Bei Hooligans findet ein ins Abseits geratener junger Mann zum ersten Mal Anschluss in seinem Leben: Was macht die israelische Serie aus dieser Prämisse?
Ein junger Mann steht vor einem Fußballstadion, und eigentlich ist Fußball nicht einmal sein Ding. Dann gerät er in eine Auseinandersetzung und landet bei einer Gruppe, die ausgerechnet das verkörpert, was ihm bisher gefehlt hat: Zugehörigkeit. Anerkennung. Eine Familie. Nur dass diese Familie aus gewalttätigen Hooligans besteht und der junge Mann gleichzeitig als Spitzel für die Polizei arbeitet.
Man muss schon ziemlich viel falsch machen, um aus dieser Ausgangslage ein langweiliges Format zu produzieren. «Hooligans», die israelische Thrillerserie, schafft dieses Kunststück leider nicht ganz, aber sie kommt ihm erstaunlich nahe. Das ist umso bedauerlicher, weil die Voraussetzungen ausgesprochen interessant sind: Die achtteilige Serie von Lee Gilat erzählt die Geschichte des 20-jährigen Meni Azulai, der unfreiwillig zum V-Mann wird. Die Polizei setzt ihn unter Druck, weil er sich bislang dem Militärdienst entzogen hat, und verlangt von ihm, Kontakte zur Gruppe „Wächter der Mauern“ auszubauen. Dort findet Meni ausgerechnet jene Anerkennung und Geborgenheit, die ihm in seinem bisherigen Leben gefehlt haben.
Das ist ein bemerkenswert zeitgemäßer Konflikt: Was geschieht, wenn ein gesellschaftlicher Außenseiter in einer moralisch höchst fragwürdigen Gemeinschaft erstmals das Gefühl bekommt, irgendwo dazuzugehören? Leider interessiert sich «Hooligans» für diese Frage weniger, als man zunächst hoffen könnte.
Meni ist keine klassische Thrillerfigur. Er ist kein abgeklärter Ermittler, kein Actionheld und schon gar kein moralisch überlegener Beobachter. Er ist ein junger Mann, der eigentlich keine Perspektive besitzt. Dass ausgerechnet die Hooligans ihm eine solche Perspektive geben, bildet den psychologisch interessantesten Kern der Geschichte. Die Serie versteht zunächst, dass Radikalisierung nicht zwingend dort beginnt, wo jemand eine Ideologie übernimmt. Sie kann schon viel früher ansetzen: bei dem Wunsch, endlich irgendwo dazuzugehören. Das ist die große Idee von «Hooligans». Und leider auch ihre größte verpasste Chance.
Denn anstatt diesen Gedanken konsequent auszuleuchten, verwandelt die Serie ihn zunehmend in einen konventionellen Gangsterthriller. Die Handlung führt von Racheaktionen über Überfälle bis zu Drogengeschäften; aus dem Konflikt zwischen Meni und seinem Umfeld wird immer stärker eine Abfolge von Operationen, Gegenschlägen und Loyalitätsproben. Das ist spannend genug, aber intellektuell deutlich weniger interessant. Denn Gewalt ist nicht automatisch ein Thema, nur weil Gewalt auf dem Bildschirm stattfindet.

Gerade eine Serie über Hooligans müsste sich fragen, welche gesellschaftliche Funktion diese Gruppen eigentlich erfüllen. Warum entsteht eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich über Gewalt definieren? Was unterscheidet Fanatismus von Gemeinschaft? Warum ist die Zugehörigkeit zu einer gewalttätigen Gruppe für einen jungen Menschen emotional attraktiver als die Zugehörigkeit zu jener Gesellschaft, die ihn anschließend als Problemfall behandelt? «Hooligans» berührt diese Fragen, beantwortet sie aber kaum. Stattdessen verfällt die Serie immer wieder einer eigenartigen Milieuromantik: Die „Wächter der Mauern“ sind zweifellos gefährlich. Sie sind kriminell, brutal und bereit, ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Gleichzeitig werden sie als Männerbund inszeniert, der klare Regeln besitzt und seinen Mitgliedern eine fast familiäre Wärme bietet. Die Serie möchte beides gleichzeitig: die Gruppe als kriminelle Vereinigung verurteilen und sie als emotional funktionierende Ersatzfamilie zeigen. Diese Ambivalenz wäre grundsätzlich ein großer Vorzug. Nur müsste die Serie daraus auch eine wirkliche Ambivalenz entwickeln.
Die Serie «Hooligans» wird bei one und in der ARD Mediathek ausgestrahlt.
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel