Mona Pirzad: ‚Natürlich trägt jeder von uns positive als auch Schattenseiten in sich‘

In der Mysteryserie «Die Düsteren» spielt Pirzad eine Frau, die ihren Ehemann plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen glaubt. Im Interview spricht die Schauspielerin über beschädigtes Vertrauen, die dunklen Seiten der eigenen Persönlichkeit und alternative Lebensentwürfe.

Frau Pirzad, in «Die Düsteren» spielen Sie Kathrin Sandmann, deren Ehe mit Ben bereits zu Beginn in einer Krise steckt. Was hat Sie an dieser Figur und ihrer persönlichen Geschichte besonders gereizt?
Mich hat besonders diese Fragestellung gereizt - Was macht man, wenn die Beziehung in einer solchen Krise steckt; wie geht man damit um? Welche Version von sich selbst bearbeitet man, zu welcher Version wird man? Geht man den düsteren Weg? Oder versucht man, die Beziehung zu reparieren, wieder Vertrauen aufzubauen? Schaut man sich die Ursachen an, warum die Ehe so in der Krise steckt?

Und einfach grundsätzlich das Mystery-Format. Die Drehbücher waren so wahnsinnig spannend!

Kathrin glaubt zunächst, ihren Ehemann sehr genau zu kennen und muss dann feststellen, dass sich dieser Mann auf beunruhigende Weise verändert. Wie spielt man dieses zunehmende Misstrauen, ohne als Figur zu früh zu erkennen, was das Publikum bereits ahnt?
Das habe ich mich auch gefragt. Letztlich habe ich versucht zu vergessen, was ich über die Geschichte bereits weiß und mich wirklich einfach nur in diese Situation und in die Gefühle von Kathrin versetzt. Meine Gedanken waren immer wieder, was würde ich machen, wenn der Partner, den man so lange kennt, auf einmal so seltsam ist. Man denkt sich doch, was soll schon sein, vielleicht hat er einfach gerade irgendetwas erlebt, vielleicht einfach eine schwierige Zeit. Man lässt die Zweifel erstmal gar nicht zu.

Die Serie stellt die Frage: Wer wäre ich geworden, wenn ich an entscheidenden Stellen meines Lebens anders abgebogen wäre? Gibt es bei Ihnen selbst Entscheidungen, bei denen Sie sich manchmal fragen, wie ein völlig anderes Leben ausgesehen hätte?
Absolut. Ich habe tatsächlich sehr früh angefangen in München BWL zu studieren, bevor ich mich dann entschieden habe, mich ganz der Kunst zu widmen. Ich frage mich manchmal, was passiert wäre, wenn ich tatsächlich diesen Weg weitergegangen wäre, in München zu bleiben, das Studium abzuschließen, wahrscheinlich in einem Unternehmen zu landen. Das wäre eine komplett andere Version von mir gewesen. Ich bin zwar ein pragmatischer Mensch, aber noch mehr bin ich einfach Künstlerin. Es wäre wirklich so interessant, jetzt mal in das Leben der anderen Version von mir reinschauen zu können.

Sie haben sich selbst für einen eher ungewöhnlichen Lebensweg entschieden, leben zwischen Berlin und Lissabon, arbeiten als Schauspielerin und DJ. Haben Sie dadurch einen besonderen Zugang zu einer Serie gefunden, die so stark von unterschiedlichen Lebensentwürfen und alternativen Versionen des eigenen Ichs handelt?
Ich würde das gar nicht nur unbedingt auf diese Serie beziehen, sondern allgemein auf meine persönliche Entwicklung und meine beiden Berufe. Durch die vielen Reisen, die verschiedenen Menschen, denen man begegnet, die unterschiedlichen Lebenskonzepte, Orte, Prioritäten der Menschen hat sich mein Horizont - auch als Schauspielerin - weiter geöffnet.

Die „Düsteren“ verkörpern gewissermaßen ein anderes, entfesselteres Leben ihrer Doppelgänger. Was glauben Sie: Tragen wir alle Seiten in uns, die wir aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen oder eigener Entscheidungen irgendwann bewusst zurückgedrängt haben?
Diese Entscheidung, die ich für mich treffen musste - gehe ich wirklich ins Corporate-Leben oder werde ich Künstlerin? Viele junge Menschen stehen nach der Schule vor genau dieser Entscheidung: Welchen beruflichen Weg möchte ich einschlagen? Diese Entscheidung prägt natürlich schon enorm das Umfeld, in dem man sich später bewegt. Dazu kommen die immer wieder die kleinen Entscheidungen, die unsere Realität formen: Bewegt man sich raus in die Welt? Möchte ich die Welt bereisen? Entscheide ich mich eher für eine Familie oder bleibe ich lieber für mich? Ich glaube, es sind diese vielen kleinen Entscheidungen, die nach und nach die eigene Realität erschaffen, in der wir leben. Und natürlich trägt jeder von uns positive als auch Schattenseiten in sich. Wie sagt man so schön? Die berühmten Wölfe, die in uns leben und welchen füttern wir. Ich glaube, dass wir alle immer wieder vor dieser Entscheidung stehen: Arbeite ich an mir und an meinen Schattenseiten, oder lasse ich sie mehr und mehr Raum in meinem Leben einnehmen?

