Matthias Koeberlin: ‚Man kennt auch die Menschen im engsten Umkreis nie in Gänze‘

In der ARD-Miniserie «Das Vergessen – Spurlos im Moor» spielt Matthias Koeberlin einen Familienvater, dessen Ehe durch finanzielle Sorgen, eine schwere Erkrankung und einen mysteriösen Mordfall zunehmend unter Druck gerät.

Herr Koeberlin, Jonas Kraus ist in «Das Vergessen» Familienvater, findet aber beruflich keinen richtigen Platz und ringt zugleich mit einem traditionellen Rollenbild. Jonas möchte finanziell zum Familienleben beitragen, während seine Frau Pia als Polizistin beruflich fest verankert ist. Wie stark nagt diese Situation an seinem Selbstverständnis – und möglicherweise auch an seiner Ehe?
Jonas ist Familienvater und das mit aller Energie und Hingabe, aber eben auch mit dem antiquierten Rollenverständnis des Ernährers und dem Anspruch als Vater und Ehemann seinen finanziellen Teil zum Leben beizusteuern.

Ich glaube, dass seine erfolglose Suche nach einem festen Einkommen, einem Job, der die Existenz aller sichert, an seinem Selbstbewusstsein nagt und indirekt natürlich auch Auswirkungen auf den Alltag und das Zusammenleben mit Pia hat. Es wabert unter der Oberfläche, permanent, aber ohne ständig artikuliert zu werden.. Genau diese Ambivalenz sucht man bei Figuren. Den Zwiespalt und die Zerrissenheit.

Sie beschreiben Jonas selbst als Figur mit einer „dunklen Seite“. Wie schwierig ist es, einem Charakter ein Geheimnis und etwas potenziell Verdächtiges mitzugeben, ohne dem Publikum durch das eigene Spiel zu früh eine Richtung vorzugeben?
Ich denke, das Geheimnis liegt in der Reduktion. Irritation zu schaffen mit kleinsten Mitteln. Ich empfinde das in meiner Arbeit als extrem herausfordernd. Mit möglichst wenigen, kleinen Gesten oder Blicken, vielleicht nur einer Betonung, die seltsam anmutet, einen Verdacht zu sähen, der eigentlich undenkbar erscheint.

Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass auch innerhalb der Familie nicht jeder ehrlich zu Pia war. Ist «Das Vergessen – Spurlos im Moor» für Sie deshalb auch eine Geschichte darüber, wie wenig man manchmal selbst über die Menschen weiß, mit denen man jeden Tag zusammenlebt?
Ich glaube, dass man auch die Menschen im engsten Umkreis nie in Gänze kennt, weil jeder einen kleinen Teil in sich trägt, den er abgeschirmt, von allem und jedem.
Einen Rest Anarchie und/oder Ungezähmtheit. Es variiert nur die Größe dieses Teils in jedem von uns.

Der Mord an Amelie und die Suche nach ihrem Baby rücken immer näher an die Familie Kraus heran. Sie haben die Geschichte mit einer Schlinge verglichen, die sich immer weiter zuzieht. Wie verändert sich Jonas über diese sechs Folgen hinweg unter diesem zunehmenden Druck?
Der Druck, der auf der Familie und auf Jonas lastet, hat natürlich Einfluss auf alle Handlungen und Entscheidungen. Die Krankheit von Pia, die Überforderung von Jonas und den Kindern. Die Familie lebt in einem permanenten Ausnahmezustand, der stetig an Intensität gewinnt. Der zunehmende Stress beeinflusst das Denken und die Handlungen aller.

Mit Julia Koschitz haben Sie eine sehr intensive Ehegeschichte zu erzählen, bei der viel über Vertrautheit, aber auch über Verschwiegenes funktioniert. Wie haben Sie gemeinsam eine glaubwürdige Vorgeschichte für Pia und Jonas entwickelt?
Mit Julia Koschitz zu arbeiten, ist auf so vielen Ebenen eine Freude! Das Vertrauen und die Wertschätzung füreinander ist so groß, dass sich vieles fast automatisch einstellt. Wir haben eine sehr ähnliche Sicht auf die Dinge und haben versucht für Pia und Jonas – und natürlich für die Kinder – eine Familie und Ehe zu erzählen die gesund ist, liebevoll und mit den Entwicklungen die stattfinden, eine Nachvollziehbarkeit in den Handlungen der Protagonisten zu zeigen, die sich natürlich anfühlen. Es ist ein Thriller, aber es ist auch ein Familiendrama.

Die Serie ist nicht nur Krimi, sondern auch Familien- und Krankheitsdrama. War es gerade für Ihre Figur wichtig, dass die Diagnose nicht lediglich als zusätzlicher Thrillermechanismus benutzt wird, sondern konkrete Auswirkungen auf eine Partnerschaft und eine Familie bekommt?
Der für mich entscheidende Punkt, ist die Qualität der Geschichte. Natürlich ändern sich Sehgewohnheiten, die Verfügbarkeit oder Formate, aber die Basis ist immer die Qualität der Geschichte. Das ist für mich maßgeblich, über alles andere mache ich mir nur am Rande Gedanken ...

In «Das Vergessen» geht es immer wieder um die Frage, was von einem Menschen und seinen Beziehungen bleibt, wenn Erinnerungen verschwinden und Gewissheiten zerbrechen. Hat die Arbeit an der Serie Ihren eigenen Blick auf Erinnerung und darauf, was eine Familie zusammenhält, verändert?
Erinnerungen zu verlieren, zu spüren, dass alles Erlebte verblasst und verloren geht, ist ein wahnsinnig bedrückender und trauriger Gedanke. Erinnerungen sind für uns essentiell – in jeder Hinsicht, im Positiven, wie im negativen. Sie sind das was uns ausmacht und uns eine Identität gibt. Oft auch Trost oder Erklärung.

Für mich persönlich sind Erinnerungen auch immer ein Werkzeug um meinen Beruf auszuüben, meine Requisiten sozusagen, um mich in Situationen hineinversetzen zu können, Emotionen zu transportieren. «Das Vergessen» hat mich täglich daran erinnert.

Danke für Ihre Zeit!

Das Erste strahlt «Das Vergessen – Spurlos im Moor» am Samstag, 24. Oktober, ab 20.15 Uhr aus. Die Serie ist ab 23. Oktober in der ARD Mediathek.
22.10.2026 12:58 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176601
Fabian Riedner

super
schade


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