Die Kritiker: «Blackbird»

Ein herrlich melancholischer Film darüber, wie das Leben mit 15 ist, erwartet die Fernsehzuschauer am Mittwochabend im Ersten.

Stab

Darsteller: Timothy Scannell, Bjarne Mädel, Sebastian Freigang, Aenne Schwarz, Albert Lichtenstern, Angelina Häntsch
Kamera: Frank Küpper
Drehbuch: David Ungureit
Regie: Max Zähle
Viele Filme über das Erwachsenwerden erinnern vor allem daran, wie kompliziert es gewesen sein muss, einmal fünfzehn gewesen zu sein. Andere begreifen, dass man mit fünfzehn nicht deshalb kompliziert ist, weil man noch nicht erwachsen ist, sondern weil man bereits zu viel fühlt und noch viel zu wenig weiß, wohin mit all diesen Gefühlen.

Max Zähles Fernsehfilm «Blackbird» erzählt in diesem Fahrwasser von Morten Schumacher, genannt Motte, der im Herbst 1979 fünfzehn Jahre alt ist und eigentlich mit den ganz normalen Katastrophen der Pubertät beschäftigt sein müsste: Die Eltern trennen sich, der Vater zieht aus, das schönste Mädchen der Welt lässt sein Herz höher schlagen, David Bowie liefert den Soundtrack und der Zehnmeterturm des Freibads ist der Ort, an dem sich Mut und Größenwahn noch halbwegs unterscheiden lassen. Dann erkrankt sein bester Freund Bogi schwer an Krebs. Plötzlich bekommt das Leben eine Dimension, für die es mit fünfzehn keine Gebrauchsanweisung gibt.

Bemerkenswert an «Blackbird» ist, dass der Film diese Geschichte nicht zur großen Tragödie aufbläst. Er weiß, dass Krankheit, Scheidung, erste Liebe und Freundschaft für einen Jugendlichen ohnehin schon groß genug sind. Die Welt muss nicht zusätzlich mit bedeutungsschwerer Musik erklären, dass gerade etwas Schlimmes passiert. Viel stärker ist der Film dort, wo er Motte dabei beobachtet, wie er versucht, all diese Wirklichkeiten gleichzeitig auszuhalten – und daran naturgemäß scheitert.

Timothy Scannell ist als Motte eine Entdeckung. Er spielt diesen Jungen nicht als niedliches Zeitdokument aus dem Jahr 1979, sondern als jemanden, dessen Widersprüche jederzeit glaubwürdig bleiben. Motte kann gleichzeitig traurig und egoistisch, mutig und feige, verliebt und vollkommen ahnungslos sein. Besonders schön ist, dass der Film ihm seine widersprüchlichen Gefühle nicht vorwirft. Er darf auf Bogi wütend sein, weil dieser plötzlich nicht mehr da ist. Er darf sich schuldig fühlen, weil er lieber am Fähranleger auf seine Angebetete wartet, als im Krankenhaus zu sitzen. Und er darf beides gleichzeitig empfinden.

Genau darin liegt die eigentliche Qualität von «Blackbird». Der Film interessiert sich nicht nur für das, was einem Menschen widerfährt, sondern für die moralisch schwerer zu beantwortende Frage, wie man damit lebt. Bogi liegt im Krankenhaus und kämpft um sein Leben, während Motte weiter Fußball spielen, Mädchen beobachten und vom Zehnmeterturm springen möchte. Für den Zuschauer ist dieser Widerspruch leicht zu erkennen. Für Motte ist er eine Zumutung. Denn das Leben hat keine Pausentaste, nur weil der beste Freund krank geworden ist.

Die 1979er-Kulisse wirkt dabei erfreulich wenig museal. Der Film ist kein nostalgischer Ausflug in eine Zeit, in der angeblich alles einfacher gewesen sein soll. Die Vergangenheit wird nicht verklärt, sondern als konkrete Lebenswelt erfahrbar: mit ihren Liedern, ihrer Kleidung, ihren Ritualen und ihrer eigentümlichen Mischung aus Freiheit und Begrenztheit. David Bowie ist dabei nicht bloß dekorativer Soundtrack, sondern Teil von Mottes Versuch, sich eine eigene Welt zu erschaffen.

Auch Bjarne Mädel als erwachsener Morten ist klug eingesetzt. Seine Anwesenheit macht aus der Geschichte keine klassische Rückblende, sondern verleiht ihr eine zweite Zeitebene. Der erwachsene Mann steht dort, wo der Junge einst stand, und doch bleibt etwas von diesem Jungen in ihm erhalten. Das Freibad wird damit zu einem Gedächtnisraum: ein Ort, an dem Vergangenheit nicht abgeschlossen ist, sondern weiterhin im Material der Gegenwart steckt.

Natürlich arbeitet «Blackbird» mit bekannten Motiven. Krankheit, erste Liebe, Scheidung, Freundschaft und die Rückschau auf eine Jugendzeit sind Stoffe, die das Fernsehen schon sehr oft bemüht hat. Doch entscheidend ist nicht die Originalität der Zutaten, sondern die Genauigkeit, mit der sie verarbeitet werden. David Ungureits Drehbuch und Max Zähles Regie setzen weniger auf große Wendungen als auf Beobachtung. Das macht den Film stellenweise leise, aber niemals belanglos.

Und vielleicht ist das Schönste an «Blackbird», dass er seinen Titel nicht laut erklären muss. Ein Leben besteht aus Momenten, die man im Augenblick kaum versteht und später trotzdem nicht vergisst. Manche davon tun weh. Manche werden irgendwann komisch. Manche bleiben einfach da: wie dieser Film, der sich was traut.

Der Film «Blackbird» wird am Mittwoch, den 30. September um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
29.09.2026 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/175961
Oliver Alexander

super
schade


Artikel teilen


Tags

• Blackbird

◄   zurück zur Startseite   ◄
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel

Weitere Neuigkeiten


Qtalk-Forum » zur Desktop-Version

Impressum  |  Datenschutz und Nutzungshinweis  |  Cookie-Einstellungen  |  Newsletter