Kathrins Geschichte handelt auch von einer Ehe, in der Vertrauen bereits beschädigt wurde, bevor das Übernatürliche überhaupt einbricht. War es Ihnen wichtig, dass ihre Beziehung zu Ben auch ohne das Mystery-Element als glaubwürdige Beziehungskrise funktioniert?
Absolut, mir war das wahnsinnig wichtig. Für mich persönlich war es der Hauptstrang der Geschichte. Gerade Kathrin bekommt ja erst sehr spät mit, was da eigentlich vor sich geht, mein Fokus lag deshalb auf jeden Fall auf der Beziehungskrise. Wir leben in einer Welt, in der Ehen natürlich in Krisen geraten, Fehler passieren und Menschen sich aus den unterschiedlichsten Gründen voneinander wegentwickeln. Ich fand es umso schöner zu sehen, dass die beiden sich dazu entschlossen haben, an ihrer Beziehung zu arbeiten, zu reparieren, anstatt einfach wegzuwerfen. Anstatt sich zu trennen, sagen sie: Komm, wir gehen unseren Problemen auf den Grund. Was ist passiert? Ich will gar nicht zu viel spoilern, aber es wird sowohl thematisiert, was damals bei ihr los war und welche Gefühle sie hatte, als auch, was bei ihm passiert ist. Die Beziehung und ihre Krise bekommt also den notwendigen Raum in der Geschichte.

Mit Max Riemelt hatten Sie gewissermaßen zwei unterschiedliche Spielpartner in derselben Person. Wie verändert sich Ihr eigenes Spiel, wenn Ihr Gegenüber äußerlich identisch ist, Sie als Kathrin aber allmählich spüren müssen, dass etwas fundamental anders geworden ist?
Mein Spiel an sich verändert sich gar nicht. Es ging für mich vor allem um dieses Entdecken und gleichzeitige Verdrängen von Informationen, das war mein Hauptthema. Dieser Konflikt, dass sie einerseits die vielen kleinen Veränderungen wahrnimmt. Irgendetwas ist doch mit dem Menschen, den ich so gut kenne? Andererseits versucht sie, das alles, auch die Informationen, die sie von außen bekommt, nicht an sich heranzulassen. Es wird aber immer deutlicher, dass etwas absolut nicht stimmt und dass dieser Mann, den sie da vor sich hat, eigentlich nicht ihr Mann sein kann.

«Die Düsteren» möchte Mystery möglichst geerdet erzählen und das Übernatürliche in eine sehr reale Welt einbrechen lassen. Wie wichtig war diese zurückgenommene Herangehensweise für Ihr Schauspiel, damit Kathrins zunehmende Angst nicht ins Genrehaft-Überzeichnete kippt?
Die zurückgenomme Herangehensweise war auch für meine Figur und für meinen Spiel total wichtig. Schon beim Lesen des Drehbuches habe ich es gemerkt. Ich spüre das direkt. Wo geht die Reise hin? Wie ist die Figur? Wie viel zeigt und wie viel zeigt sie nicht? Das ist dann Teil meiner Rollenarbeit.
Hinzu kommt hier das Mystery Format. Es war sofort klar, dass wir nicht überzeichnen und dass es sehr zurückgenommen Charaktere sind, damit es umso mehr zu entdecken gibt.

Sie sind deutsch-iranischer Herkunft und arbeiten nach eigenen Angaben in vier Sprachen. Gleichzeitig wurde «Die Düsteren» mit einem international zusammengesetzten Team gedreht, das ebenfalls in mehreren Sprachen gearbeitet hat. Ist ein solches Umfeld für Sie inzwischen fast vertrauter als ein rein deutschsprachiges Set?
Ich finde es immer wieder spannend und mag es super gerne, an internationalen Sets zu arbeiten und im Ausland zu drehen, wo verschiedene Sprachen gesprochen werden. In Belgien am Set haben wir hauptsächlich Englisch gesprochen. Durch meine vielen Reisen habe ich einen super internationalen Freundeskreis, so ist es für mich komplett natürlich, Englisch zu sprechen. Jetzt gerade durfte ich dann auch in Spanien drehen, das war total schön. Durch die Sprache hatte ich nochmal einen ganz anderen Bezug zur Crew und allgemein am Set. Ich fühle mich aber überall gleich wohl, ob deutschsprachig, Englisch oder Spanisch. Ich hatte auch schon das Glück, dass ich im Iran drehen durfte. Das war eine wunderbare Erfahrung, vor allem kulturell, an einem persischen-iranischen Set zu dürfen.

