«For all Mankind»: Die Serie der unbegrenzten Möglichkeiten

Keine andere Serie hat die Weite des menschlichen Potenzials in den letzten Jahren so spannend und eindrucksvoll ausgeleuchtet wie der Musterschüler von Apple.

Die vielleicht schönste Idee an «For All Mankind» ist eine zutiefst politische: Was wäre, wenn die Geschichte nicht anders verlaufen wäre, weil die Menschen plötzlich vernünftiger geworden wären, sondern weil sie einen anderen Anreiz bekommen hätten?

1969 betritt in dieser Welt nicht Neil Armstrong als erster Mensch den Mond, sondern ein sowjetischer Kosmonaut. Aus diesem an sich kleinen Unterschied entwickelt sich in diesem Format eine alternative Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Der Wettlauf ins All endet nicht, sondern wird zum permanenten Motor technologischer, gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen. Die Sowjetunion bleibt länger bestehen, die Mondbasis entsteht Jahrzehnte früher, Frauen und Minderheiten gelangen schneller in die Raumfahrt, und irgendwann ist der Mars kein fernes Science-Fiction-Ziel mehr, sondern ein Ort, an dem Menschen leben und politische Konflikte austragen.

Das klingt zunächst nach einem cleveren „Was wäre, wenn?“. Tatsächlich ist «For All Mankind» aber eines der ungewöhnlichsten und ambitioniertesten Serienprojekte der jüngeren Fernsehgeschichte, gerade weil die Serie diese Ausgangsidee nie als bloßen Gimmick behandelt. Sie fragt nicht nur, wie anders unsere Technologie aussehen könnte, wenn die Sowjets das Rennen zum Mond gewonnen hätten, sondern vielmehr, welche Welt wir hätten, wenn die Menschheit über Jahrzehnte hinweg tatsächlich einen Grund gehabt hätte, gemeinsam nach vorne zu schauen.

Damit ist «For All Mankind» letztlich weniger eine Serie über Raumfahrt als eine Serie über Fortschritt – darin liegt der zentrale Unterschied zu einem Großteil der modernen Science-Fiction. Denn dieses Format besitzt eine Eigenschaft, die im gegenwärtigen Fernsehen fast schon altmodisch wirkt: einen ernsthaften Glauben daran, dass menschlicher Fortschritt erstrebenswert und zugleich erzählenswert ist; nicht naiv, nicht frei von Gewalt und schon gar nicht frei von politischen Interessen – aber als Möglichkeit.

Die Science-Fiction der vergangenen Jahre hatte sich hingegen daran gewöhnt, die Zukunft als Dystopie zu denken: Künstliche Intelligenz bedroht den Menschen, Konzerne kontrollieren die Gesellschaft, ökologische Katastrophen zerstören die Welt, autoritäre Regime übernehmen die Macht. Selbst viele Utopien funktionieren nur noch als Gegenerzählung zur drohenden Katastrophe. «For All Mankind» geht einen anderen Weg und fragt sich: Was, wenn Konkurrenz tatsächlich Fortschritt erzeugt?

Das ist zunächst eine ausgesprochen amerikanische Idee. Der Kalte Krieg wird nicht als sinnloser Irrsinn erzählt, sondern auch als historischer Beschleuniger. Der Wettlauf der Systeme führt zu enormen technologischen Investitionen. Gleichzeitig weigert sich die Serie, diese Entwicklung moralisch zu verklären. Jede technische Errungenschaft hat ihren Preis. Raumfahrt wird militärisch, wirtschaftlich und geopolitisch instrumentalisiert. Menschen sterben. Staaten lügen. Unternehmen wollen Gewinne. Ideologien verschwinden nicht dadurch, dass man zum Mond fliegt.

Gerade diese Spannung macht die Serie so stark: Sie ist optimistisch, ohne naiv zu sein – und vielleicht ist das heute radikaler als jede Dystopie. Denn «For All Mankind» glaubt zugleich fest daran, dass Institutionen funktionieren können. Die NASA ist nicht einfach eine bürokratische Behörde, sondern ein Ort, an dem Menschen tatsächlich etwas schaffen wollen. Wissenschaftlerinnen und Ingenieure sind keine verschrobenen Nebenfiguren, sondern Protagonisten, die ihr eigenes Schicksal und das der Menschheit bestimmen. Technologie wird nicht nur als Gefahr gezeigt, sondern als kulturelle Leistung. Die Raumfahrt ist nicht Kulisse, sondern eine Form menschlicher Selbstdefinition.

Dabei ist erstaunlich, wie stark die Serie ihren Fortschrittsbegriff immer wieder erweitert: Der alternative Wettlauf ins All verändert nicht nur Raketen, sondern transformiert ganze Gesellschaften. Amerika wird anders, weil die Raumfahrt eine öffentliche Bühne schafft, auf der bislang marginalisierte Gruppen sichtbar werden können.

Gleichzeitig legt das Format großen Wert darauf, diese alternative Geschichte nicht als bloße Wunschvorstellung vorzustellen: Denn in «For all Mankind» verläuft Fortschritt alles andere als linear. Eine Welt kann technologisch moderner und zeitweise politisch brutaler zugleich werden. Menschen können auf dem Mars leben und gleichzeitig dieselben Fehler wiederholen, die sie auf der Erde gemacht haben.

Sukzessive – mit dem weiteren technologischen Fortschritt – wird schließlich der ganze Weltraum zur menschlichen Projektionsfläche, auf der unsere heutigen Konflikte immer noch erkennbar sind. Die Serie benutzt damit die Zukunft, um die Gegenwart lesbar zu machen. In einer politischen Gegenwart, in der demokratische Gesellschaften zunehmend von Erschöpfung, Polarisierung und Zukunftsangst geprägt sind, wirkt eine Serie über Menschen, die trotz aller Konflikte Milliarden investieren, um den nächsten Horizont zu erreichen, beinahe subversiv, weil sie sich weigert, den Gedanken aufzugeben, dass es überhaupt besser werden könnte.

«For All Mankind» weiß, dass der Mensch seine Konflikte mit ins Weltall nehmen wird: Kapitalismus, Nationalismus, Rassismus, Klassenunterschiede, Militarismus, Machtgier, Liebe, Eifersucht, Familie. Alles. Aber eben auch seine Neugier.

Vielleicht ist das die klügste Antwort, die diese außergewöhnliche Serie auf ihre eigene Ausgangsfrage gibt: Was wäre, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre? Vielleicht wäre der Mensch nicht besser geworden. Vielleicht wäre er nur weiter gekommen. Und genau dort, in diesem Unterschied zwischen moralischem und technologischem Fortschritt, findet «For All Mankind» seine eigentliche Größe. Die Serie erzählt vom Mond, vom Mars und schließlich vom Sonnensystem – aber im Kern handelt sie von der alten, immer noch unbeantworteten Frage, was Menschen mit ihren Möglichkeiten anfangen. Dass sie diese Frage über sechs Staffeln hinweg spannend halten kann, ist eine außergewöhnliche Leistung. Dass sie dabei gleichzeitig großes Melodram, historische Spekulation, politische Analyse, Familiengeschichte und Science-Fiction ist, macht sie zu einem der spannendsten Serienprojekte mindestens des letzten Jahrzehnts.
20.08.2026 11:20 Uhr Kurz-URL: qmde.de/174695
Oliver Alexander

super
schade


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