Mit «City of Blood» wagt Philipp Kadelbach eine deutsche Vampir-Dystopie, die Unterhaltung mit politischer Allegorie verbindet. Im Interview spricht der Showrunner über eine rückwärtsgewandte Zukunft, Moral als Privileg und die Schwierigkeiten, ambitionierte Genrestoffe im deutschen Markt zu realisieren.
Herr Kadelbach, «City of Blood» basiert auf der Graphic Novel „Berlinoir“, entfernt sich aber teilweise deutlich von der Vorlage. Was war für Sie der Punkt, an dem Sie wussten: Wir müssen diese Welt nicht einfach adaptieren, sondern für die Gegenwart neu erfinden?
Was das Weltenkonzept der Comic-Adaption angeht, hat Elena Lyubarskaya hier die entscheidenden Grundpfeiler gesetzt. Da die 20er Jahre aus der Vorlage filmisch bereits sehr besetzt sind, hat Elena die Serie in eine nahe Zukunft verlegt, in der der Dome nicht nur für die Vampire, sondern auch für die Menschen attraktiv ist. Besonders spannend fand ich dabei, eine Welt zu erzählen, die sich einen Schritt weiter, aber gleichzeitig rückschrittlich anfühlt - eine Zukunft, in der wir durch selbstgemachte gesellschaftliche und klimatische Einflüsse zivilisatorische Errungenschaften wieder verlieren.
Ihre Vampire versprechen den Menschen Schutz vor den Folgen des Klimawandels, verlangen dafür aber letztlich deren Blut. Wie wichtig war Ihnen diese Idee eines vermeintlich guten Angebots, bei dem die Menschen erst spät erkennen, welchen Preis sie für Sicherheit und Wohlstand zahlen?
Bei «City of Blood» wollten wir natürlich in unterhaltsamer Form eine politische Allegorie erzählen. Und letztendlich lässt sich überall auf der Welt, in der Geschichte und auch bei uns selbst beobachten, wie leicht es oft ist, für die Sicherung der eigenen Existenz - oder sogar nur für den eigenen Vorteil - Kompromisse einzugehen, deren Konsequenzen wir erst einmal ausblenden, weil der unmittelbare Vorteil einfach zu attraktiv ist. Wir alle klammern uns an die Hoffnung, dass jemand die Lösung hat. Und je bedrohlicher die Situation, desto wichtiger diese Hoffnung, desto größer die Sehnsucht nach einem „Retter". Und tatsächlich wirkt das Versprechen von ein bisschen Blut gegen ein besseres Leben zunächst attraktiv - man denkt sich: Warum eigentlich nicht? Aber gleichzeitig lässt man sich damit natürlich auf einen Pakt mit einer unbekannten Macht ein. Und irgendwann wird aus der Freiwilligkeit eine Bedingung.
Die Serie beschreibt auch, wie sich eine Gesellschaft schleichend in Richtung Autokratie bewegt und Menschen Teile ihrer Freiheit freiwillig aufgeben. Wie politisch wollten Sie «City of Blood» erzählen, ohne aus der Serie eine politische Lehrstunde zu machen?
Natürlich hat die Geschichte einen politischen Kern, aber uns ging es in erster Linie darum, zu unterhalten. Gerade durch das fantastische Element der Vampire und ihrer speziellen Dome-Technologie bewegen wir uns klar aus der Realität heraus - und ich glaube, nur dadurch können wir die Geschichte überhaupt so erzählen. Denn durch das Genre, die emotionale Geschichte der Schwestern und die Action-Elemente wollen wir klar unterhalten, die politische Ebene verbindet das Ganze mit unserer Welt und erdet das Fantastische. Und andersherum macht das Fantastische diese doch sehr beunruhigende Welt erträglicher.
Sie schreiben in Ihrer Showrunner’s Note sinngemäß, Moral sei häufig ein Privileg, weil sich eine bestimmte Haltung leichter vertreten lässt, wenn man nicht ums Überleben kämpfen muss. Spiegelt sich dieser Gedanke besonders in den beiden Schwestern Bea und Phoebe wider?