Neben der Schauspielerei stehen Sie als DJ auf Festival- und Clubbühnen und verbinden dabei Berliner Deep House mit Einflüssen Ihrer persischen Wurzeln. Sind Schauspiel und Musik für Sie zwei völlig unterschiedliche Ausdrucksformen oder beeinflusst beispielsweise Ihr Gefühl für Rhythmus und Atmosphäre auch Ihre Arbeit vor der Kamera?
Es sind zwar zwei sehr unterschiedliche Ausdrucksformen, aber gleichzeitig erzähle ich in beiden, auch mit der Musik, eine Geschichte. Ich glaube, dass mir die Schauspielerei geholfen hat, ein bisschen mutiger in meinem musikalischen Storytelling zu werden und eklektisch zu sein, darauf zu vertrauen. Gleichzeitig beeinflusst die Selbstsicherheit daraus dann wieder mein Schauspiel, dass ich auf meine Impulse höre, mutiger bin, mehr improvisiere, Ideen reinbringe. Es beeinflusst sich gegenseitig auf jeden Fall sehr positiv.

Sie waren zuletzt in sehr unterschiedlichen Produktionen wie «Wunderschön», «Rheingold» oder «Alphamännchen» zu sehen. Nach welchen Kriterien wählen Sie Rollen aus und ist eine deutsche Mystery-Serie gerade deshalb interessant, weil dieses Genre hierzulande noch vergleichsweise selten produziert wird?
Ich suche meine Rollen recht intuitiv aus; danach, ob sie mich emotional berühren, ob sie eine Geschichte erzählen, die mich einnimmt und ich diese unbedingt mit Emotionen füllen möchte. Wie zum Beispiel bei «Rheingold», ihre Lebensgeschichte hat mich zutiefst berührt. Und gleichzeitig interessiert mich, ob es etwas für mich zu lernen gibt.

Ich habe auch schon Rollen abgelehnt, die mir beispielweise zu plakative Frauenbilder dargestellt haben. Es ist immer etwas Intuition und ein Gefühl, ob das etwas ist, was ich verkörpern möchte, durch jedes Genre hindurch.

Und klar, den Mystery Aspekt von «Die Düsteren» fand ich super spannend, weil das Genre hierzulande noch nicht so bespielt ist. Ich kannte auch unsere Drehbuchautoren schon und fand sie sehr sehr großartig, genauso wie unsere Regisseurin Lea Becker. Dann kamen noch die Kollegen hinzu, es hat alles zusammengepasst.

Die Serie fragt letztlich, ob ein vermeintlich besseres oder anderes Leben tatsächlich glücklicher machen würde. Sie selbst haben sich gegen einen geradlinigen Lebensentwurf entschieden: Was bedeutet für Sie heute persönlich ein gelungenes Leben – möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen oder irgendwann doch das Gefühl, angekommen zu sein?
Ein gelungenes, erfülltes Leben bedeutet für mich tatsächlich beides: sowohl die vielen Erfahrungen, die ich sammeln durfte, als auch irgendwo anzukommen. Ich glaube auch, dass beides möglich ist. Natürlich überlege ich mir heute zweimal, welchen Gig ich annehmen möchte, welche Reisen ich antrete, welche Rolle ich annehme oder wo es mich vielleicht noch hinzieht. Gleichzeitig habe ich meine kleine Basis, mein Zuhause, meinen engen Freundeskreis und meine Familie – und da bin ich sehr angekommen. Von diesem Ort aus kann ich aber immer wieder losgehen, neue Erfahrungen sammeln und Neues erleben. Und ich glaube, dass genau diese Erfahrungen wiederum dazu beitragen, dass ich meine Arbeit damit ausfüllen kann.

Und für mich gehört zu einem erfüllten Leben aber vor allem auch das Zwischenmenschliche. Ich durfte bis jetzt einen wunderbaren Freundeskreis erleben, eine schöne Community und viele Begegnungen mit Menschen, die mich erfüllen. Für mich machen letztendlich die Menschen in meinem Leben ein erfülltes Leben aus.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Die Düsteren» ist seit 3. Oktober 2026 in der ZDFmediathek abrufbar. Die Serie ist ab Mittwoch, 21. Oktober, um 21.45 Uhr bei ZDFneo zu sehen.
20.10.2026 12:42 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176598
Fabian Riedner

super
schade


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• Die Düsteren • Wunderschön • Rheingold • Alphamännchen

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