Der Kabarettist hat sich in einem ausführlichen Gespräch mit Jasmin Kosubek überraschend sorglos über eine mögliche AfD-Regierung geäußert.
Serdar Somuncu gehört seit Jahrzehnten zu den Künstlern, die sich besonders intensiv mit dem Nationalsozialismus, gesellschaftlichen Tabus und politischer Radikalisierung beschäftigen. Mit seinen Lesungen aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ provozierte er nicht nur, sondern versuchte auch, die Mechanismen extremistischer Ideologien offenzulegen. Inzwischen scheint sich seine Perspektive allerdings verändert zu haben. In einem ausführlichen Interview mit der Publizistin Jasmin Kosubek erklärt Somuncu, er habe selbst vor einer absoluten Mehrheit der AfD keine Angst. Die Partei könne der Demokratie seiner Überzeugung nach keinen nachhaltigen Schaden zufügen. Angesichts seiner eigenen Vergangenheit und seiner früheren Aussagen ist das eine bemerkenswerte Einschätzung.
Quotenmeter hat Somuncu über viele Jahre hinweg mehrfach interviewt. Bereits im November 2017 sprach er mit dem Magazin ausführlich über die AfD, die Bundestagswahl und den Umgang mit rechtspopulistischen Positionen. Damals erklärte er, die Partei sei mit skandalösen Aussagen aufgefallen und habe es geschafft, den Wahlkampf maßgeblich zu bestimmen. Gleichzeitig plädierte er dafür, die Wähler ernst zu nehmen und mit rechten politischen Kräften gelassener umzugehen. Allerdings bezeichnete er die Versprechen der AfD als unrealistisch und hielt insbesondere ihre Vorstellungen zur Zuwanderung für praktisch nicht umsetzbar. Schon damals war Somuncu also kein Anhänger pauschaler Ausgrenzung, aber ein entschiedener Kritiker der politischen Inhalte.
Noch deutlicher wurde er im Februar 2024 auf seiner eigenen Internetseite. In einem Beitrag über Provokation und Populismus setzte sich Somuncu ausführlich mit Björn Höcke auseinander. Er beschrieb dessen Vorstellungen als eine Ideologie, die auf die Ausgrenzung fremder Einflüsse und die Vorstellung einer ethnisch homogenen Nation hinauslaufe. Dabei ordnete er Höckes Weltbild ausdrücklich als faschistisch ein. Nach den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen legte Somuncu im September desselben Jahres nach. In seinem Text „Wer hat Angst vor der AfD?“ bezeichnete er die Partei als gefährlich, weil sie ihre eigentlichen Absichten geschickt zu tarnen verstehe. Die AfD wolle gesellschaftliche Entwicklungen zurückdrehen und berufe sich auf das Bild einer Nation, die es in dieser Form überhaupt nicht gebe.
Zwei Jahre später klingt das bei Jasmin Kosubek erheblich anders. Bei ungefähr 81 Minuten Gesprächsdauer erklärt Somuncu, die Entwicklung der AfD sei etwas, das die Gesellschaft aushalten könne. Selbst eine absolute Mehrheit der Partei betrachtet er nicht als Gefahr für den Fortbestand der Demokratie. Diese Einschätzung ist deshalb so erstaunlich, weil sie mit seinen früheren Warnungen nur schwer vereinbar erscheint. Wenn eine Partei tatsächlich faschistische Vorstellungen in ihren Reihen duldet und gesellschaftliche Errungenschaften rückgängig machen möchte, müsste sich gerade bei einer absoluten Mehrheit die Frage stellen, welche Veränderungen sie mit ihrer neu gewonnenen Macht durchsetzen könnte.
Allerdings wäre es falsch, Somuncu deshalb kurzerhand dem rechtsextremen Lager zuzuordnen. Im selben Gespräch analysiert er Höckes Weltbild bemerkenswert präzise. Er bezeichnet den Thüringer AfD-Politiker als intelligent und gerade deshalb gefährlich. Somuncu erklärt, er habe dessen Buch gelesen und Reden studiert. Hinter den Formulierungen erkenne er eine völkische Vorstellung von deutscher Identität. Auch die Behauptung, Deutschland werde durch Migration seiner ursprünglichen Bevölkerung beraubt, weist er entschieden zurück. Er beschreibt Deutschland als historisch gewachsenes Einwanderungsland, dessen Identität sich ständig weiterentwickelt. Das ist keine Übernahme rechtsextremer Argumentationen, sondern eine deutliche Kritik an ihnen.
Umso widersprüchlicher wirkt seine Gelassenheit gegenüber einer möglichen Regierungsübernahme. Somuncu scheint zwischen der Ideologie einzelner AfD-Vertreter und den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten einer demokratisch gewählten Regierung zu unterscheiden. Doch genau darin liegt das Problem. Demokratische Institutionen sind nicht automatisch vor Eingriffen geschützt, nur weil eine Partei durch reguläre Wahlen an die Macht gelangt. Politische Mehrheiten entscheiden über Gesetze, Haushalte, Personal und die Besetzung wichtiger Institutionen. Eine absolute Mehrheit bedeutet zwar keineswegs uneingeschränkte Macht. Dennoch könnte eine solche Regierung die politische und gesellschaftliche Entwicklung über Jahre prägen. Die Vorstellung, eine demokratische Wahl garantiere bereits demokratisches Regierungshandeln, wäre deshalb eine gefährliche Verkürzung.