Dieser Gedanke spiegelt sich auf jeden Fall in den Schwestern wider. Phoebe, die auf der Straße aufgewachsen ist und sich schon immer durchschlagen musste, findet das Angebot der Vampire zunächst attraktiv - sie sieht darin eine Chance. Bea hingegen, behütet und gut ausgebildet aufgewachsen, sieht das sehr viel kritischer. Sie kann sich nicht wirklich in die Position ihrer Schwester hineinversetzen, die ihr Leben lang mit einer anderen Realität konfrontiert war. Und genau das erleben wir ja auch selbst immer wieder: dass wir aus unserer eigenen „Bubble“ heraus urteilen.
Vampire sind im Kino und Fernsehen unzählige Male erzählt worden – von Horror über Gothic bis zur großen Romanze. Sie wollten ausdrücklich keinen dieser klassischen Wege gehen. Wie schwierig ist es heute überhaupt noch, dem Vampirmythos etwas Eigenständiges hinzuzufügen?
Eine Vampir-Geschichte neu zu definieren und gleichzeitig die Erwartungshaltung der Vampir-Fans zu erfüllen, ist sicherlich eine Herausforderung, und wir werden sicherlich einige Erwartungen enttäuschen, da wir nicht mit den üblichen „tropes“ arbeiten: Bei «City of Blood» steht keine Love-Story im Zentrum und die Vampire haben außer der Unsterblichkeit keine besondere Superpower. Wir fanden es spannend, Vampire zu erzählen, die dadurch, dass der Mensch, von dem sie abhängig sind, in seiner Existenz zunehmend bedroht wird, selbst gezwungen sind, in die Geschehnisse einzugreifen, um ihre eigene Existenz zu retten. Das habe ich so noch nicht wirklich gesehen.
Die Zukunft Berlins sollte bewusst nicht nach Science-Fiction aussehen: keine futuristischen Gadgets, sondern Hitze, Müll, Verfall und eine Gesellschaft, die eher einen Rückschritt erlebt. Warum war Ihnen diese physische, fast schmutzige Form der Dystopie so wichtig?
Zukunftsvisionen werden oft sehr High-Tech gezeigt, und dabei habe ich oft das Gefühl, dass diese Welten eine gewisse Distanz zum Zuschauer schaffen. Unabhängig davon ist unsere hochentwickelte Welt inzwischen so fragil, dass Fortschritt und Rückschritt gleich nah zu liegen scheinen - und genau das zu erzählen fanden wir spannend. In einer immer kapitalistischer orientierten Welt steht der Vorteil des Einzelnen im Vordergrund, während die Verantwortung für die Gesellschaft und die Zukunft der Nachkommen in den Hintergrund tritt. Der Dome ist eine Antwort auf die Symptome der Klimakatastrophe, statt die Ursachen anzugehen. Auch das beobachten wir leider immer mehr in unserer Welt. So ist die Welt von «City of Blood», auch wenn teilweise fantastisch und überzogen, gleichzeitig leider gar nicht so fern.
Sie haben sich bewusst gegen einen überwiegenden Studiodreh entschieden und mit realen Motiven gearbeitet. Gleichzeitig benötigt eine Welt wie «City of Blood» erhebliche Ausstattung und visuelle Effekte. Wo verlief für Sie die Grenze zwischen real gebauter Welt und digitaler Erweiterung?
Wir haben versucht, alles an echten Locations zu drehen, die den Verfall teilweise schon mitgebracht haben - dafür haben wir besonders viel Zeit in die Motivsuche investiert. Aber natürlich mussten wir an der einen oder anderen Stelle digital nachhelfen: etwa um den Dome zu erschaffen, Grün zu eliminieren, die Spree austrocknen zu lassen oder den Breitscheidplatz nach Brünn zu holen, wo wir die Dome-Plaza gedreht haben.
