Martin Bruchmann: ‚Dem deutschen Fernsehen fehlt oft der Mut zum Genre-Mix‘

In «Friends Sex and Games» spielt Martin Bruchmann einen Mann, dessen perfektes Leben durch ein erotisches Schlüsselspiel ins Wanken gerät. Im Interview spricht er über Treue, verdrängte Sehnsüchte und den Umgang mit Intimität vor der Kamera.

Herr Bruchmann, «Friends Sex and Games» erzählt von vier Paaren, deren Beziehungen durch ein gewagtes Schlüsselspiel auf die Probe gestellt werden. Was hat Sie an dieser Geschichte besonders gereizt – die erotische Ausgangssituation oder die emotionalen Konflikte, die daraus entstehen?
Die Erotik war für mich erst einmal zweitrangig. Mich hat der Bogen von meiner Figur Valentin interessiert. Ich finde es toll, mit ihm einen Menschen zu erzählen, der sich ein perfektes Leben eingerichtet hat und dann mit Mitte 30 zum ersten Mal an den Punkt kommt, dieses zu hinterfragen. Valentin ist ein Mann, der perfekt alle von ihm gewünschten Rollen beherrscht. Er kann der perfekte Ehemann sein, der perfekte Sohn, der perfekte Unternehmer. Allerdings hat er sich bis zu diesem Punkt noch nie gefragt, wie viel von ihm selbst eigentlich in dem Leben steckt, das er führt.

Die Männer werfen ihre Schlüssel in eine Schale, die Frauen ziehen einen heraus und verbringen die Nacht mit dem jeweiligen Schlüsselbesitzer. Keine Gefühle, keine Verpflichtungen – so lautet zumindest die Vereinbarung. Glauben Sie, dass Menschen ihre Gefühle tatsächlich so konsequent von körperlicher Nähe trennen können?
Wenn einmal Gefühle entstanden sind, wird es schwierig, denke ich. Das macht uns ja zum Glück menschlich. In unserem Setting sind es vier befreundete Paare, unter denen - zumindest vor dem Spiel - keine Gefühle untereinander bestehen. Aber das ändert sich schneller als gedacht.

Die Figuren kennen sich teilweise seit vielen Jahren und haben sich in ihren Beziehungen eingerichtet. Ist das Schlüsselspiel für sie vor allem ein Versuch, dem Alltag zu entkommen, oder bringt es Sehnsüchte ans Licht, die schon lange vorhanden waren?
Das Spiel bringt in jedem Fall so einige Sehnsüchte ans Licht. Aber das ist eher ein Nebeneffekt. Der Grund, warum sie es spielen, ist für jede Figur anders. Aber klar, alle leben ein sehr sicheres, sich wiederholendes Leben. Da kommt ein bisschen ‘excitement’ und Risiko genau richtig, um aus dem Alltagstrott herauszukommen.

In der Serie geht es nicht nur um Sex, sondern auch um Freundschaften, Loyalität und Vertrauen. Was kann eine solche Grenzüberschreitung innerhalb einer eingeschworenen Clique zerstören, das vielleicht selbst eine klassische Affäre nicht infrage stellen würde?
Ich denke, eine Affäre zerstört mehr, als im sicheren Raum ein solches Spiel zu spielen. Das Wichtigste in einer Beziehung ist Vertrauen und Kommunikation. Das Spiel, das wir in der Serie spielen, basiert auf Konsens und klaren Regeln. Jede*r der Partner*innen weiß, mit wem die/der Partner*in die Nacht verbringt. Es gibt keine Geheimnisse oder heimlichen Aktivitäten - so zumindest die Regel. Ob sich am Ende alle daran halten, werden Sie sehen.

«Friends Sex and Games» verbindet erotische Szenen mit Humor und emotionalen Konflikten. Wie schwierig ist es als Schauspieler, zwischen diesen Tonlagen zu wechseln, ohne dass die Figuren entweder zu leichtfertig oder zu dramatisch wirken?
Da sind wir wieder beim Genre-Mix. Ich empfand das als überhaupt nicht schwierig. Denn hinter jeder lustigen Szene (und auch jeder Intimszene) steckt immer auch der Konflikt der Figur. Es ist nur eine Frage, wie groß man diesen zieht. Was aber geholfen hat, ist, dass sich die verschiedenen Tonalitäten gut auf alle Figuren aufteilen. Meine Figur hat zwar auch hier und da mal komische Momente, aber generell ist der Handlungsstrang von Julie und Valentin eher emotional und ruhig erzählt.

Die Serie stellt traditionelle Vorstellungen von Treue und Partnerschaft infrage. Haben Sie bei der Beschäftigung mit dem Stoff selbst darüber nachgedacht, ob Ehrlichkeit in einer Beziehung tatsächlich immer wichtiger ist als die Einhaltung bestimmter Regeln?
Für mich steht Ehrlichkeit ohne Frage an erster Stelle in einer Beziehung. Neben dem Vertrauen. Aber beides bedingt sich natürlich. Was Treue genau bedeutet, muss jedes Paar für sich selbst festlegen. Solange sich beide in diesem Rahmen bewegen - auch wenn dieser etwas weiter gesteckt sein sollte - können sie sich dennoch treu sein. Sich selbst, ihren Gefühlen und den Regeln, die sie aufgestellt haben. Ich würde aber nicht sagen, dass unsere Serie Treue und traditionelle Partnerschaft in Frage stellt. Sie gibt bestenfalls einen lustvollen Erweiterungsvorschlag, ein Gedankenspiel - ganz ohne zu bewerten oder zu verurteilen zu wollen.

