Buchclub: ‚Ein geborgtes Leben‘

Mary Costello erzählt in „Ein geborgtes Leben“ von einer Frau, die sich immer wieder in Beziehungen verliert. Ein stiller Roman über Abhängigkeit, Selbstbestimmung und die schwierige Frage, wann Liebe beginnt, das eigene Leben zu verdrängen.

Dublin im Jahr 1985. Anna Hughes ist 19 Jahre alt, introvertiert, unerfahren und noch dabei herauszufinden, wer sie eigentlich sein möchte. Dann begegnet sie Peter Gallagher. Er ist älter, weltgewandt und besitzt all das, was Anna an sich selbst zu vermissen glaubt: Erfahrung, Selbstsicherheit, einen großen Freundeskreis und Lust auf Abenteuer. Sie verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Was zunächst nach einer klassischen Liebesgeschichte klingt, entwickelt Mary Costello in „Ein geborgtes Leben“ jedoch zu etwas wesentlich Unbequemerem.

Denn Anna liebt Peter nicht einfach. Sie beginnt, ihr Leben nach ihm auszurichten. Seine Welt wird zu ihrer Welt, seine Wünsche gewinnen zunehmend an Bedeutung und ihre eigenen Bedürfnisse treten in den Hintergrund. Die Beziehung gibt Anna zunächst Orientierung, nimmt ihr aber gleichzeitig immer mehr von jener Selbstständigkeit, die sie als junge Erwachsene eigentlich erst entwickeln müsste. Mary Costello interessiert sich dabei weniger für spektakuläre Wendungen als für die vielen kleinen Verschiebungen innerhalb einer Beziehung. Wann wird aus Rücksichtnahme Anpassung? Wann verwandelt sich Verliebtheit in Abhängigkeit? Und wann hat man so viele Entscheidungen einem anderen Menschen überlassen, dass kaum noch zu erkennen ist, welche Wünsche eigentlich die eigenen sind?

Gerade darin steckt die Stärke der Ausgangssituation. Anna erscheint nicht einfach als passive Frau, der etwas zustößt. Vielmehr lässt sich nachvollziehen, warum Peter auf sie eine derartige Faszination ausübt. Für die 19-Jährige verkörpert er eine größere, aufregendere Welt. Seine Erfahrung verspricht Sicherheit, seine Abenteuerlust Freiheit. Das Paradoxe daran ist offensichtlich: Ausgerechnet ihre Sehnsucht nach einem größeren Leben führt dazu, dass Anna immer weniger über dieses Leben selbst bestimmt.

Der Titel „Ein geborgtes Leben“ bringt diesen Zustand treffend auf den Punkt. Anna lebt, aber lange Zeit nicht vollständig nach ihren eigenen Vorstellungen. Sie borgt sich gewissermaßen Identitäten und Lebensentwürfe anderer Menschen. Dass der große Verrat in ihrer Beziehung mit Peter irgendwann unausweichlich erscheint, ist deshalb nur ein Teil ihres Problems. Selbst wenn Peter verschwindet, bleibt die grundlegendere Frage bestehen: Wer ist Anna ohne ihn?

Einige Jahre später tritt Karim in ihr Leben. Er ist strenggläubiger Muslim und zunächst ein völlig anderer Mann als Peter. Doch Mary Costello wiederholt nicht einfach dieselbe Beziehungsgeschichte mit einer neuen Figur. Entscheidend ist vielmehr, dass sich bei Anna erneut ein bekanntes Muster bemerkbar macht. Wieder droht ihr das eigene Leben Stück für Stück zu entgleiten.

Damit erzählt der Roman von etwas, das komplizierter ist als eine einzelne problematische Beziehung. Anna muss erkennen, dass nicht allein die Männer in ihrem Leben darüber entscheiden, wie viel Raum ihr selbst bleibt. Sie muss verstehen, weshalb sie bereit ist, diesen Raum immer wieder abzugeben. Das macht „Ein geborgtes Leben“ psychologisch interessanter, als wenn Costello lediglich zwei schlechte Beziehungen aneinanderreihen würde. Die Rückschau spielt dabei eine entscheidende Rolle. Erst mit zeitlichem Abstand kann Anna erkennen, wie scheinbar kleine Ereignisse miteinander verbunden waren. Im Moment selbst erscheinen Entscheidungen häufig unbedeutend. Ein Kompromiss hier, ein zurückgestellter Wunsch dort, eine Grenze, die ein kleines Stück verschoben wird. Für sich genommen mag nichts davon dramatisch wirken. Erst später zeigt sich, dass aus diesen kleinen Beben eine ganze Kette von Ereignissen entstanden ist.

Costello erzählt damit auch davon, wie schwierig es ist, das eigene Leben zu verstehen, während man es gerade lebt. Im Nachhinein lassen sich Warnzeichen leichter erkennen und Entscheidungen neu bewerten. Doch die junge Anna besitzt dieses Wissen naturgemäß noch nicht. Gerade deshalb wäre es zu einfach, ihr späteres Verständnis auf die 19-Jährige zu übertragen und ihre Entscheidungen lediglich als Naivität abzutun.

Mit 256 Seiten ist „Ein geborgtes Leben“ vergleichsweise kompakt. Das passt zu einer Geschichte, die ihre Wirkung weniger aus einem ausufernden Plot als aus der genauen Beobachtung ihrer Hauptfigur gewinnt. Im Mittelpunkt stehen emotionale Abhängigkeit, Selbstaufgabe und das langsame Erwachen eines Bewusstseins dafür, dass ein erfülltes Leben nicht darin bestehen kann, dauerhaft den Vorstellungen anderer zu entsprechen. Dabei steckt bereits in der Handlung eine interessante Ambivalenz: Anna sucht in ihren Beziehungen offenbar Halt und verliert gerade dadurch den Halt zu sich selbst. Menschen können Geborgenheit vermitteln, aber Geborgenheit kann problematisch werden, wenn sie nur um den Preis der eigenen Selbstbestimmung zu bekommen ist. Costello interessiert sich für genau diese schwer sichtbare Grenze.

Dass die Geschichte 1985 beginnt, gibt Annas Entwicklung zusätzlich einen zeitlichen Rahmen. Der Roman begleitet keine Frau, die bereits fest im Leben steht, sondern eine sehr junge Erwachsene, deren Vorstellungen von Liebe und Partnerschaft sich überhaupt erst formen. Dadurch bekommt Peters Einfluss besonderes Gewicht. Die erste große Liebe kann schließlich auch bestimmen, was später als normal empfunden wird. „Ein geborgtes Leben“ dürfte deshalb besonders Leserinnen und Leser ansprechen, die psychologisch erzählte Romane mögen. Wer große äußere Ereignisse, schnelle Wendungen und dramatische Zuspitzungen erwartet, findet hier vermutlich nicht das richtige Buch. Mary Costello richtet den Blick nach innen. Das eigentliche Drama besteht darin, dass Anna lange nicht bemerkt, wie weit sie sich von sich selbst entfernt hat. Und so erzählt der Roman letztlich weniger davon, welchen Mann Anna liebt, sondern davon, ob sie lernen kann, sich selbst genügend Bedeutung zu geben. Peter und Karim sind wichtige Figuren ihres Lebens, doch die entscheidende Beziehung ist eine andere: Annas Verhältnis zu sich selbst.
29.09.2026 12:24 Uhr Kurz-URL: qmde.de/175920
Fabian Riedner

super
schade


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