Sie sind bei «City of Blood» nicht nur Regisseur, sondern Showrunner, Creator, Autor und Executive Producer. Wie verändert sich Ihre Arbeit als Regisseur, wenn Sie gleichzeitig die Verantwortung für das gesamte kreative Universum einer achtteiligen Serie tragen?
Ehrlich gesagt war es für mich nicht so viel anders als sonst - ich drehe bei Serien meistens alle Episoden und damit übernimmt man automatisch eine gewisse Verantwortung, inhaltlich wie produktionell. Wichtig war mir vor allem die enge Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma, um innerhalb des Budgetrahmens gemeinsam die bestmöglichen Lösungen zu finden – gerade auch dann, wenn unterwegs Probleme auftauchen. Bei «City of Blood» kam ich recht früh dazu und bin dadurch von Anfang an sehr tief eingestiegen und auch die lange Postproduktion habe ich eng bis zum Schluss begleitet. Aber am Ende ist es vor allem eine Teamleistung - ohne die unermüdliche Arbeit von Amusement Park, den AutorInnen und den fantastischen Heads of Departments und ihren Teams und dem wunderbaren Schauspieler-Ensemble wäre davon nichts möglich gewesen.
Amelie von Kienlin schreibt im Presseheft, dass sich die Branche zunehmend auf bewährte Konzepte und etablierte IPs konzentriert und Produktionen dieser Dimension aus Deutschland heraus seltener werden. Wie schwierig ist es 2026 geworden, eine ambitionierte deutsche Genrestoff-Produktion wie «City of Blood» überhaupt finanziert und umgesetzt zu bekommen?
Das ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt. Deutschland ist einfach ein unglaublich schwieriger Markt, an dem sich gerade die internationalen Streamer mit den lokalen Produktionen immer wieder die Zähne ausbeißen. Der Erfolg sollte durch gewisse Parameter bestmöglich schon von vornherein definiert sein, das lässt nur bedingt Mut zu. Und ich würde mir wünschen, dass die deutschen Zuschauer gerade im Fernsehbereich mit ihren lokalen Produktionen manchmal etwas wohlwollender umgehen würden, Ambition nicht direkt vernichten und nicht gleich den US-Maßstab ansetzen. Oft ist das beste Kompliment, dass etwas international aussieht. Außergewöhnliche Produktionen wie «Dark» oder «Deutschland 83» feierten vor allem im Ausland ihre großen Erfolge - statt hier in Deutschland, wo sie entstanden sind. Um uns kreativ weiterentwickeln zu können, sind wir nicht nur auf mehr Offenheit auf Sender- und Streamerseite angewiesen, sondern auch beim Zuschauer. «City of Blood» ist sicherlich eine ungewöhnliche Produktion, die sich nicht so einfach in vorgefertigte Schemata pressen lässt - umso dankbarer sind wir Disney und dem großartigen Local Production Team, dass wir hier etwas wagen durften.
Mit Lea Drinda, Soma Pysall, Jördis Triebel, Lars Eidinger, Melika Foroutan, Dagmar Manzel, Tom Schilling und vielen weiteren haben Sie ein außergewöhnlich großes Ensemble. Gleichzeitig muss eine neue Streamingserie ihr Publikum sehr schnell in eine völlig fremde Welt hineinziehen. Was muss in den ersten Minuten von «City of Blood» passieren, damit die Zuschauer bereit sind, sich auf dieses Universum einzulassen?
Piloten sind immer die größere Herausforderung, da, wie Sie sagen, die Welt etabliert werden muss - was nicht einfach ist, gerade wenn sie sich von der unsrigen unterscheidet. Uns war es wichtig, dass der Zuschauer direkt mit den Schwestern einen emotionalen Anker findet, mit dem er mitgehen kann. Und die erste Szene ist natürlich von Anfang an sehr dramatisch. Wir wollten erreichen, auch wenn man die Welt vielleicht nicht sofort vollständig versteht, einen Sog und eine Atmosphäre zu erzeugen, die den Zuschauer motivieren, weiterzuschauen. Und wir hoffen natürlich, dass uns das auch gelingt.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«City of Blood» ist seit 16. September bei Disney+ abrufbar.
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