Seit 30 Jahren verbindet der «schlachthof» politisches Kabarett mit Gesprächen und Comedy. Producerin Christiane Preute spricht über den Wandel seit Ottfried Fischer, aggressiver gewordene Publikumsreaktionen, die Bedeutung des linearen Fernsehens und darüber, warum der BR dem Format einst die nötige Zeit zum Wachsen gab.
Der «schlachthof» feiert in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag. Was macht Sie persönlich am meisten stolz, wenn Sie auf drei Jahrzehnte Sendungsgeschichte zurückblicken?
Besonders stolz macht mich, dass wir uns von einem Nischen-Experiment zu einer festen Größe für Kabarett und Comedy in der deutschen Medienlandschaft entwickelt haben und dass die Gäste immer wieder gerne zu uns kommen.
Sie begleiten das Format seit vielen Jahren. Wie hat sich der «schlachthof» inhaltlich und redaktionell in dieser Zeit verändert und was ist bis heute unverändert geblieben?
In den Jahren mit Ottfried Fischer war er der Nukleus des Geschehens, die Sendung wurde um ihn herum gestrickt. Dabei stand der Stammtischgedanke im Mittelpunkt, das Ratschen mit Freunden und Kollegen. Ottfrieds krankheitsbedingter Abgang fiel mit dem Wechsel des Sendeplatzes auf den Donnerstagabend und den veränderten Sehgewohnheiten der Zuschauer zusammen: Der «schlachthof» wurde schneller, kleinteiliger und aktueller konzipiert als "Ottis". Auch die Entscheidung, mit Michael Altinger und Christian Springer zwei gleichberechtigte Gastgeber zu installieren, hat die Dynamik erhöht. Bis zum Ausbruch der Pandemie waren wir zudem eine Livesendung. Über 30 Jahre unverändert geblieben ist der Spaß an Satire, Quatsch und Widerspruch, das Interesse an den Gästen und ihren Geschichten und die Suche nach neuen, spannenden Kabarettistinnen und Comedians.
Am Anfang stand Ottfried Fischer mit einem Stammtisch-Konzept, das sich schnell weiterentwickelte. Wann wurde Ihnen klar, dass daraus eine echte Institution des politischen Kabaretts entstehen würde?
Anfangs dümpelten wir mit niedrigen Quoten dahin, aber der damalige BR-Unterhaltungschef Dr. Hanns Helmut Böck glaubte an uns und ließ uns machen – in der heutigen schnelllebigen Medienlandschaft wäre das schwieriger. So hatten wir Zeit, uns zu entwickeln und in die Herzen der Zuschauer zu spielen. Nicht zu vergessen, dass sich die Crème de la Crème des deutschen Kabaretts um Ottfried versammelte – irgendwann waren wir dann "Der Stammtisch der Nation" rund um seinen scharfsinnigen Gastgeber im Zentrum.
Ottfried Fischer war damals nicht nur Kabarettist, sondern gleichzeitig durch Serien wie «Ein Bayer auf Rügen», «Der Bulle von Tölz» und «Ein Pfundskerl» einer der bekanntesten Fernsehdarsteller Deutschlands. Hat diese enorme Popularität dem «Schlachthof» in den Anfangsjahren zusätzlichen Schub verliehen?
Es war ein Glücksfall für uns, dass ungefähr zeitgleich mit «Ottis Schlachthof» auf Sat.1 der mittlerweile legendäre «Bulle von Tölz» startete und mit Ottfrieds steigender Beliebtheit als Kommissar Benno Berghammer auch mehr Zuschauer zum «Schlachthof» kamen.
2013 übernahmen Michael Altinger und Christian Springer die Moderation. Wie groß war damals die Sorge, dass das Publikum einen «Schlachthof» ohne Otti Fischer nicht akzeptieren würde?
Da Ottfried Fischer in der Zwischenzeit zu einer Institution geworden war und "Der Otti" in Bayern fast schon als Nationalheiliger galt, haben wir uns natürlich Gedanken gemacht, ob und wie ein Nachfolgeformat funktionieren könnte. Dadurch, dass sowohl Michael Altinger als auch Christian Springer schon lange mit Ottfried in verschiedensten Funktionen gearbeitet hatten und auch befreundet waren, wurde es dann glücklicherweise weniger eine Übernahme als vielmehr die Übergabe des Staffelstabs – beide hätten die Sendung ohne Ottfrieds Segen auch nie übernommen. Hinzu kam, dass beide sich bereits über viele Jahre einen Namen als Kabarettisten und Komiker gemacht hatten – nicht nur im BR. Wir haben uns also um einen möglichst geschmeidigen Übergang bemüht, und ich denke, das ist uns gelungen.
