Buchclub: «Die Sesamstraße - Der Bildband: über, unter und hinter den Kulissen»

Wie kommt Leben in Samson, Ernie, Bert oder das Krümelmonster? Martin Reinl und Julian Schlichting blicken hinter die Kulissen eines der langlebigsten Fernsehformate Deutschlands.

„Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum?“ Es gibt wahrscheinlich nur wenige Fernsehmelodien, bei denen mehrere Generationen schon nach wenigen Worten wissen, welche Sendung gemeint ist. Seit mehr als einem halben Jahrhundert gehört die «Sesamstraße» zum deutschen Fernsehen. Ernie und Bert, das Krümelmonster, Samson und später Finchen wurden zu Figuren, die viele Menschen seit ihrer Kindheit kennen. Doch während Millionen Zuschauer wissen, dass das Krümelmonster Kekse liebt, dürfte weit weniger bekannt sein, wie viel Arbeit eigentlich notwendig ist, damit ein solches Plüschwesen vor der Kamera lebendig erscheint.

Genau diese andere Seite der «Sesamstraße» wollen Martin Reinl und Julian Schlichting in „Die Sesamstraße – Der Bildband: über, unter und hinter den Kulissen“ zeigen. Das beim Lappan Verlag erschienene Buch umfasst 224 großformatige Seiten und versteht sich nicht einfach als nostalgische Sammlung bekannter Figuren. Vielmehr soll es zeigen, wie die Sendung gemacht wird und welche Menschen hinter den Puppen stehen.

Für dieses Vorhaben ist Martin Reinl geradezu prädestiniert. Der Puppenspieler kennt die Arbeit mit Klappmaulpuppen aus eigener Erfahrung. Zusammen mit Julian Schlichting, der sich intensiv mit der Geschichte der Sendung beschäftigt hat, kann er deshalb eine Perspektive einnehmen, die über eine chronologische Aufzählung von Figuren und Sendeterminen hinausgeht. Die beiden erzählen von Werkstätten, Dreharbeiten und Puppenspielern – also von jener Welt, die normalerweise außerhalb des Fernsehbildes bleibt.

Und gerade dort wird es interessant. Denn wer als Kind Samson gesehen hat, dachte vermutlich nicht darüber nach, dass irgendwo in diesem riesigen Kostüm ein Mensch steckt. Der Bildband erzählt unter anderem davon, dass für die Arbeit im Samson-Kostüm sogar eine ärztliche Unbedenklichkeitsbescheinigung notwendig war. Eine kleine Information, die schlagartig deutlich macht, wie körperlich anstrengend Puppenspiel sein kann.

Überhaupt lebt das Buch von solchen Details. Eine Figur entsteht schließlich nicht in dem Moment, in dem sie erstmals im Fernsehen auftaucht. Zuvor müssen Ideen entwickelt, Entwürfe angefertigt und Puppen gebaut werden. Danach beginnt die eigentliche Herausforderung: Aus Stoff, Schaumstoff und Mechanik muss eine Persönlichkeit werden. Bewegungen, Stimme und Timing müssen zusammenpassen, damit Zuschauer irgendwann nicht mehr den Puppenspieler vermuten, sondern tatsächlich nur noch Ernie, Bert oder Finchen sehen.

Der Untertitel „über, unter und hinter den Kulissen“ ist deshalb passend gewählt. Gerade das „unter“ dürfte für Fans besonders spannend sein. Fernsehen lebt schließlich häufig von der Illusion, dass alles ganz selbstverständlich funktioniert. Bei Puppensendungen ist diese Illusion besonders ausgeprägt. Die Spieler müssen aus Positionen agieren, die für die Kamera funktionieren, auch wenn sie für den Menschen dahinter alles andere als bequem sind.

Hinzu kommt der Blick in das Archiv. Material aus fünf Jahrzehnten dokumentiert die Entwicklung der deutschen «Sesamstraße», darunter Aufnahmen, die bislang nicht veröffentlicht wurden. Das macht den Band auch zu einem Stück Fernsehgeschichte. Denn an den Kulissen, Kostümen und Figuren lässt sich zugleich erkennen, wie sich Kinderfernsehen und Fernsehproduktion im Laufe der Jahrzehnte verändert haben.

Dabei besitzt die deutsche «Sesamstraße» eine besondere Geschichte. Das amerikanische «Sesame Street»-Konzept wurde nicht einfach dauerhaft eins zu eins übernommen. Die deutsche Ausgabe entwickelte eigene Figuren und einen eigenen Charakter. Gerade Samson und Finchen stehen für diese eigenständige Tradition und gehören heute ebenso selbstverständlich zum Kosmos der Sendung wie die ursprünglich amerikanischen Muppets.

Dass «Die Sesamstraße – Der Bildband» als Coffee Table Book angelegt ist, passt zum Thema. Das Buch möchte offensichtlich nicht nur von vorne bis hinten gelesen werden. Man kann darin blättern, bei einem bekannten Gesicht hängen bleiben, eine alte Aufnahme entdecken und anschließend bei einer Geschichte aus dem Produktionsalltag landen. Das große Format von knapp 24 mal 25 Zentimetern gibt den Bildern entsprechend Raum.

Damit richtet sich das Buch auch nur teilweise an Kinder. Natürlich können jüngere Fans Freude an den Figuren und Bildern haben. Der eigentliche Adressat dürfte jedoch die Generation sein, die selbst mit der «Sesamstraße» aufgewachsen ist und inzwischen wissen möchte, was damals hinter der Kamera geschah. Aus einem Kinderfernsehbuch wird dadurch gleichzeitig ein Nostalgiebuch für Erwachsene.

Besonders reizvoll ist die Kombination aus Wiedererkennung und Insiderwissen. Ein reiner Rückblick hätte sich leicht darin erschöpfen können, noch einmal bekannte Figuren und große Momente zusammenzustellen. Reinl und Schlichting interessieren sich stattdessen für die Mechanik hinter der Magie. Wer steckt in einem Kostüm? Wie wird eine neue Figur entwickelt? Wie funktionieren Klappmaulpuppen? Und wie sieht ein Drehtag aus, wenn die eigentlichen Stars aus Plüsch bestehen?

Gerade für Fernsehliebhaber macht das den Band interessant. Denn die Geschichte der «Sesamstraße» ist zugleich eine Geschichte darüber, wie Fernsehen entsteht. Hinter wenigen Minuten scheinbar müheloser Unterhaltung stehen Handwerk, Technik, Autoren, Puppenbauer und Spieler. Dass Kinder davon möglichst nichts bemerken sollen, gehört letztlich zur Kunst.

Natürlich spielt Nostalgie trotzdem eine gewaltige Rolle. Wer Ernie und Bert, Samson oder das Krümelmonster seit Jahrzehnten kennt, dürfte bei zahlreichen Bildern sofort Erinnerungen an die eigene Kindheit entwickeln. Aber der Band bleibt nicht bei diesem wohligen Wiedererkennen stehen. Er zeigt, wie diese Erinnerungen überhaupt produziert wurden.
13.10.2026 12:54 Uhr Kurz-URL: qmde.de/175696
Sebastian Schmitt

super
schade


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• Sesamstraße • Sesame Street • Die Sesamstraße – Der Bildband

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