In «Gerta und die Welt am Abgrund» spielt Johann von Bülow einen deutschen Familienvater, der sich den nationalsozialistischen Besatzern unterwirft. Im Interview spricht er über historische Schuld, die tschechische Perspektive auf Krieg und Vertreibung – und darüber, warum der europäische Zusammenhalt für ihn heute wichtiger denn je ist.
Herr von Bülow, Sie spielen in «Gerta und die Welt am Abgrund» Gertas deutschen Vater, mit dem sie während des Aufstiegs des Nationalsozialismus in einen fundamentalen Konflikt gerät. Was hat Sie an dieser schwierigen Figur gereizt?
Zunächst habe ich mich gefreut, überhaupt Teil dieses besonderen tschechischen Fernsehprojekts zu sein. Als Deutscher, habe ich zwar schon oft in Tschechien gedreht, aber bis dato immer in internationalen Projekten, wie z. B. der Sky-Serie «Das Boot». Jetzt in einem rein tschechischen Projekt diesen zwiespältigen Mann zu spielen, den Vater in einer deutsch-tschechischen Familie, der sich den Nazi Besatzern zuerst freudig unterwirft, bevor er alles verliert, war eine schwierige. aber auch spannende Aufgabe. So eine komplexe Figur bekommt man nicht alle Tage angeboten.
Der Film erzählt die Geschichte stark aus Gertas Perspektive. Wie nähert man sich als Schauspieler einem Vater, dessen Entscheidungen für die eigene Tochter verheerende Konsequenzen haben, ohne ihn durch zusätzliche Erklärungen nachträglich verständlicher oder sympathischer machen zu wollen?
Ich nähere mich jeder Figur, die ich spiele, über das Menschliche. Ich bin es ja, der diese Menschen spielt, mögen sie auch noch so verdammenswerte Dinge tun, also verstehe ich sie immer aus mir selbst heraus. Ich weiß gar nicht, wie das anders gehen soll. Das Bewerten verbleibt dann beim Betrachter. Ich möchte mich als Interpret in diese Charaktere hineinversetzten, herausfinden, was sie umtreibt und das so glaubhaft wie möglich. Auch bei einer Figur, die so Schreckliches tut, wie dieser Vater. Kommentare oder Erklärungen haben da keinen Platz. Das tue ich übrigens auch bei Figuren, die gemeinhin als positive Charaktere verstanden werden.
Gerta wächst zwischen einer deutschen und einer tschechischen Identität auf. Welche Rolle spielt ihr Vater dabei – verkörpert er für sie irgendwann nicht mehr nur einen Menschen, sondern auch eine politische und nationale Zugehörigkeit, von der sie sich abgrenzen muss?
Im Verlauf des Films, steht sie vor der Herausforderung, diese beiden Identitäten und alles, was sich daraus ergibt, die Zerrissenheit und die Ablehnung durch die jeweils andere Seite, auszuhalten. Durch seine grausame Tat am Ende des ersten Teils, verlieret ihr Vater für sie ganz sicher seine Menschlichkeit. Das hat aber weniger mit seiner nationalen Zugehörigkeit zu tun, als mit seinem ganz konkreten unmenschlichen Verhalten.
«Gerta und die Welt am Abgrund» beschäftigt sich intensiv mit Schuld. Haben Sie für Ihre Figur zwischen persönlicher Schuld, politischer Überzeugung und dem Mitlaufen innerhalb eines Systems unterschieden?
Wie gesagt, es ist nicht an mir, das Handeln meiner Figuren zu bewerten. Ich bin mir aber sicher, dass der Zuschauer seine ganz eigene Bewertung zu diesen Fragen haben wird, wenn er diesen besonderen Film gesehen haben wird.
Für einen deutschen Schauspieler hat es noch einmal eine besondere Dimension, in einer tschechischen Produktion über die deutsche Besatzung und deren Folgen mitzuwirken. Hat die Perspektive des tschechischen Regisseurs Tomáš Mašín Ihren Blick auf diese Geschichte verändert?
Tomás war mir, ebenso, wie meine tschechischen und deutschen Schauspielkollegen ein wunderbarerer Partner. Er hat einen genauen Blick auf die Geschichte und wir haben uns natürlich über die historische Verantwortung, die in so einem Stoff immer liegt, intensiv ausgetauscht. Mir war besonders wichtig, dass diese Geschichte aus einer tschechischen Perspektive erzählt wird.
Der Film bleibt nicht bei der deutschen Besatzung stehen, sondern erzählt auch von Niederlage, Vertreibung und den Folgen für die deutsch-tschechische Bevölkerung. War Ihnen wichtig, dass daraus keine einfache Aufteilung in eindeutig deutsche Täter und tschechische Opfer entsteht, sondern die historischen Brüche über Jahrzehnte sichtbar werden?
Ich finde, es ist nicht an uns Deutschen, anderen Nationen gegenüber Kritik zu üben oder gar Schuld aufzurechnen. Ein vergleichbarer Stoff aus deutscher Perspektive wäre in meinen Augen keine gute Idee. Gleichzeitig ist das Thema der Vertreibung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung, die bis 1945 auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens und der Slowakei gelebt hat, dort lange Zeit ein absolutes Tabu gewesen. Ich denke, es ist inzwischen möglich, sich diesen Fragen neu zuzuwenden, ohne jeweils in den Verdacht revanchistischer Aufrechnung zu geraten. Die grosse Resonanz, die der, dem Film zugrundeliegende, Roman in Tschechien hatte, spricht ja auch dafür. Ich hoffe, dass wir auch in Deutschland ein paar interessierte Zuschauer für diese Geschichte finden.