Intimität spielt bei «Friends Sex and Games» eine zentrale Rolle. Wie haben Sie die Vorbereitung und die Dreharbeiten solcher Szenen erlebt? Und wie wichtig sind klare Absprachen, damit die Beteiligten trotz der körperlichen Nähe möglichst frei spielen können?
Die Absprachen sind das Allerwichtigste, damit sich alle Beteiligten wohl fühlen. Wir hatten dafür Emilia Bähr - eine ganz tolle Intimacy Koordinatorin. Das macht vieles einfacher. Es wird alles vorher genau geprobt und festgelegt, wie die “Choreografie” sein wird. Das gibt uns einen sicheren Rahmen, in dem wir uns bewegen und uns dann fallen lassen können.

Bei einer Ensemblegeschichte mit vier Paaren kommt es besonders auf die Beziehungen zwischen den Figuren an. Wie haben Sie gemeinsam mit Ihren Kolleginnen und Kollegen daran gearbeitet, dass man dieser Freundesgruppe ihre lange gemeinsame Vergangenheit abnimmt?
Zum Glück mussten wir nicht wirklich viel daran arbeiten, weil sich die Dynamik von ganz alleine eingestellt hat. Das haben wir vor allem unseren Casterinnen Liza Stutzky und Peti Mesaila zu verdanken. Sie und die Produktion hatten ein super Händchen uns alle zusammenzubringen. Aber nicht nur vor der Kamera war die Chemie gut, sondern auch das gesamte Team war einfach nur ein Traum. Dass es so harmonisch zugeht, ist nicht selbstverständlich. Dafür bin ich sehr dankbar und denke gern an die Dreharbeiten zurück.

Erotik und Sexualität werden im deutschen Fernsehen häufig entweder sehr ernst oder ausgesprochen komödiantisch erzählt. «Friends Sex and Games» versucht offenbar, beides miteinander zu verbinden. Fehlt es deutschen Serien manchmal an einem entspannteren und zugleich erwachseneren Umgang mit Sexualität?
Dem deutschen Fernsehen fehlt oft der Mut zum Genre-Mix. Ich finde es total erfrischend, wenn ich vor allem in Serien überrascht werde und sich nicht nur eine Tonalität durch die Episoden zieht. Wir haben uns in diesem Fall etwas getraut, wovon wir nicht wussten, ob es aufgehen wird. Aber das Ergebnis und die bisherigen Reaktionen sprechen für sich: Deutschland ist bereit für diesen Mix! (lacht)

Mit Prime Video entsteht die Serie für eine internationale Streamingplattform. Bietet das bei Themen wie Sexualität, Beziehungsmodellen und moralischen Grenzüberschreitungen größere erzählerische Freiheiten als das klassische deutsche Fernsehen?
Das kann gut sein. Erstmal können wir mit unserer Serie Menschen auf der ganzen Welt ansprechen. Das ist toll. Auch wenn eine bestimmte Zielgruppe anvisiert ist, ich finde, unsere Serie ist nicht nur für Menschen Mitte 30 geeignet. Überraschenderweise kam auch schon sehr positives Feedback von der Gen Z und auch die Eltern einiger Kolleg*Innen waren durchaus angetan und wollten weiter schauen.

Sie haben im Laufe Ihrer Karriere bereits in unterschiedlichen Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt. Wonach entscheiden Sie heute, ob eine Rolle für Sie interessant ist? Reizt es Sie besonders, Figuren zu spielen, deren Entscheidungen man als Zuschauer nicht unbedingt gutheißen muss?
Klar, Antagonisten sind immer spannend und geben viel Spielraum, vor allem weil sie viele Kanten haben. Aber generell ist das von Projekt, Format und Rolle abhängig, wie ich meine Rollen aussuche.

Zum Beispiel gerade heute hatte ich ein Casting für einen internationalen Kinofilm. Das war für eine historische Männerfigur, die sicherlich alles andere als feministisch ist und das stark raushängen lässt. Auch wenn diese Rolle nicht der größte Sympathisant ist, macht es mir dennoch Spaß, diese Figur so anzulegen, dass man als Zuschauende Schwierigkeiten hat, ihn trotz dem was er denkt und sagt, zu mögen. Mir macht es Spaß, wenn ich mit meinen Figuren eine Ambivalenz erzeugen kann.

«Friends Sex and Games» stellt letztlich die Frage, wie viel Wahrheit und Veränderung eine Beziehung aushält. Was würden Sie sich wünschen, worüber die Zuschauer nach der Serie diskutieren: über die moralischen Grenzen des Schlüsselspiels oder darüber, wie ehrlich sie selbst in ihren Beziehungen sind?
Ich denke, das Thema Treue wird heiß diskutiert werden. Aber wenn wir es schaffen, dass Menschen ihre Wünsche und Sehnsüchte hinterfragen, wäre das natürlich toll. Dann dahin kommen auch alle Figuren in der Serie. Aber es ist auch in Ordnung, wenn sich das Publikum einfach “nur” gut unterhalten gefühlt hat. Die Produktion hat ein Team-Screening in einem kleinen Kino organisiert. Als ich die acht Folgen zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich das starke Gefühl, mich verlieben zu wollen.

Danke für Ihre Zeit!

«Friends Sex and Games» ist seit 16. Oktober bei Prime Video zu sehen.
16.10.2026 11:56 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176624
Fabian Riedner

super
schade


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• Friends Sex and Games

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