Mit «Billie» verbindet Sheri Hagen das Thema häusliche Gewalt mit Freundschaft, schwarzem Humor und Zivilcourage. Die Autorin, Regisseurin und Produzentin spricht über widersprüchliche Figuren, die Kraft weiblicher Solidarität und darüber, warum Repräsentation für sie weit über das bloße Besetzen von Rollen hinausgeht.
Frau Hagen, «Billie» erzählt von häuslicher Gewalt, Freundschaft und Zivilcourage, aber gleichzeitig finden sich auch humorvolle Momente. Warum war Ihnen diese ungewöhnliche Tonalität so wichtig?
Ja das ist richtig, «Billie» ist ein Film über Freundschaft und Zivilcourage, das ist mir in meiner Arbeit gerade in dieser Zeit, grundlegend wichtig. Und das Leben selbst ist nie wirklich eindimensional, auch nicht in Situationen, die von Gewalt geprägt sind. Menschen lachen, machen Witze, haben Hoffnung und erleben auch schöne Momente, selbst wenn sie gleichzeitig mit Gewalt konfrontiert sind. Humor hilft dabei durchzuhalten und Zuversicht zu gewinnen, er schafft Nähe zum Publikum und erlaubt uns auszuatmen, bevor wir wieder mit der Realität konfrontiert werden. Gerade dadurch, können ernste Momente umso stärker wirken.
In Ihrer Director's Note schreiben Sie, dass Gewaltbeziehungen nicht eindimensional seien. Wie haben Sie diese Vielschichtigkeit filmisch umgesetzt, ohne das Thema zu verharmlosen?
Unterschiede greifbar zu machen, Geheimnisse zu lüften, Perspektiven zu verschieben - die Vielschichtigkeit eines Films in Form und Inhalt ist für mich der wirkliche künstlerische Wert. Thematisch habe ich in «Billie» versucht, die Figuren nicht auf ihre Rolle als Täter oder als Opfer zu reduzieren. Gewaltbeziehungen bestehen häufig aus widersprüchlichen Gefühlen: Liebe, Angst, Hoffnung, Verzweiflung, Abhängigkeit und Scham und dann auch immer wieder dem Wunsch, dass sich etwas doch noch verändern könnte. Diese Ambivalenz wollte ich zeigen, ohne die Gewalt zu relativieren. Entscheidend war für mich, die unterschiedlichen Perspektiven der Betroffenen ernst zu nehmen und gleichzeitig Haltung zu zeigen, dass Gewalt niemals Liebe ist. Die filmische Sprache sollte diese Spannung aufdecken und aushalten, anstatt einfache Antworten zu geben.
Der Film entwickelt sich von einem persönlichen Familiendrama zu einer Geiselnahme in einer Bank. Was hat Sie an dieser außergewöhnlichen Erzählkonstruktion gereizt?
Mich hat interessiert, wie eine private und unterdrückte Geschichte plötzlich eine öffentliche Dimension bekommt. Eine Bank ist ein ungewöhnlicher Ort für die Geschichte, aber gerade deshalb funktioniert sie für mich so gut: Es entsteht eine Extremsituation, in der Menschen gezwungen werden, Position zu beziehen. Die Geiselnahme ist dabei für mich nicht nur ein Spannungselement, sondern bedingt Stress und Konfrontation, Menschen brechen auf, werden mit anderen Lebensrealitäten konfrontiert, und stoßen so auf essentielle Fragen. Es ergibt sich dadurch eine differenzierte und druckvolle Erzählung, die es mir ermöglicht, die ganz persönlichen Konflikte der Figuren auf eine größere gesellschaftliche Ebene zu heben.
Im Mittelpunkt stehen Nina und Angie: Das sind zwei Frauen, die auf ganz unterschiedliche Weise unter Druck geraten. Warum war Ihnen diese enge Freundschaft als emotionales Zentrum der Geschichte wichtig?
Freundschaft hat eine enorme Kraft und kann heilen. Nina und Angie sind sehr unterschiedlich, aber genau darin liegt ihre Stärke. Sie geben einander etwas, das sie allein vielleicht nicht finden würden: Vertrauen, Mut und die Gewissheit, nicht allein zu sein. Für mich war wichtig zu erzählen, dass Empowerment nicht immer bedeutet, eine Heldin zu sein, die alles alleine schafft. Manchmal beginnt Kraft und Zuversicht damit, dass jemand an dich glaubt und neben dir steht.
«Billie» versteht sich auch als Empowerment für Frauen. Welche Botschaft möchten Sie Betroffenen und dem Publikum mit auf den Weg geben?
Vor allem: Du bist nicht allein und du bist nicht schuld. Gewalt darf niemals normalisiert werden, und niemand muss sie still ertragen. Gleichzeitig möchte ich auch Menschen im Umfeld ermutigen, hinzuschauen und nicht wegzusehen und auch die Stimme zu erheben. Zivilcourage bedeutet nicht unbedingt, selbst eine große Heldentat zu vollbringen. Manchmal beginnt sie mit einer Frage, einem Zuhören oder dem Angebot, da zu sein. Ich hoffe, dass der Film den direkt Betroffenen, und den Menschen, die Hilfe leisten, Mut macht.