Sie haben bereits mehrfach Figuren aus der deutschen Geschichte gespielt – etwa einen Anwalt im Auschwitz-Prozess in «Im Labyrinth des Schweigens» oder Gestapo-Chef Heinrich Müller in «Elser». Gibt es bei historischen Rollen für Sie inzwischen eine besondere Verantwortung, die über die reine Figurenarbeit hinausgeht?
Das finde ich ein bisschen hochgegriffen. Wir machen ja Filme und keine Historikerseminare. Die Verantwortung als Schauspieler liegt vielleicht eher in der Auswahl der Projekte und da habe ich bei unsrem Film hier keine Bedenken.
Gerade bei einer moralisch belasteten Figur stellt sich die Frage nach Empathie: Müssen Sie als Schauspieler einen Menschen wie Gertas Vater zunächst verstehen können, um ihn überzeugend zu spielen und wo liegt für Sie die Grenze zwischen Verstehen und Entschuldigen?
Wie gesagt, ich muss mir die Figur zu eigen machen, auf welche Weise auch immer. Die Bewertung dieser Figur und des gesamten Films liegt dann beim Betrachter, nicht beim Interpreten.
Der Zweiteiler spannt seinen Bogen bis 1989 und zeigt, wie Entscheidungen und Traumata innerhalb einer Familie über Generationen weiterwirken. Finden Sie gerade diesen Blick auf die langfristigen Folgen interessanter als eine historische Erzählung, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufhört?
Die Erzählstruktur über mehrere Generationen, ermöglicht, zu verstehen, wie tief die Auswirkungen dieses schrecklichen Krieges in Europa waren und wie wichtig es ist, dass wir als Europäer heute unseren Zusammenhalt stärken und alles dafür tun, Gräben zu überwinden. Es kann keine andere Antwort auf diese Katastrophe geben als Europa als Einheit.
Sie arbeiten sowohl in deutschen als auch internationalen und europäischen Produktionen und haben unter anderem auf Französisch in «Parlement» gespielt. Wie haben Sie die Arbeit an dieser tschechischen Produktion erlebt – auch sprachlich und kulturell am Set?
Ich finde es immer ungeheuer bereichernd, mit Kollegen aus anderen Ländern zusammen zu arbeiten. Man lernt oft neues, sieht, wie machen das denn die anderen so, das macht mir Spaß. Hier hatte ich das Glück mit lauter Hammerkollegen aus unserem Nachbarland arbeiten zu dürfen. Tomas ist dort einer der erfolgreichsten Regisseure und die junge Barbora Vachova, die die Hauptrolle spielt, eine Riesenentdeckung. Tschechien ist ja ein Land mit einer langen und reichen Filmkultur, das merkt man bis in alle Gewerke. Allein die großartigen Kostüme, die Genauigkeit der Ausstattung und die ungeheure Erfahrung der Leute am Set. Wenn dann noch verschiedenen Sprachen am Set gesprochen werden, ist das für mich das Schönste überhaupt. Tschechisch spreche ich zwar leider nicht, aber ein paar Brocken konnte ich auch bei dieser Arbeit aufschnappen. Am Set von «Gerta» gab es einen lustigen Mix aus englisch, tschechisch und ein wenig deutsch. Das war am Set bei «Parlement» schon anders, da haben wir immer alle französisch miteinander gesprochen. Gottseidank war der Regieassistent Deutscher, so hatte ich immer einen Notanker, wenn mir mal ein Wort nicht einfiel.
Der Stoff basiert auf einem Roman von Kateřina Tučková und behandelt ein Kapitel der deutsch-tschechischen Geschichte, das vielen deutschen Zuschauern vermutlich weniger präsent ist. Was haben Sie selbst durch die Arbeit an «Gerta und die Welt am Abgrund» über diese Zeit erfahren, das Ihnen vorher nicht bewusst war?
Mir war nicht klar, wie groß der Anteil der Vertriebenen damals war, fast 20 Prozent der gesamten Bevölkerung der ehemaligen Tschechoslowakei. Wenn man sich so etwas heute vorstellt, das ist schon gewaltig. Aber die Verwerfungen und Vertreibungen, die damals in Europa nach dem verheerenden Krieg stattgefunden haben, betrafen ja auch andere Regionen. Und auch heute gibt so etwas wieder, derzeit sind es die Ukrainer, die in Europa vertrieben werden.
Wenn das deutsche Publikum den Film auf ARTE sieht: Würden Sie sich wünschen, dass danach weniger die Frage gestellt wird, wer historisch eindeutig auf welcher Seite stand, sondern stärker, wie Schuld, Schweigen und nicht aufgearbeitete Erfahrungen noch Generationen später eine Familie prägen können?
Ich würde mir wirklich wünschen, dass der Zusammenhalt der europäischen Nationen gestärkt wird, im Bewusstsein, dass Krieg nur Unglück und Zerstörung bringt und dass Europa unsere einzige Chance ist. Und dazu gehört vor allem, die Breitschaft Kompromisse zu machen und nicht immer den größten Vorteil für sich selbst zu suchen, Unterscheide zu tolerieren, damit sich so etwas nicht wiederholt. Gerade jetzt finde ich das so wichtig. Wenn dieser Film ein wenig dazu beiträgt, würde mich das sehr freuen.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
arte zeigt «Gerta und die Welt am Abgrund» am Freitag, den 9. Oktober, um 20.15 Uhr. Der Film ist bereits seit 2. Oktober in der Mediathek abrufbar.
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel