Einst war Frank Battermann Talkshow-Dauergast, später wurde er zum Fernsehnostalgiker. Inzwischen bestimmen Wollnys, Influencer-Streit und persönliche Auseinandersetzungen seine «Fernsehschatztruhe». Eine bemerkenswerte Entwicklung.
Wer vor einigen Jahren auf die „Fernsehschatztruhe“ stieß, bekam ziemlich genau das, was der Name versprach. Frank Battermann und Alex Schindler blickten auf vergangene Fernsehzeiten zurück, sprachen über Shows und Serien und luden Menschen ein, die an der deutschen Fernsehgeschichte mitgeschrieben hatten. Auch Quotenmeter stellte den damaligen Podcast im Jahr 2022 vor. Inzwischen ist aus der Schatztruhe allerdings ein gänzlich anderes Format geworden. Wer heute einschaltet, findet dort vor allem Stars, Skandale, Social-Media-Streitigkeiten und Reality-TV.
Battermann selbst macht daraus kein Geheimnis. In der aktuellen Kanalbeschreibung bezeichnet er sich als „Meinungsblogger und Content Creator“, gesprochen wird über Reality-TV, Prominente, Social-Media-Beef, Interviews und Reaktionen. Als eines der wichtigsten Themen wird ausdrücklich die «Akte Wollny» genannt. Rund 35.000 Menschen folgen dem Kanal inzwischen. Die Transformation vom nostalgischen Fernsehtalk zum digitalen Boulevardformat ist damit praktisch abgeschlossen.
Bemerkenswert ist das auch wegen Battermanns eigener Medienbiografie. Schon lange vor YouTube suchte er die Öffentlichkeit. Nach eigenen Angaben war er zwischen 1997 und 1999 in mehr als 15 Daily-Talkshows zu sehen. Seine zahlreichen Auftritte machten ihn schließlich selbst zum Fernsehphänomen: Stefan Raab nominierte ihn bei «TV total» für den „Raab der Woche“ als Talkshow-Hopper. Später arbeitete Battermann unter anderem als Radiomoderator. Aus dem Menschen, der einst selbst Bestandteil jener Fernsehwelt war, über die sich «TV total» lustig machte, wurde Jahrzehnte später jemand, der die Medienauftritte anderer kommentiert.
Und inzwischen geht es dabei häufig ziemlich persönlich zu. Ein prominentes Beispiel sind die Wollnys. Battermann führte ausführliche Gespräche mit Calantha Wollny und machte deren Konflikt mit ihrer Familie zu einem wiederkehrenden Bestandteil seines Kanals. Die Reichweite zeigte, dass das funktioniert: Ein großes Interview mit Calantha Wollny kam nach Angaben von „TV Movie“ innerhalb von nur drei Tagen auf fast 132.000 Abrufe. Darin wurden erhebliche Vorwürfe gegen Mitglieder der Familie und Fragen rund um die RTLZWEI-Produktion thematisiert. Der Sender erklärte auf Anfrage des Magazins, man kommentiere private innerfamiliäre Konflikte nicht; zu Vertragsinterna äußere man sich ebenfalls nicht.
Battermann beschränkt sich längst nicht mehr darauf, Reality-TV zu besprechen. Er wird zum Beteiligten. Gemeinsam mit Calantha Wollny unterstützte er beispielsweise eine Petition gegen eine Fortsetzung von «Die Wollnys». Damit verändert sich die Rolle: Der Beobachter berichtet nicht mehr nur über den Gegenstand, sondern versucht selbst, auf ihn einzuwirken. Ähnlich problematisch kann diese Vermischung bei anderen ehemaligen Reality-TV-Teilnehmern werden. Personen, die vor Jahren oder Jahrzehnten im Privatfernsehen bekannt wurden, tauchen in der gegenwärtigen Reality- und Gossip-Berichterstattung wieder auf. Dazu gehören auch frühere Kandidaten von Formaten wie «Schwiegertochter gesucht». Aus längst vergangenen Fernsehauftritten werden neue Geschichten, Reaktionen und Konflikte produziert. Battermann versteht seine Arbeit dabei ausdrücklich als meinungsstarke Beschäftigung mit den Beteiligten.
Das ist zunächst vollkommen legitim. Wer öffentlich auftritt, darf öffentlich kritisiert werden. Und selbstverständlich darf ein YouTuber die Aussagen ehemaliger Reality-Darsteller analysieren, Widersprüche benennen oder fragwürdige Fernsehmomente wieder hervorholen. Allerdings entsteht ein merkwürdiges Missverhältnis, wenn ausgerechnet ein Medienmacher, dessen eigenes öffentliches Leben zahlreiche ungewöhnliche Kapitel enthält, gegenüber seinen Protagonisten zunehmend die Position des Aufklärers oder moralischen Kommentators einnimmt.
Denn mittlerweile hat sich um Battermann selbst eine zweite Öffentlichkeit gebildet. Besonders interessant ist dabei das Medienportal „Massengeschmack“. Dessen Betreiber Holger Kreymeier stand Battermann in der Vergangenheit durchaus zur Seite, verteidigte ihn öffentlich und unterstützte ihn teilweise auch in seinen Auseinandersetzungen. Dadurch wurden Battermann und seine Konflikte überhaupt erst verstärkt zum Thema innerhalb der „Massengeschmack“-Community. Inzwischen fällt allerdings auf, dass Kreymeier sich bei den neuerlichen Kontroversen weitgehend zurückhält, während im Forum weiterhin ausführlich über Battermann diskutiert wird. Das ist ausdrücklich kein Beleg dafür, dass sämtliche dort erhobenen Vorwürfe zutreffen. Rechtsanwalt Alexander Boos, der in Verfahren eine Gegenseite Battermanns vertreten hat, beschäftigt sich in eigenen Videos ausführlich mit den Konflikten und deren gerichtlicher Aufarbeitung. Battermann wiederum äußert sich öffentlich zu seinen Auseinandersetzungen. Damit entsteht eine bemerkenswerte Spirale der gegenwärtigen Creator-Ökonomie: Nicht mehr nur der ursprüngliche Konflikt ist der Content – sondern auch dessen Reaktionen, Gegenreaktionen und schließlich die Berichterstattung über die Berichterstattung.
Dabei sollte man zwei Dinge strikt voneinander trennen. Ein körperlicher Angriff, dessen Opfer Battermann nach einer Gerichtsverhandlung wurde, ist durch nichts zu rechtfertigen. Kritik an einem Medienmacher legitimiert niemals Gewalt. Umgekehrt bedeutet ein solcher Angriff selbstverständlich nicht, dass Battermanns publizistische Arbeit oder andere Vorgänge rund um seine Person keiner kritischen Betrachtung mehr unterliegen dürfen.
Frank Battermann ist längst selbst Teil jener Öffentlichkeit geworden, die er auf seinem Kanal kritisch begleitet. Wer andere mit Vergangenheit, Aussagen und Widersprüchen konfrontiert, muss denselben Maßstab auch für sich akzeptieren. Gerade diese Rollenverschiebung macht die «Fernsehschatztruhe» heute interessanter und zugleich poblematischer als ihren eigentlichen Inhalt.
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