Cornelius Obonya: ‚Der innewohnende Narzissmus ist der Schlüssel‘

In «Tiroler Blut» gerät Cornelius Obonya als mächtiger Immobilienmanager nach der Entführung seiner Tochter unter Druck. Der Schauspieler spricht über Narzissmus, den Verlust von Kontrolle, die Abgründe seiner Figur – und darüber, warum ihm die Tiroler Bergwelt beim Nachdenken über Geld und Macht half.

Herr Obonya, in «Tiroler Blut: Am Abgrund» spielen Sie den mächtigen Immobilienmanager Benedikt Renner, dessen Tochter Emily entführt wird. Was hat Sie an dieser Figur gereizt, die zunächst als besorgter Vater erscheint, gleichzeitig aber offensichtlich etwas zu verbergen hat?
Genau diese Diskrepanz zwischen Macht und charakterlichen Schwächen eines Menschen hat mich gereizt.

Die Entführer verlangen nicht nur Lösegeld, sondern auch interne Unterlagen aus Renners Unternehmen. Wie verändert sich Renner in dem Moment, in dem ihm klar wird, dass es möglicherweise nicht nur um seine Tochter, sondern auch um seine eigenen Geschäfte geht?
Es ist die alte Frage: Wie weit gehe ich – bedeutet mein Leben für mich mein Lebenswerk oder meine Tochter?

Eine Entführung dürfte für einen Mann wie Renner auch deshalb eine Extremsituation sein, weil er plötzlich die Kontrolle verliert. War dieses Spannungsverhältnis zwischen gewohntem Einfluss und völliger persönlicher Ohnmacht ein wichtiger Schlüssel für Ihre Darstellung?
Ja, so habe ich es versucht. Der Einfluss, der ansonsten von allen wahrgenommen wird und vor dem alle in die Knie gehen, plötzlich aber ist da nichts mehr. Kein Mechanismus funktioniert mehr. Es ist, als ob man mit dem Lift stecken bleibt.

Fanny Gruber erkennt zunehmend, dass Renner nicht mit offenen Karten spielt. Wie spielt man eine Figur, bei der das Publikum möglichst lange nicht genau wissen soll, ob es gerade einen verzweifelten Vater, einen skrupellosen Geschäftsmann oder beides zugleich vor sich hat?
Ich denke, der innewohnende Narzissmus ist der Schlüssel. Ein Narzisst lässt automatisch nur genau das erblicken, was sein Gegenüber sehen möchte.

Der Fall führt von der Entführung zu Claras Tod und schließlich in Renners Unternehmen. Was hat Ihnen daran gefallen, dass „Am Abgrund“ den klassischen Kriminalfall mit der Frage verbindet, welche Folgen wirtschaftliche Entscheidungen für andere Menschen haben können?
Wir alle sind unendlich abhängig geworden von wirtschaftlichen Entscheidungen. Das ist wie mit der Angst vor KI. Wenn es schadet – wie wär´s mit "Stecker ziehen"?

Der Titel „Am Abgrund“ lässt sich bei diesem Film offenbar nicht nur auf die Tiroler Bergwelt beziehen. Befindet sich auch Benedikt Renner an einem Punkt, an dem sein bisheriges Leben und sein Selbstbild zusammenbrechen können?
Eigentlich weiß er das sehr früh – und dann beginnt der verzweifelte Abwehrkampf gegen eine Entscheidung, die er schon vor Jahren in sich getroffen hat. Nur eben ist es zu spät. Und angesichts von vielen Femiziden und einem veritablen Frauenproblem in der männlichen Sphäre kann man sich vielleicht vorstellen, dass der Herr Renner auch hier ein grenzwertiges Problem haben könnte. Nur als Vorstellung...

Mit Ursula Strauss treffen Sie als Renner auf eine Ermittlerin, die ausgesprochen hartnäckig wird, wenn sie Ungerechtigkeit vermutet. Wie entwickelt sich das Kräftemessen zwischen Renner und Fanny Gruber?
Wir hoffen, dass es spannend wird zu sehen, wie Fannys kalte Logik auf einen narzisstischen Logistiker trifft!

«Tiroler Blut» möchte Innsbruck und die Berglandschaft nicht nur als schöne Kulisse einsetzen. Wie haben die realen Drehorte und diese unmittelbare Nähe zwischen urbanem Innsbruck und mächtiger Natur Ihr Spiel und die Atmosphäre des Films beeinflusst?
Nun, für die anderen kann ich nicht antworten, aber die Megalomanie der Berge hat mir sehr geholfen über Geld und Macht nachzudenken. Man möchte raus aus dem Tal und dann ist doch alles zu groß.

Sie sind selbst eng mit dem österreichischen Theater verbunden und einem breiten Fernsehpublikum aus sehr unterschiedlichen Rollen bekannt. Was muss Ihnen eine Krimifigur wie Benedikt Renner heute anbieten, damit Sie sagen: Diese Figur möchte ich spielen, obwohl das Genre im deutschsprachigen Fernsehen allgegenwärtig ist?
Genau diese Zerrissenheit, die hier erfunden und geschrieben wurde. Benedikt Renner steckt in vielen Männern und daher kann ich versuchen, ihn zu zeigen. Als Mensch mit unendlichen Fehlern, aber auch mit Brutalität. Feine Mischung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Erste strahlt «Tiroler Blut» am Donnerstag, 8. Oktober, um 20.15 Uhr aus. Seit 5. Oktober steht der Film in der ARD Mediathek zur Ansicht bereit.
08.10.2026 00:01 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176092
Fabian Riedner

super
schade


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• Tiroler Blut: Am Abgrund • Tiroler Blut

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