Der «schlachthof» lebt von politischen Pointen, aber auch von Nachwuchstalenten. Wie gelingt es Ihnen, bekannte Kabarettgrößen und neue Stimmen immer wieder in einer Sendung zusammenzubringen?
Hier gilt wie so oft: "Die Mischung macht's". Wir haben "Stammgäste", die wir und die uns gut kennen. Daher kann man gut einschätzen, ob die Chemie mit einem unerprobten Neuzugang stimmen könnte. Mit dem oder der "Neuen" sprechen wir zuvor natürlich, um ein Gefühl für ihre/seine Art des Humors zu bekommen. Man kann dann immer noch Pech haben, und die Dynamik stimmt dann am Abend bei der Aufzeichnung doch nicht – aber das kommt sehr selten vor. Auch, weil wir am Produktionstag ab Mittag zusammen sind, proben, reden, gemeinsam essen etc. – da kann man sich gut miteinander eingrooven.
Die politische Stimmung hat sich in den vergangenen 30 Jahren stark verändert. Ist es heute schwieriger geworden, politisches Kabarett zu machen als noch in den 1990er-Jahren?
Das Klima ist rauer geworden, und Zuschauermails mit Kritik sind leider oft aggressiver als früher. Die Dünnhäutigkeit der Gesellschaft in diesen krisenhaften Zeiten bekommen auch wir zu spüren. Dennoch ist die Arbeit am und im politischen Kabarett weitestgehend gleichgeblieben: Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern gefordert, Spott auch – aber nie unter die Gürtellinie oder persönlich verletzend. Allerdings hat sich im Laufe der Zeit auch einiges verändert: In den Neunzigerjahren wurden z.B. ohne Hintergedanken misogyne Äußerungen gemacht, die heute nicht mehr akzeptiert würden – früher war eben doch nicht alles besser.
Früher wurde am Stammtisch häufig kontrovers diskutiert, heute stehen die Bühnenauftritte stärker im Mittelpunkt. Wie bewusst wurde dieser Wandel gestaltet?
Haben Sie diesen Eindruck? Der Rhythmus Bühne – Talk – Bühne – Talk ist der gleiche geblieben, nur sind mittlerweile noch die Sketche dazugekommen. Gerade weil der Gesprächsanteil uns von anderen Comedyformaten unterscheidet, legen wir Wert darauf, dass die Gespräche nicht zu kurz kommen.
Viele Kabarettsendungen sind in den vergangenen Jahren verschwunden. Warum funktioniert der «schlachthof» aus Ihrer Sicht bis heute, während andere Formate eingestellt wurden?
Vielleicht ist es auch hier die Mischung: Ein über viele Jahre etabliertes Satireformat in gewohnter Atmosphäre, das jeden Monat aufs Neue versucht, die Themen zu verhandeln, die die Leute umtreiben, und dabei im besten Fall ein paar Impulse zum gesellschaftlichen Diskurs zu setzen – und zwar ohne zu langweilen und ohne erhobenen Zeigefinger.
Kabarett findet heute nicht mehr nur im Fernsehen statt, sondern auch auf YouTube, in Podcasts und den sozialen Netzwerken. Welche Rolle spielt das klassische Fernsehen für den «schlachthof» heute noch?
Der «schlachthof» ist nach wie vor ein lineares Fernsehformat – wobei YouTube und Social Media als Multiplikatoren wirken. Besonders unsere Sketche laufen hier sehr erfolgreich. Das klassische Fernsehen ist also auch heute noch unsere Basis, und dort hat der «schlachthof» konstant starke Quoten.
Für die Jubiläumsausgabe kehren viele bekannte Gesichter zurück, darunter auch Ottfried Fischer. Worauf dürfen sich die Zuschauer besonders freuen, ohne zu viel zu verraten?
Dass Ottfried Fischer uns zur Jubiläumsshow beehrt, freut uns alle sehr. Wir werden sowohl "alte" Kollegen wie Günter Grünwald, Luise Kinseher und Alfred Dorfer als auch "neue" wie Martin Frank, Teresa Reichl und Berni Wagner im Wirtshaus im Schlachthof versammeln und uns allen hoffentlich einen schönen Abend bereiten. Michael Altinger und Christian Springer bieten Bühnenauftritte, Talk, Sketche und wie immer gute Laune.
Danke für Ihre Zeit!
«30 Jahre Schlachthof - Die Jubiläumsshow» ist am Donnerstag, 17. September, um 21.00 Uhr im BR Fernsehen zu sehen.
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