Auch bei anderen Themen fällt auf, wie sehr Somuncus Kritik an etablierten Institutionen inzwischen seine politischen Bewertungen bestimmt. Das kommt allerdings nicht überraschend. Im Quotenmeter-Interview vom November 2022 erklärte er gegenüber Veit-Luca Roth bereits, dass er keine Lust mehr auf Sender und Redaktionen habe, die ihm Vorschriften machten. Er wollte seine Inhalte lieber unabhängig veröffentlichen und sich nicht mehr von öffentlich-rechtlichen Strukturen abhängig machen. Im Gespräch mit Kosubek beschreibt er die Medienbranche nun als ein System, in dem Künstler vorgeführt, benutzt und durch öffentliche Kampagnen beschädigt würden. Seine Erfahrungen beim Rundfunk hätten ihn zunehmend eingeengt. Bemerkenswert ist allerdings, dass er die damaligen Redakteure teilweise ausdrücklich in Schutz nimmt. Nicht allein die Sender seien das Problem gewesen, sondern eine gesellschaftliche Entwicklung, in der immer weniger Raum für Missverständnisse und Provokationen geblieben sei.
Diese zunehmende Verbitterung zeigt sich besonders bei seiner rückblickenden Betrachtung der Corona-Pandemie. Bereits im Dezember 2021 kritisierte Somuncu im Quotenmeter-Jahresrückblick die damalige Gesundheitspolitik massiv. Karl Lauterbach bezeichnete er als unkalkulierbares Risiko und warf Intellektuellen vor, politische Entscheidungen nicht mehr ausreichend zu hinterfragen. Im neuen Gespräch erklärt er nun, seine grundsätzliche Haltung habe sich seit Beginn der Pandemie kaum verändert. Dabei erinnert er an einen Bühnenauftritt vom März 2020, bei dem er die Gefahren des Coronavirus unter anderem mit jährlich angeblich 14.000 Verkehrstoten verglichen habe. Diese Zahl ist allerdings falsch: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes starben 2019 insgesamt 3.046 Menschen im deutschen Straßenverkehr. Gerade bei einem Künstler, der sich intensiv mit gesellschaftlichen Narrativen beschäftigt, wäre eine sorgfältigere Einordnung solcher Vergleiche wünschenswert.
Ähnlich problematisch sind einige seiner Aussagen zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Somuncu lehnt Waffenlieferungen ab und kritisiert die deutsche Außenpolitik als interessengeleitet. Diese Haltung ist als politische Position selbstverständlich legitim. Wenn er allerdings die Verteidigung westlicher Werte in der Ukraine als große Lüge bezeichnet und stattdessen vor allem wirtschaftliche Interessen der Waffenindustrie verantwortlich macht, vereinfacht er einen komplexen Konflikt erheblich. Russlands völkerrechtswidriger Angriff ist keine bloße Sprachregelung westlicher Regierungen. Eine kritische Betrachtung militärischer Unterstützung müsste auch berücksichtigen, welche Folgen ein Ausbleiben dieser Hilfe für die angegriffene Ukraine hätte.
Dahinter scheint sich ein grundsätzliches Problem seiner Argumentation zu verbergen. Somuncu möchte sich keiner politischen Gruppierung zuordnen lassen und betrachtet gerade diese Unabhängigkeit als besondere Stärke. Er widerspricht seiner Gesprächspartnerin, wenn sie zu weit nach rechts argumentiert, kritisiert aber gleichzeitig etablierte demokratische Institutionen mit einer Schärfe, die kaum noch Raum für Differenzierungen lässt. Das allein macht ihn weder zum Corona-Leugner noch zum Unterstützer der AfD. Seine Aussagen offenbaren jedoch eine wachsende Distanz gegenüber jenen Institutionen, deren demokratische Bedeutung er früher wesentlich deutlicher verteidigte.
Vielleicht liegt darin auch eine Erklärung für seine veränderte Wahrnehmung. Wer über Jahre erlebt, dass politische Diskussionen zunehmend moralisch aufgeladen werden und jede Abweichung als möglicher Beweis einer falschen Gesinnung gilt, kann irgendwann dazu neigen, vor allem die Kritiker des eigenen Standpunkts infrage zu stellen. Doch daraus entsteht ein neues Problem: Die berechtigte Ablehnung einer übertriebenen Empörungskultur darf nicht dazu führen, tatsächliche politische Gefahren zu unterschätzen. Wer sich gegen vorschnelle Verurteilungen wehrt, muss trotzdem bereit sein, die Konsequenzen bestimmter politischer Programme ernst zu nehmen.
Somuncu betont im Interview mehrfach, seinen grundlegenden Überzeugungen seit Jahrzehnten treu geblieben zu sein. Tatsächlich gibt es gute Gründe, ihm das nicht grundsätzlich abzusprechen. Seine Kritik am Nationalismus, sein Eintreten für eine pluralistische Gesellschaft und seine Ablehnung völkischer Vorstellungen sind weiterhin erkennbar. Verändert zu haben scheint sich jedoch seine Einschätzung, wie widerstandsfähig demokratische Institutionen gegenüber antidemokratischen Kräften tatsächlich sind. Noch 2024 warnte er vor den Absichten der AfD, 2026 hält er selbst ihre absolute Mehrheit für weitgehend ungefährlich.
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