Ihre Figuren haben Migrationsgeschichten, ohne dass diese ihre gesamte Identität bestimmen. Warum war Ihnen diese Selbstverständlichkeit in der Darstellung so wichtig?
Weil Menschen mehr sind als ihre Herkunft. Migrationsgeschichte gehört zur Biografie meiner Figuren, aber sie definiert nicht, was sie als Menschen ausmacht. Sie haben Freundschaften, Beziehungen, Träume, Konflikte, Humor und Widersprüche, genau wie alle Menschen. Ich wollte Figuren zeigen, bei denen Herkunft nicht ständig erklärt oder problematisiert werden muss - wozu auch? Diese Selbstverständlichkeit empfinde ich als einen notwenigen Schritt hin zu einer vielfältigeren und realistischeren Erzählweise. Es impliziert universelles Verständnis und Freude an Veränderung, für mich unumgänglich in einer modernen Welt.
Sie haben den Film nicht nur inszeniert, sondern auch geschrieben und produziert. Welche Vorteile bietet es Ihnen, eine Geschichte von der ersten Idee bis zum fertigen Film selbst begleiten zu können?
Es gibt mir die Möglichkeit, meine Vision sehr konsequent zu verfolgen. Beim Schreiben entstehen die Figuren und die Welt des Films, beim Produzieren muss man diese Vision unter realen Bedingungen ermöglichen, und bei der Regie wird beides lebendig. Diese drei Perspektiven beeinflussen sich in guter Form und gebären das wichtigste in der kreativen Arbeit: Freiheit. Gleichzeitig bedeutet es natürlich auch sehr viel Verantwortung. Eine Verantwortung, die ich mir mit meinen starken Head of Departments teilen durfte.
Ihre Produktionsfirma Equality Film hat sich zum Ziel gesetzt, Perspektiven sichtbar zu machen, die im Kino häufig unterrepräsentiert sind. Hat «Billie» diesen Anspruch besonders gut verkörpert?
Ja, ich glaube, Billie verkörpert diesen Anspruch sehr deutlich. Nicht nur, weil wir Schwarze Frauen in den Mittelpunkt stellen, sondern weil wir ihnen komplexe, widersprüchliche und aktive Rollen geben. Auch hinter der Kamera war mir die Besetzung von unterrepräsentierten Stimmen wichtig, für mich bedeutet Repräsentation nicht, einfach bestimmte Kästchen abzuhaken. Es geht darum, Geschichten zu erzählen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen selbstverständlich im Mittelpunkt ihrer Geschichten stehen können, wie auch hinter der Kamera, in Führungspositionen ihren Teil zum kreativen Prozess beisteuern können.
Der Film wurde bereits auf mehreren Festivals gezeigt und unter anderem beim Pan African Film Festival ausgezeichnet. Welche Reaktionen des Publikums haben Sie dabei besonders bewegt?
Mich berührt vor allem, wenn Menschen nach einer Vorstellung zu mir kommen und erzählen, dass sie sich in einer Figur wiedererkannt haben oder dass der Film etwas in ihnen ausgelöst hat. Besonders stark finde ich die Gespräche, die entstehen, wenn Zuschauer*innen über eigene Erfahrungen oder die Erfahrungen von Menschen in ihrem Umfeld sprechen. Eine Auszeichnung freut mich natürlich sehr, aber diese unmittelbaren Begegnungen mit dem Publikum bedeuten mir mindestens genauso viel. Dann hat der Film über die Leinwand hinaus etwas bewirkt.
Sie waren viele Jahre selbst als Schauspielerin tätig. Wie beeinflusst diese Erfahrung heute Ihre Arbeit mit dem Ensemble vor der Kamera?
Sehr stark. Ich kenne die Situation vor der Kamera und weiß, wie verletzlich man sich als Schauspieler*in manchmal fühlt. Deshalb ist mir am Set ein Raum wichtig, in dem die Schauspieler*innen sich sicher fühlen und gleichzeitig mutig sein können, mir vertrauen - die Balance zu finden ist aber nicht immer leicht, bleibt eine Herausforderung und auch das ist wichtig und manchmal schön.
In Ihren Filmen stehen häufig gesellschaftlich relevante Themen im Mittelpunkt. Haben Sie beim Schreiben zuerst die Botschaft im Kopf oder entstehen Ihre Geschichten zunächst über die Figuren?
Sehr unterschiedlich, mal die Botschaft und mal die Figuren, wie bei meinen ersten Film «Auf Den Zweiten Blick». Dann entwickeln sich Konflikte und irgendwann wird sichtbar, welche tatsächliche gesellschaftlichen Themen dahinter liegen. Ich begebe mich sozusagen auf eine, in jeder Form, spannende Reise.
Danke für Ihre Zeit!
«Billie» ist ab 16. September 2026 in deutschen Kinos zu sehen.
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