. Wir behandeln weder die „alten“ noch die neuen Figuren als separate Attraktionen, sondern binden sie über ihre Bedeutung für die Geschichte der Klatts ein. Entscheidend ist nicht, dass jeder prominente Name möglichst viel Spielzeit bekommt. Entscheidend ist, was eine Figur auslöst: Wen setzt sie unter Druck, welche Information bringt sie hinein, welche Entscheidung erzwingt sie?
Eine präzise geschriebene (und sowohl von Tobi Baumann als auch von Christian Ditter einfühlsam inszenierte) Rolle kann mit wenigen Szenen sehr viel bewirken. Der Maßstab bleibt dabei: Erweitert diese Figur die Welt der Serie und verschärft sie den zentralen Konflikt? So kann das Ensemble wachsen, ohne dass die Familie ihren Platz im Mittelpunkt verliert.
Die vermeintlich beschauliche Vorstadt entpuppt sich zunehmend als Schauplatz einer kriminellen Unterwelt. Ist dieser Gegensatz zwischen bürgerlicher Normalität und moralischem Chaos auch ein Kommentar auf die deutsche Vorstellung von Familie, Nachbarschaft und gesellschaftlicher Ordnung?
Die Serie spielt mit der Vorstellung, dass eine „ordentliche“ Nachbarschaft automatisch eine geordnete, moralisch überschaubare Welt ist. Interessant ist, wie schnell diese Vorstellung brüchig wird. Familie kann Geborgenheit bedeuten, aber auch Loyalität um jeden Preis. Nachbarschaft kann Nähe schaffen, aber ebenso Kontrolle und Geheimhaltung. Und Menschen, die sich selbst für „anständig“ halten, können unter Druck erstaunlich weit gehen.
Mit Oliver Lansley steht ein britischer Creator hinter einer ausgesprochen deutschen Familiengeschichte. Welche Vorteile bringt dieser internationale Blick auf deutsche Figuren und Milieus, und gab es kulturelle Eigenheiten oder Formen von Humor, die Sie für ein weltweites Publikum besonders sorgfältig austarieren mussten?
Der internationale Blick ist eine Bereicherung, weil wir zwar eine deutsche Welt zeigen, darin aber eine universelle Geschichte erzählen. Es geht um eine Familie, um die Angst um das eigene Kind und um die Frage, wie weit Eltern gehen, um es zu schützen. Das ist unabhängig davon nachvollziehbar, egal in welchem Land man lebt oder sozialisiert wurde.
Auch der Humor lässt sich nicht einfach in britisch oder deutsch aufteilen. Er ist eine Mischung – genauso wie die ganze Serie eine Mischung aus Familiengeschichte, Kriminalfall und schwarzer Komödie ist. Da stehen absurde Situationen neben sehr menschlichen Momenten, und aus etwas Bedrohlichem kann plötzlich etwas Komisches entstehen, ohne dass die Bedrohung verschwindet.
Es geht deshalb nicht darum, einen britischen Humor für deutsche Figuren anzupassen oder deutsche Eigenheiten für ein internationales Publikum abzuschwächen. Entscheidend ist, dass die Figuren glaubwürdig bleiben und wir ihre Gefühle und ihr Handeln nachvollziehen können.
Ich bin überzeugt, dass dies Oliver Lansley in Zusammenarbeit mit den wunderbaren Kolleg:innen der UFA Fiction Nataly Kudiabor (Executive Producerin), Debora Rosenthal (Ausführende Produzentin) und Thomas Laue (Creative Producer) in herausragender Art und Weise gelungen ist.
Apple TV veröffentlicht die acht neuen Folgen wieder im Wochenrhythmus. Gerade eine Mystery-Comedy lebt von überraschenden Wendungen und Cliffhangern. Schreiben und produzieren Sie inzwischen bewusst anders für eine Serie, über die das Publikum acht Wochen lang diskutieren kann, als für eine Staffel, die komplett auf einmal erscheint?
Nicht grundsätzlich anders – aber der Wochenrhythmus gibt den einzelnen Folgen und ihren Enden ein besonderes Gewicht. Bei einer wöchentlichen Veröffentlichung muss eine Episode genug Substanz haben, um für sich zu stehen, und zugleich Fragen hinterlassen, die bis zur nächsten Folge weiterwirken.
Das betrifft vor allem die Drehbucharbeit und später den Schnitt: Wann geben wir eine Information preis? Wann verändern wir einen Verdacht? An welchem Punkt endet die Folge? Ein Cliffhanger ist dann gut, wenn er mehr auslöst als das Rätsel, was als nächstes passiert, und eine Frage stellt, die zwischen den Folgen weiterarbeitet: ein Verdacht, ein moralisches Dilemma oder eine Situation, die gleichzeitig komisch und beunruhigend ist.
Mit «Where’s Wanda?» beweisen Sie, dass eine deutsche Serie nicht zwangsläufig Krimi nach klassischem Fernsehmuster oder historisches Drama sein muss, um international Aufmerksamkeit zu bekommen. Warum entstehen hierzulande trotzdem vergleichsweise wenige Produktionen, die so konsequent auf schwarzen Humor, Genre-Mischungen und erzählerische Eigenwilligkeit setzen? Liegt das eher an den Sendern, an den Budgets oder an einer gewissen Risikoaversion der Branche?
Ich würde Ihre Ausgangsthese nicht zwangsläufig in Gänze teilen. Es gibt ganz viele tolle Serien in und aus Deutschland, die einen besonderen erzählerischen Anspruch haben, einen eigenen Ton finden und ihren ganz eigenen Weg gehen. Deshalb sehe ich da weder einen grundsätzlichen Mangel an Mut, noch an Kreativität.
«Where’s Wanda?» sehe ich als Teil der Vielfalt der deutschen Serienlandschaft. Wir haben mit unserer Mischung aus Familiengeschichte, Spannung und schwarzem Humor einen eigenen Ton. Andere Produktionen finden andere, ebenso besondere Formen. Gerade die unterschiedlichen Ansätze machen diese Vielfalt aus.
Die zweite Staffel ist erneut eine aufwendige Produktion mit internationaler Auswertung und einem großen Ensemble. Wie verändern sich durch die Zusammenarbeit mit einem globalen Streamingdienst die kreativen und wirtschaftlichen Möglichkeiten für eine deutsche Produktionsfirma wie UFA Fiction? Und kann «Where’s Wanda?» langfristig zu einer wiederkehrenden Serienmarke werden, oder hängt eine mögliche dritte Staffel vor allem vom internationalen Erfolg ab?
Kreativ liegt die Chance darin, eine Geschichte für ein internationales Publikum zu erzählen, ohne ihre lokale Identität aufzugeben. Eine globale Auswertung eröffnet eine andere Reichweite und damit auch andere Möglichkeiten, die Serie zu positionieren.
Als wiederkehrende Serienmarke kann ich mir «Where’s Wanda?» grundsätzlich sehr gut vorstellen. Gerade weil die Familie und das Ensemble, sowie der besondere Ton der Serie noch viel mehr Geschichten in sich tragen. Eine potentielle dritte Staffel hängt aber natürlich maßgeblich vom Erfolg der am 21. Oktober anlaufenden zweiten Staffel ab. Und dann hoffen wir, dass wir noch so einiges von Familie Klatt hören werden bzw. erzählen dürfen…
Danke für Ihre Zeit!
AppleTV startet am Mittwoch «Where’s Wanda?»
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